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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 36 DIE^ELT 13 Daraufhin richtete Ber Isakow an mich die Frage; „Kennen Sie Chejlew-Meschiimodim?" Ich verstand ihn nicht. Er bemerkte scherzend: W'io b'chejlew Nachum (eine Verkoppeiiing eines Endsatzes und des Anfanges eines darauffolgenden Salzes der Mischnaioth, Abschnitt „Bameh Madlikin", Massechet Sabbat). Ich bestätigte: Nachum versteht wirklich die Chejlew-Geschichte nicht. Nun will ich euch erzählen — sagte Ber Isakow — wie ein schwergeprüfter Kantonist durch den Ekel gegen Chejlew in den „Schmad" (Taufe) hineingetrieben worden ist. Wir staunten. Im Gegenteil! Der Ekel vor Chejlew dürfte ja vom Schmad abhalten! Und nun waren wir auf die Geschichte gespannt. In unserem elenden Nest — erzählte Ber Isakow — in dem von der Gouvernementsstadt acht und von der Eisenbahnstation sechs Meilen entfernten Dorfe, auf dem sumpfigen Sande, waren vier, von der Kreisstadt hergesandte Kosaken, zwei Polizisten und vin aus freien Stücken wirkender, junger Lehrer namens Metodiusch i omaschow mit der Bekehrung der Kantonisten beschäftigt. Letzterer ließ als Jude Moisiej und stammte aus dem polnischen Städtchen iomaschow. Er ist ein furchtbarer „Roscho" geworden. Ich hörte rüher, wie er auf die Bekehrer zu schimpfen pflegte, als er in seiner Stube mit den Fäusten nach der Richtung gegen die Kreisstadt drohte und tiefdurchdrungen sagte: Niechej tolke mene ne rogajut! .... (Mögen sie mich nicht anrühren) dam ja im! (sie verden von mir was zu spüren bekommen.) Am nächsten Morgen kam die eben erwähnte Taufexpedition uid setzte ihre Werkzeuge in Bewegung. Moisiej flüchtete sich such dem Walde und irrte bis zum nächsten Abend unter Kienlaumreisern herum. Er kam dann wieder zurück, rauchte nervös seine Zigarette, traktierte den Kosakenoffizier und sagte mit erhobener stimme: A kto oporstwujet, towo znajete, wyporot' choroszenko! Und wer Widerstand leistet, muß tüchtig durchgeprügelt werden). Die Kosaken schüttelten verständnisvoll die Köpfe und wiederholten: Imienno porot! (Man muß eben prügeln). Man durfte ihn iber nicht mehr prügeln, denn er war schon in der Lage, seinen i aufschein zu zeigen. Er hatte sich auf dem Rückwege vom Popen aufen lassen und ist ein großer „Roscho" geworden. Ein Bruder unseres Metodiusch war eines der ersten Opfer lieser kosakischen Belehrung. Es waren schwere Zeiten! In den ehmbeklebten Hütten mit den Faschinschornsteinen hörte man die Yen rufe der unlängst aus dem Ansiedlungsrayon hergeholten Cinder und asthmatischer, frühzeitig durch übermäßige Arbeit rummgebeugter „Nikolajewskie" (Nikolaus-Soldaten). Die noch Dienenden" und die schon „Ausgedienten" wurden mit Nagaikaieben bearbeitet. Zuweilen wurden die Widerspenstigen in vollen uhren nach den Ostrogen (Gefängnissen) in Jeletz, Orel, Kursk nd Rjazan befördert. Von dort wurden ganze Mengen nach den chneesteppen Sibiriens verbannt; andern gelang es, spurlos zu erschwinden. Der große Feldzug dauerte einige Monate. Dann begannen e kleinen Streifzüge, die bis zum Tode Nikolaus I. sich oftmals iederholten. An den Küsten der Wolga fügte sich das im Exil und Bedrängnis bende Kantonistenvölkchen scheinbar resigniert. Der eine oder idere wohlhabendere Kantonist pflegte im Geheimen nach dem nsiedlungsrayon zu ziehen, um sich dort trauen zu lassen oder an inen Kindern den Beschneidungsritus zu vollziehen. Die meisten kl die ärmeren ließen die Ohren hängen und blickten manchmal den größeren Städten, wo kleine Judengemeinden existierten, ich die Spalten der Bretterzäune in die jüdischen Synagogen :' nein. Nachdem die Regierung im Innern Rußlands die meisten nagogen geschlossen hatte, beugte sich das wachsame, rniß-!-mische, wortkarge und tiefschlaue Kantonistenvolk mit zweideutiger Miene und nachdenkend vor der griechisch-orthodoxen Geistlichkeit. Zuweilen trat auch der jüdische Humor hervor. Inmitten der Verfolgungen ereignete sich folgender charakteristische Fall: In Gorowka, an der Wolga gelegen, befand sich eine griechischorthodoxe Kirche, deren Pope sich die Finger vor Verzweiflung biß. Alle seine Pfarrkinder waren Kantonisten. Sie kamen nicht zum Gottesdienst, befriedigten keinerlei religiöse Bedürfnisse, lebten in „wilder Ehe" mit Dorfweibern und ließen ihre Kinder nicht taufen. Sie waren selbst kaum getauft. Dieser Zustand kompromittierte den Popen in den Augen seiner Obrigkeit. Man fragte, wozu man eigentlich einen „geistlichen Vater" brauche, wenn die Kirche immer leer stehe. Vergebens bemühte sich der Pope, die in ihrer Kindheit getauften Kantonisten nach Erreichung ihrer Volljährigkeit zu einer abermaligen Taufe — wie es die kanonischen Gesetze erheischten — zu bewegen. Die Kantonisten verstanden es immer, sich dieser Zeremonie zu entziehen. Gegen Ende des Sommers fiel ein Ablaßtag. Es war für den Popen in Gorowka ein Trauertag. Es war zu lächerlich, in einer leeren Kirche einen Gottesdienst zu veranstalten. Trotzdem schmetterten die großen und kleinen Glocken aus dem neuen Turm grelle Töne in die endlosen Wolgastrecken hinaus. Der Pope hatte niemand erwartet. Aber diesmal geschah ein Wunder. Auf die Signale des Kirchengeläutes hin eilten mit einem Male von verschiedenen Seiten kleine Wägelchen galoppierend hin. Die in den Dörfern zerstreuten, „ausgedienten" ackerbautreibenden Kantonisten kamen, banden ihre Pferde an die Barriere, die die Kirche umringt. Sie zankten sich sogar um bessere Plätze für die Pferde, als ob nichts geschehen wäre. Die Dienstleute des Popen schauten zu und trauten ihren eigenen Augen nicht. Sind es nicht die verstocktesten Kantonisten? Was ist denn mit einem Male geschehen? Sind sie mit einem Male fromm geworden? Lärmend liefen die Dienstleute auseinander; die einen eilten mit der frohen Kunde zum Popen, die andern, um Kerzen für die unvermutete große Feier in der Kirche herbeizuholen. Die Altartüren knarrten. Die Weihrauchwolken füllten den Saal. Die Baßstimme des Ponomaren schallte grob und gebieterisch: Gospodi pomiluj! (Herr erbarme dich!) ■ Die Kantonisten ließen die Wägelchen stehen und liefen scharenweise dem nahegelegenen Wolgaufer zu. Der Pope hatte sie immer ermahnt, sich nochmal einer richtigen Taufe zu unterwerfen. Diesmal warteten sie nicht auf die Strafpredigt. Sie entkleideten sich wie auf Kommando, plätscherten im Wasser und riefen: Miesta Wolgie dostototschne.....Wykupatsia mozno zdorowo! (Es ist Wasser genug in der Wolga.....man kann gut baden.) Nach" einigen Minuten war das Bad zu Ende und die Leute zerstreulen sich nach allen Seiten. Wie das geschehen war, wußte man anfangs nicht. Man hatte sie jahrelang früher furchtbar gequält, nun entschlossen sie sich auf einmal zu einer Taufe en masse. Der Pope war verblüfft, er machte Handbewegungen zum Segen, und bevor er zur Besinnung kam, war die Gemeinde verschwunden. Es war ein Stück jüdischen Galgenhumors. Es stellte sich dann heraus, daß sie von der Kreisstadt eine „Powiestka" (Anzeige) bekommen hatten, daß man ihnen Vieh und Getreide sofort wegnehmen werde, falls sie sich nicht taufen lassen. Da war ein Witzbold unter ihnen, der sagte: Was werden wir uns herumquälen? Wenn schon — denn schon, und sie machten alle zusammen eine natürliche Taufe in der Wolga durch. Es ist nämlich ein griechisch-orthodoxer Brauch, daß die Taufe in einem Flusse vollzogen wird. In jenem Pfarrsprengel — fuhr Ber Isakow fort —, lebte ein sonderlicher Kerl. Er war äußerst arm und in Fetzen gekleidet,

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