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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE ELT No. 36 Das Palästinaressort hofft, daß ein jeder Zionist, der bisher noch keinen Baum gespendet hat, dies nunmehr bestimmt tun wird. Das Palästinaressort des Engeren Aktionskomitees: O. Warb Li rg. P.S. Sämtliche Parteiblätter werden um Abdruck dieser Mitteilung gebeten. Herzliah Ferienkolonie und Sanatorium in Moza In der Kolonie Moza, an der Wagenstraße von Jerusalem nach Jaffa, dreiviertel Stunde Wegs von der heiligen Stadt gelegen, hat Dr. Herzl vor acht Jahren eine Zypresse gepflanzt. Dieser Baum steht in der Mitte der Weinberge Mozas, welche den Schmuck der westlichen Umgegend Jerusalems bilden. Gesunde, reine Gebirgsluft weht dort den ganzen Sommer hindurch Kühlung zu, und süßes Wasser quillt am Fuße des Berges hervor. Der Platz eignet sich ganz besonders zur Anlage einer Ferienkolonie mit Sanatorium für alle Erholungsbedürftige, vorzüglich für Gelehrte und Studierende, für Lehrer und Schuljugend. Die Errichtung eines solchen Instituts in Palästina ist ein seit lange tief empfundenes Bedürfnis. Während fast alle christlichen Genosssnschaften Sanatorien in der Umgebung Jerusalems besitzen, fehlt den Juden Palästinas bis heute ein solches Institut gänzlich. Ferienheim und Sanatorium, auf einer von Herzl selbst geweihten Stelle errichtet, soll aber gleichzeitig ein Denkmal sein dem Manne, der dem jüdischen Volke neuen Lebensmut einflößte, Begeisterung und Tatkraft für seine Ideale gegeben. Der Anfang für die Herzliah (das Herzlheim) ist bereits gemacht, das Grundstück um die Herzlzypresse im Umfang von zirka 12 Dunarn (10 800 qm), wovon ein Drittel ein Geschenk der Bne-Brith-Loge, ist bereits in den Besitz der Anglo Palestine Comp, übergegangen, ein Garten ist angelegt, von einer Trockenmauer unigeben und mit einer großen Zisterne versehen worden. Nunmehr soll an die Errichtung eines Gebäudes geschritten werden, würdig des Mannes, dessen Namen es führen soll, würdig der jüdischen Nation. Das unterzeichnete Komitee richtet an das gesamte jüdische Volk die Bitte, sich mit Liebe der „Herzliah" anzunehmen. Spenden sind zu richten an die Adresse der Anglo Palestine Comp. Ltd. Jaffa, Jerusalem, Beirut oder an die Jüdische Kolonialbank, London. Das Komitee zur Errichtung des Ferienheims „HERZLIAH" D. Levontin. E. Cohen. I. Levy. J. M. Pines. E. Eisenstadt. D. Yellin. rr~ o if FEUILLETON ODDODOIO ----JJ o Ein Talg-Maranne (Eine Kantonisten-Erinnerung) Wir unterhielten uns in einem Talmudistenkreise über die verschiedenen Kategorien der „Meschumodim" (getaufte Juden), über Frankisten, Missionärentäuflinge, über die Sektirereiversuche Moses Rosensohns in Wilna und Joseph Rabinowitschs in Kischinew, über Bratia Biblejtzy" (Biblische Brüder) und „Jevrejskeie Bratstwe" (Jüdischer Bruderverein), über die Meschumodim der Petersburger und Moskauer Austreibung der 80er Jahre u. dgl Unter all diesen Kategorien -■- sagten wir --- sind doch die Kantonisten die kuriosesten. Und einer der letzteren saß in unserer Mitte. Er hieß Ber Isakow, war ehemals russischer Unteroffizier und „privilegierter Invalide", kehrte nach vierzigjähriger Karriere in dem ihm aufgezwungenen Glauben nach Polen zurück und verlebte seine letzten Lebensjahre in seiner Geburtsstadt, im Beth Hamidrasch, als frommer Jude. Er erzählte oft aus der kantonistischen Märtyrerzeit viel Herzzerreißend-Tragisches, aber auch manch possierliches Geschichtchen. Die Ereignisse spielten sich bekanntlich an der Wolga ab. Es waren dort ganze Kantonistendörfer, wo die in ihrer Kindheit — unter Nikolaus I. - - zwangsweise getauften Juden, halb noch im Militärdienste stehend, halb schon „ausgedient", sich mit Ackerbau beschäftigten. Man hatte ihnen Grundstücke zugewiesen und wollte sie in echte großrussische Bauern umwandeln. Viele unter ihnen widerstanden allen möglichen Versuchungen und ließen sich nicht taufen. Viele waren halbgetauft und kehrten wieder zum Glauben ihrer Väter zurück, wofür sie den furchtbarsten Qualen ausgesetzt waren. Es waren auch schon manche Kantonisten in der zweiten Generalion, assimilierte und zugleich rücksichtslose Assimilatoren, ganze, halbe und Viertel-Meschumodim. Unser Ber Isakow war aus der Wolgagegend entflohen, verstand kaum ein Wort „Jüdisch", sah wie ein richtiger „Jowen" aus, begann in unserem Städtchen das hebräische Alphabeth zu lernen und wurde ein frommer Jude. Die Kehilla beherbergte ihn liebevoll, und er war mit dem Nimbus eines Märtyrers umgeben. Die Behörden durften nichts von seiner Vergangenheit erfahren. Die Sache war zu gefährlich. Er beteiligte sich auch oft an unseren „Ssichas-Chulin" (profanen Unterhaltungen), und wir pflegten oft das Meschumodimthema zu streifen, um ihn zum Erzählen über seine kantonistischc Vergangenheit anzuregen. Ich sagte einmal: „Ein Kantonist ist nicht zu verurteilen, er ist ein „Tinok Schenischbo", (ein Kino unter Gojim gefangen — talmudistische Bezeichnung für unbewußt abtrünnig gewordene Juden). „Sehr rücksichtsvoll von Ihnen", sagte Ber Isakow, „aber wem das „Tinok" erfährt, daß es Jude ist, darf es nicht in der Gefangen schaft bleiben, auch nicht einen Augenblick!1* Darauf erwiderte ich mitdemtahnudischen Spruch „En Chowuscl matir atzmo mibeth hoassurirn" (ein Gefangener kann sich nich selbst vom Kerker befreien). Er lächelte und glättete seinen langen, weißen Bart. Ich las ii seiner selbstzufriedenen Miene den Gedanken: Doch habe ich mid selbst befreit! Ein Stück Autoenianzipation, — nur nicht „öffentlich rechtlich". Hätte der Gorodowoj (Schutzmann) auch nur ein Ahnung, wer dieser weißbärtige Greis im Kaftan ist, er würde ih sofort verhaften. Eines Tages saßen wir und plauderten über die verschiedene „Anussim" (Zwangstäuflinge). Jemand gebrauchte den talmudische Ausdruck „gere Arojoth" (Proselyten aus Zwang) —- im un gekehrten Sinne. Auf die Täuflinge, bei denen das „cherchez i fenime" zur Geltung gekommen ist, anspielend, machte ich de Witz, daß es auch Gere Arojoth mit Ajin anstatt Aleph gäbt (Arojoth mit Aleph bedeutet: Löwen, d. h. Kraft, Zwang, Arojot mit Ajin, Pluralform von Erwah, bedeutet: verbotener geschlech' licher Verkehr.)

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