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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE3aEELT Beweis für die Notwendigkeit des Zionismus? Die nationale Not, die sich in solchen Ereignissen zeigt, ist eigentlich viel größer als die wirtschaftliche Not der jüdischen Massen in den Ländern des Ostens. Jedes andere Volk mißbraucht die politische NO. 36 Moral zum Schaden anderer; das jüdische Volk tut dies zu seinem eigenen Schaden. Wir halten das für die höchste Tragik in unserm Golusleben. Amittai. AMERIKANISCHER BRIEF Endlich ist es auch in den Vereinigten Staaten zu einer Auseinandersetzung des Zionismus mit dem Reformjudentum gekommen. Der seit lange angehäufte Zündstoff ist mit dem Erstarken des Zionismus innerhalb der letzten drei Jahre dem Entladungsmomente immer näher gerückt. Und nun hat die Explosion stattgefunden, mitten in der Hochburg des Reformjudentums, im Hebrew Union College in Cincinnati: Die stolze Gründung des Dr. Isaac M. Wise ist in ihren Grundfesten erschüttert. Noch im Jahre 1897 konnte dieser den Zionismus mit einer energischen Geste und mit der Bemerkung abtun: „Jene neue Messiasbewegung jenseits des Ozeans geht uns nichts an." _ Heute ist der Zionismus eine Macht, an der das Hebrew Union College zerschellen kann, dank dem bigotten Reformfanatismus seines gegenwärtigen Rektors und der systematischen Verhetzung seitens einiger Scharfmacher, die gern im Trüben fischen. Mit seinem Antizionismus einerseits und seiner kürzlich erfolgten programmatischen Selbstbestimmung als theologisches Seminar, ausschließlich zur Heranbildung amerikanischer Reformtheologen bestimmt, ist das College in eine ganz neue Phase eingetreten. Wise, der Gründer und frühere Rektor des College, war doch noch ein Liberaler vom alten Schrot und Korn, der das Mittelalter kräftig von sich abzuschütteln gewußt hatte. Selbst Antizionist, hatte er einen begeisterten Zionisten in seinem Lehrkörper, und nie ist es ihm beigekommen, demselben seine rege literarische oder sonstige propagandistische Tätigkeit für den Zionismus in irgendeiner Weise zu verkürzen. Noch wäre es ihm überhaupt eingefallen, das religiöse Denken und Handeln eines Dozenten oder Studenten beeinflussen oder kontrollieren zu wollen. Bezeichnend sind die Worte, die dieser Vorkämpfer des amerikanischen Reformjudentums einst an einen jungen jüdischen Gelehrten in Deutschland schrieb, den er als Lehrer an das H. U. C. zu berufen hoffte: „Was Ihre etwa geerbte Orthodoxie betrifft, so hat das auf den Lehrkörper bei uns gar keinen Einfluß. Die Anstalt ist akademisch, ganz wie die Universität in Berlin oder sonst wo .... Was ein Lehrer außerhalb des Colleges tut, wenn er nur standesgemäß lebt, ist für uns ganz gleichgültig." Am allerwenigsten aber hätte er sich unterfangen, die akademische Lehrfreiheit zu beschränken oder zu verneinen. Denn „das H. U. C. wurde gegründet," so erklärte er im Jahre 1881, „nicht als eine sektiererische Bildungsanstalt für Prediger, sondern als ein Zentrum für die jüdische Wissenschaft. Unter dem geistigen Zwang, so und nicht anders denken, glauben oder handeln zu müssen, können sich nur heuchlerische, schwächliche, kraftlose Charaktere bilden. Wahre Männlichkeit mit kräftigen Überzeugungen . . . kann nur in der Atmosphäre geistiger und moralischer Freiheit reifen. Sollte ein Student, Dozent oder ehemaliger Hörer die Prinzipien der „Schule" verlassen und von dem Rechte des eigenen Nachdenkens Gebrauch machen, so bestreite man ihm dieses Recht nicht und gedulde sich mit ihm . . ." Solcherart waren die Prinzipien und Traditionen des Colleges, denen Wise und andere bei den mannigfachsten Gelegenheiten beredten Ausdruck verliehen. Das ist nun freilich jetzt unter der Leitung des Herrn Dr. Kohler alles ganz anders geworden, wiewohl sich dieser bei seinem Amtsantritt auf jene Prinzipien und Traditionen seines Vorgängers vertraglich verpflichtete. Früher heißblütiger Gegner der Orthodoxie und alles konservativen Judentums, ist * Dieser Brief ist uns schon eine Zeit vor dem Kongresse zugekommen; wir hatten jedoch bisher keine Gelegenheit, ihn zu veröffentlichen. Indessen ist er seither durchaus nicht inaktuell geworden. Anin. d. Red. jetzt Dr. Kohler ein noch glühenderer Hasser des Zionismus. In seinem Wesen fanatisch und seinem Denken dogmatisch, fehlt ihm die Fähigkeit, eine von der eigenen abweichende Überzeugung zu tolerieren oder gar zu achten. Gleich im ersten Jahre seines Rektorats wollte er allen Ernstes einem Studenten seiner zionistischen Gesinnung wegen das Rabbinerdiplom verweigern, und es kann wahrlich nicht wundernehmen, daß sowohl der als zionistischer Führer wohl bekannte Dr. J. L. Magnes wie auch Prof. Caspar Livias ihrer zionistischen Differenzen mit dem Präsidenten halber zu resignieren für gut befanden. Mit der innerhalb des letzten Jahres erfolgten Stellungnahme des orthodoxen Rabbinerseminars in New York zugunsten des Zionismus ist aber der Antizionismus am H. U. C. in Cincinati zur Manie oder richtiger zur Parteisachc geworden. Nicht nur wurde der Zionismus jetzt auf der Kanzel und ir der Presse als politisch gefährlich und praktisch unmöglich, al? unamerikanisch und mit den Reformjudentum unvereinbar gebrandmarkt, sondern der Rektor ging auch dazu über, in den homil Übungen eine strenge Zensur der Studentenpredigten auf dei Zionismus hin einzuführen, und als einer der Dozenten es einma wagte, in der Coilegesynagoge eine zionistische Predigt zu halten erklärte er öffentlich, auch die Predigten der_ Professoren einer Zensur unterwerfen zu müssen. Einem anderen Dozenten machte der Rektor heftige Vorwürfe darüber, daß er öffentlich übe Zionismus gesprochen habe, und suchte ihm auch sonst in seine zionistischen Tätigkeit hinderlich zu sein. Natürlich ist es auch mi der alten Lehr- und Lernfreiheit vorbei. Dem zionistischen Lehre der Bibelexegese sollte, obwohl es absolut feststeht, daß diese stets streng wissenschaftlich, niemals aber im Sinne seiner parte; politischen Überzeugung unterrichtet hatte, dieses Fach weggenommen werden, da nach den Worten des Präs. das College einen vorgefaßten Parteistandpunkt in jüdischtheol. Fragen einnehme i und diesen mit Ausschluß jedes anderen Standpunktes lehren müsse; daß der gesammte Unterricht im College, besonders aber der bib lische, im letzten Grunde zu diesem Standpunkte hinaufleite müsse; denn das College sei keine akademische Anstalt, in welche jüdische Streitfragen unumschränkt erörtert werden könnten, ui es den Studenten zu ermöglichen, selbständig denken zu lernei sich einen eigenen Standpunkt zu verschaffen, sondern ein Semin: ausschließlich zur Heranbildung von Rabbinern für das amerü Reformjudentum." Daß die drei zionistischen Dozenten Dr. Margolis, Malter un Schioessinger es unter solchen Umständen für richtig fanden,; i resignieren, kann nicht wundernehmen. Wundern kann man sin nur, daß die verbleibenden Mitglieder der Fakultät und Studente schaft sich diese Art der geistigen Bevormundung gefallen lasse Wichtiger aber als die Resignationen der Dozenten und Studente; mit denen wir aufrichtig sympathisieren, ist die Tatsache, daß d:; H. U. C. mit der Aufstellung dieser Prinzipien, wie sie der Rekt formuliert und ausgesprochen, seine frühere Bestimmung als „e i Zentrum für die jüdische Wissenschaft", ein akademisches Foru: i für das gesamte Judentum in Amerika aufgegeben und sich offizie i zum parteipolitischen Lehrsitz einer bestimmten Sekte im Judentum. des amerikanischen Reformjudentums, unter strengem Ausschluß — i! ] Lehrkörper wie in der Studentenschaft — jedes anderen Standpunkte hat wandeln lassen. Wie die Methodisten, Baptisten, Unitarier, Koi - gregationalisten, Episkopatier, Adventisten innerhalb der christliche!

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