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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 36 DIE^ELT Allerdings gab es damals keine Volkspolitik, sondern nur Kabinettspolitik, und für die gesitteten Völker Europas läßt sich die Entschuldigung anführen, daß die staatlichen Bündnisse nicht von Volk zu Volk, sondern von Kabinett zu Kabinett geschlossen wurden. Die humanen und kosmopolitischen Ideen des Zeitalters Rousseaus hatten noch keinen Einfluß auf die Gestaltung der internationalen Politik. Indessen sieht es auch jetzt, anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts, in dieser Hinsicht nicht besser aus, obwohl doch zugegeben werden muß, daß heutzutage die Volksmeinung auch bei der Bestimmung der auswärtigen Politik von der größten Bedeutung ist. Es muß leider zugegeben werden, daß wir in der politischen Moral im Vergleich zu den Zuständen vor fünfzig Jahren einen Niedergang erleben. Vor etwa zwanzig Jahren hat ein bekannter Staatsmann angesichts der bekannten Vorgänge in Bulgarien den Ausspruch getan: Es gibt kein Europa mehr. Wenn wir jetzt sehen^ wie sich die zivilisiertesten Völker in Europa und in Amerika zu der Judenfrage stellen, möchten wir diesen Ausdruck dahin variieren: Es gibt keine Solidarität der gesitteten Menschheit mehr! Die neueste Phase in der Entwicklung der internationalen Politik ist zurzeit ein Bündnis oder eine Verständigung — ich kenne mich in dem diplomatischen Jargon nicht recht aus — zwischen England, Frankreich und — Rußland. Das traurigste dabei ist? daß niemand mehr an diesem politischen Verhältnis, an dieser schlimmen Mesalliance moralischen Anstoß nimmt, als ob dies das natürlichste Ding der Welt wäre. Noch vor fünfzig Jahren, als Frankreich kaiserlich war, galten die beiden großen Westmächte als die Beschützerinnen der Freiheit und der Volksrechte. Alle unterjochten und in der Knechtschaft gemißhandelten Völker rechneten auf ihre Fürsprache und ihren Beistand. Man konnte es für eine mathematische Unmöglichkeit halten, daß England und Frankreich auch nur mit Österreich, weil es sich der Befreiung Italiens entgegensetzte, ein politisches Bündnis eingingen. Es ist nicht einmal vorgekommen, daß die Regierungen der genannten Mächte wirksam gegen die Ausschreitungen der Despotie eingriffen, und mit kleineren Staaten machte man kurzen Prozeß und erinnerte sie in recht deutlicher Weise an ihre Pflicht gegen Menschlichkeit und Gesittung. Auch den Juden in den asiatischen und halbasiatischen Reichen kam diese öffentliche Moral nicht selten zu Hilfe. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als das republikanische Frankreich aus begründeter oder eingebildeter Angst vor einem neuen kriegerischen Überfall immer mehr sich Rußland näherte, erschöpften alle Publizisten und Politiker ihren Witz an diesem sonderbaren Verhältnis zwischen Republik und monarchischer Selbstherrschaft. Man spottete damals, Europa werde nicht republikanisch oder kosakisch werden, wie Napoleon ernst prophezeite, sondern republikanisch und kosakisch. Selbstverständlich konnte dieses Bündnis nur als politische Perversität behandelt werden, der sich ein über sein Unglück wahnsinnig gewordenes Volk nur für kurze Zeit hingab. Das Erwachen und das Losreißen von diesem unwürdigen Verhältnis werde schon früh genug erfolgen. Einige Jahre, nachdem der selbstherrliche Alexander III. stehend die Intonierung der Marseillaise angehört hatte, bekamen wir Juden die Wirkung jener politischen Perversität zu spüren. Im Jahre 1891 erfolgte die grausame Vertreibung der Juden aus Moskau, und um dieselbe Zeit schloß die russische Regierung ein großes, Milliarden umfassendes Aniehen in Frankreich ab. Rußland machte damals den freilich mißglückten Versuch, eine dreiprozentige Anleihe auf den Markt zu bringen. Auch das Pariser Haus Rotschild war an diesem Geschäft beteiligt. Als es am Ende diesen schmachvollen Handel doch aufgab, empfanden die französischen Patrioten dies als einen Verrat an den französischen Interessen. Statt sich also selbst dieses schnöden Handels zu schämen, muteten sie den jüdischen Banquiers die Mitschuld an diesem Verbrechen zu. Bis vor einigen Jahren hielten sich noch Großbritannien und die große amerikanische Republik von den russischen Geschäften, von den politischen wie von den finanziellen, so ziemlich fern. Auch die jüdische Sache fand in London und in Washington einige Unterstützung, wenn auch leider eine laue, nicht genügend nachdrückliche. Hinsichtlich des Verhaltens der amerikanischen Union kann man schon seit etwa drei Jahren, seit den großen Siegen Japans, eine bedeutsame Änderung wahrnehmen. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo sich die öffentliche Meinung über die Judengreuel in Rußland aufs höchste empört zeigte, verfolgten bis dahin eine antirussische Politik. Der Regierung in Washington war es durchaus unangenehm, Rußland in Ostasien sich festsetzen zu sehen. Noch kurz bevor Japan die Sache in die Hand nahm, hatte man von Amerika aus eine sehr energische Sprache gegen Rußland geführt. Und da um jene Zeit die Ereignisse in Kischinew vorkamen, konnten sich die Amerikaner vor Abscheu und Empörung gegen die russische Regierung gar nicht fassen. Nach den großen Siegen Japans, als die amerikanischen Besorgnisse sich nicht mehr gegen Rußland, sondern gegen Japan richteten, änderte sich auch die Stimn ung der Amerikaner bezüglich der Behandlung der Juden in Rußland. Die Metzeleien vom November 1905 riefen in Amerika bei weitem nicht mehr eine solche allgemeine Entrüstung hervor, wie zwei Jahre zuvor die Schreckenstage von Kischinew und Hornel. Das politische Schiff Amerikas konnte nicht mehr die Last der Judenfreundlichkeit tragen; sie mußte über Bord geworfen werden. Und in diesen Tagen ist endlich auch das freie England diesem Beispiel gefolgt. Wo alle gesitteten Völker das despotische und judenfeindliche Rußland lieben, kann schließlich England allein nicht hassen. Schon vor einem Jahre hat der englische Minister des Auswärtigen, Sir Edward Grey, nach dem Pogrom von Bjelostok die Aufgabe übernommen, die russische Regierung formell von aller Mitschuld an den Judenmetzeleien freizusprechen. Man hat sich damals über diese Milde und Nachsicht des englischen Staatsmannes gewundert, wie man auch den Abstand zwischen der ungeheueren Erregung der öffentlichen Meinung in England anläßlich der Pogrome in den Jahren 1881 und 1882, und dem lauen Verhalten gegenüber der Menschenschlächterei vom November 1905 befremdend fand. Die Erklärung für diesen Umschwung in der politischen Moral ist nunmehr gegeben. Die englische Diplomatie setzt die Bildung ihrer Weltpolitik fort, sie baut das Völkerbündnis, in dem Rußland nicht fehlen darf, weiter aus. Ohne daß die öffentliche Meinung in dem freiheitlichen und auf. seine Menschlichkeit stolzen Großbritannien daran ein Ärgernis fände, wurde die Verständigung zwischen England, Frankreich und Rußland herbeigeführt. Die „erschreckende Vorurteilslosigkeit" der politischen Moral ist jetzt soweit gediehen, daß man sich nicht einmal mehr die Mühe geben will, dem nackten Egoismus auch nur ein Feigenblättchen anzuhängen. Man schämt sich solcher Dinge nicht mehr, und das ist wohl das Beschämendste an der ganzen Sache. Und nun stehen wir Juden vor der Frage: wie sollen sich jüdische Politiker und jüdische Finanziers solchen Vorgängen gegenüber verhalten? Unsere „Großjuden", die von der zionistischen Bewegung, von der jüdisch-nationalen Ehre nichts wissen wollen, behaupten oft feierlichst, und zwar so oft und so feierlich, daß sie schließlich selbst daran zu glauben scheinen, daß es einen Konflikt zwischen Patriotismus und jüdischer Selbstachtung nicht geben könne. Aber einerseits beteiligen sich Juden aus mißverstandenem Patriotismus an der Gewährung von Unterstützungen für Rußland, ohne Rücksicht darauf, daß sie sich dadurch zu Mitschuldigen an den gegen die Juden verübten Greueltaten machen, und anderseits sitzen die Herren in den Komitees zur Unterstützung der jüdischen Flüchtlinge, der Geplünderten und der Hinterlassenen der Ermordeten. Wie reimt sich das zusammen? Liegt nicht darin der stärkste

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