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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 _ ' --DIE^ELT - No. 36 „Wißt ihr denn, was Erde ist?" Eine Rosch-Haschanah-Erinnerung. Wir saßen im Kreise und horchten . . . Rhythmisch, fast wie kadenzierte Prosa, klang seine schlichte, schmucklose Rede. Seine Augen blickten in die Weite, als ob sie etwas sähen, was sich mit mächtiger Gewalt in ihnen eingeprägt hatte, und sein gebräuntes Gesicht war von einem Lächeln des stillen, mühevoll errungenen Glückes umschattet.. Er kam zu uns nach langer Abwesenheit, — er kam aus Palästina. Es war am Vorabend des „Rosch-Haschanah", Herbstanfang. Etwas Schwermütiges in der Luft. Nichts Frohes, nichts Freudeverkündendes. Wir, die kleine Gemeinde, für die dieser Tag den Anfang eines Jahres, eine Wende bedeutete, fühlten uns so einsam, so allein in dieser großen, großen Stadt, wo Hunderttausende von Menschen rings um uns leben und arbeiten, ohne daß ein Schimmer der Heiligkeit dieses unseres Neujahrstages in ihr Leben fiele und es heilige. Und der Qualm des Lebens um uns trübte auch unsere Stimmung und — berußte sie mit schweren, düsteren Fragen. Warum heute Neujahr? Was ist der heutige Tag mehr als der gestrige? Ist der Einschnitt in der Zeit auch ein wirklicher Einschnitt in das Leben, ein Ring neuen Wachstums? Wo ist der Sinn, wo ist der Sinn? .... Und wir waren im Kreise um den Mann, der aus Palästina kam, aus dem Lande, das dieses Neujahrsfest geschaffen, geheiligt, in das Buch der Welt eingeschrieben hat. Rhythmisch, fast wie kadenzierte Prosa, klang seine schlichte, schmucklose Rede, wenn er mit verträumten Augen von jenem Lande' sprach. Vom Rosch- Haschanah in Palästina......... „Und es vergehen 365 Tage der Arbeit. Jeder Tag war ein Tag des Werks, des heiligen Werks an der Erde. Es wurde gepflügt und gesät und gewässert und gedüngt und geeggt und geerntet. Tag für Tag, Tag für Tag. Die Arbeit ging vorwärts. Die Erde wurde immer satter, immer voller, freudiger zu empfangen, williger zugeben und wieder zu geben. Und der Winter verstrich und der Frühling und der Sommer. Die Ernte. Endlich. Mit Liebe gab die Erde, mit Ehrfurcht, mit Dank nahm der Schnitter die Gabe. Und mit Mühe, mit Arbeitsschweiß. Das Feld ist glatt, lächelt aufs neue, ist wieder jung — und wieder bereit das Spiel zu beginnen, das Kreisspiel des Empfangens und des Gebärens. Und zwischen der Ernte und der neuen Saat ein glückliches, fröhliches Ruhen. Ein Einschnitt im Leben — der Erde und des Menschen. Ein neues Jahr. Rosch-Haschanah. Jauchzend wird im Hornton der Tag der Ruhe über die Felder und Wälder und Berge verkündet. Und die Berge geben ihn wieder, tragen ihn hinaus, in die weite Welt, auf daß sich freuen die Nahen und Weiten, die Glücklichen und die von Mühsal Beladenen. Und an den «Spitzen der hohen Berge werden Feuerstoße angezündet — auf daß die lohende Flamme an alle, auch an die, die nur sehen können, in deren traurigen Herzen der gellende Schofarton keinen Widerhall weckt, die frohe Kunde bringe, daß das Jahr der Arbeit und des Schaffens zu Ende sei und ein neues beginne. Und der Mensch überschaut sein Werk der dreihundertfünfundsechzig Tage — und sagt: es ist gut. Und findet er einen Fehler, den er begangen, eine Lücke, die er gelassen, trachtet er ernsten Sinnes, im kommenden Jahre es besser zu machen, besser zu werden. Denn er weiß — er und die Welt sind eins. Das ist die Lehre, die ihm die Erde erteilte. Seine Arbeit ein Teil des Ganzen; in den Tiefen der Vergangenheit seine Wurzel, in den Höhen der Zukunft seine Äste. Denn er weiß, nichts geht im Leben verloren. Jede Saat trägt Früchte. Und wenn der Boden schlecht ist — schlechte . . Da hat sich der Mensch der heiligen Arbeit ein wundersames Bild geschaffen, die Leiter der Welten. In der Unermeßlichkeit, der Unendlichkeit kommen die Fäden aller Leben, aller Taten und alles Geschehens in einem Punkte zusammen, in dem Glanz- und Mittelpunkte des Seins. Und jede Tat, die Handlung des einzelnen wird in Beziehung gebracht zum All, wird darnach beurteilt, bekommt ihre sittliche Wertung .... Und das Buch ist offen, und Engel eilen hin und her geflügelten Schrittes und bringen die Meldung, wer gut gewesen sei und wer böse. Aus der Vergangenheit wird die Zukunft geschmiedet — aus der Tat die Folge. Und die Geschicke der einzelnen und der Völker und der Welten werden in das Buch der tiefsten Geheimnisse eingeschrieben. Wer zum Leben bestimmt sei und wer zum Vergehen, wer aufsteigen soll und wer fallen .... Und in alle Enden der Welt verkündet der Schofarruf, der Tag der Tage sei gekommen .... So verbindet der Mensch der schöpferischen Erde sein Leben zu einem Bunde von Strahlen hehrer Dichtung und ewiger Werte. Die Erde hat ihn gelehrt, den Himmel zu ahnen. So kam der Jude zu seiner wundersamen Sage vom Tage des sterbenden und wieder geborenen Jahres, vom großen Weltengenchte. Wir, die wir auf dem Boden Palästinas leben und arbeiten, wir leben wieder, wie unsere Vorahnen, die diese Mythe geschaffen haben, wir bauen denselben Boden, und er flüstert uns dieselben Geheimnisse, dieselben rätselvollen Worte zu. Er hat die Sprache der Väter nicht vergessen. Die große Dichtung ersteht in uns, und wir erleben sie. Und die Berge Judäas hallen vom Schofarklange wider weit hinaus bis an das blaue Meer — und weiter hinüber. . . Bis zu euch, zu den Weiten, den in der kalten Fremde Wohnenden, den Sehnsuchtsvollen, nach Erlösung Bangenden. Ihr fühlt nicht, was Zeit beißt, was Schaffen ist, was ganze Freude, ungetrübte, ungebrochene ist. Ihr — wißt ihr denn, was " Erde ist?". . . Er sprach — und in seinen Augen war es wie ein Abschein dieses ewig jungen Bodens, der seine Begeisterung war, er sprach — und seine Worte klangen wie ein Neujahrsgruß des alten Mutterlandes an die fernen Kinder. Und wir horchten sehnsüchtig träumend im Kreise .. A. Cor. DIE POLITISCHE MORAL Der französische Historiker Albert Sorel hat in seinem nicht genügend beachteten Werk „L'Europe et la revolution francaise" dargelegt, daß das achtzehnte Jahrhundert, trotz der humanen Ideen, von denen es in der zweiten Hälfte beherrscht war, mit einem großen moralischen Defizit abgeschlossen habe. Die französische Revolution selbst wurde bekanntlich zuerst von Preußen gefördert und begünstigt; es sollte durch die Schwächung der Monarchie in Frankreich die Wirkung des franko-österreichischen Bündnisses aufgehoben werden. Und als später, nachdem die Revolution eine politische Umwälzung von Ungeheuern Folgen geworden war, die europäische Koalition gegen Frankreich entstand, spielte keineswegs die moralische Entrüstung dabei die erste Rolle, sondern selbstsüchtige Absichten der verschiedenen europäischen Staaten, von denen jeder sein Töpfchen an der großen Feuersbrunst wärmen wollte. Insbesondere war es die russische Kaiserin Katharina II., welche die mitteleuropäischen Großmächte im Namen der monarchischen Solidarität in den Krieg gegen das königsmörderische Frankreich hetzte, um so, wie sie sich ausdrückte, für ihre Person in der polnischen Politik die „Ellenbogen frei zu haben". Das Ganze war nichts mehr als eine abscheuliche politische Tartüffiade.

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