Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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worden, was man will und was man wollen kann, und es ist die Organisation geschaffen worden, die das Beschlossene durchführen soll. Auch die Bestimmung der Mittel für das Palästinaressort ist erfolgt. Das übrige hängt von den Führern ab und vor allem von den Zionisten selbst. Darin liegt die Be'deutung des achten Kongresses. Diejenigen die da glaubten, der Kongreß werde Berge versetzen, er werde Wunder schaffen, haben sich selbstverstäudlich geirrt: Der Kongreß spiegelt die Arbeit und die Geschehnisse der abgelaufenen zwei Jahre wider. Durch Schaffung neuer Organisationsformen und Verbesserung der alten regelt er die Verhältnisse und schafft einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Meinungen .... Von unsern Anhängern muß man eine tiefere Betrachtung und Bewertung der Ereignisse des Kongresses verlangen. Wir wollen es offen heraussagen: Viele Delegierte, vor allem die jüngeren und diejenigen, die zum erstenmal auf dem Kongresse waren, sind in Verzweiflung weggefahren. Dieser Kongreß hat zuviel Wahrheit aufgedeckt, und Wahrheit ist immer gefährlich . . . Der Bericht von Herrn Sokolow, daß wir in der Kunst der Gewinnung von Menschen keine Triumphe feierten und den Weg, der zu unserem Ziele führt, nicht verkürzten und erleichterten . . . daß wir auf die Menschen nicht durch große politische Taten wirken konnten usw. usw., das alles konnte nicht bpgeistern. Ebensowenig Nordaus Worte: „Seit zehn Jahren rufen wir dieselben Wahrheiten in die Welt hinein, die Masse will uns aber nicht hören oder nicht verstehen usw." Das aber haben alle Delegierten gewußt, noch ehe sie im Haag waren. ... Denn das ist eigentlich der Kern und die Diskussionsfrage aller Kongresse: Das jüdische Problem wird aufgestellt, die Lösung gezeigt — aber woher die Kräfte nehmen, diese Lösung durchzuführen? Und alle Diskussionen zwischen „Praktischen" und „Politischen" haben eigentlich nur den einen Sinn: Auf welche Weise soll man die vorhandenen kleinen Kräfte am besten verwenden und sich dabei nicht nutzlos abquälen? Wie soll man handeln, urn diese kleinen Kräfte zu erhalten, zu erweitern und bereitzustellen für die größeren weiteren Ziele? Und während die Politischen mit ihrem Ideal: „Gerechtigkeit für ein Volk von 12 Millionen!" kommen undglauben, kraft dieser Ideals das eigene Volk und die Regierungen zu gewinnen, sind die Praktischen rationeller und wissen, daß man mit Idealen allein niemand satt machen kann, und sie haben wenig Zutrauen zur „Gerechtigkeit" der Regierungen. Und trotzdem wollen die „Praktischen" und die „Politischen" dasselbe .... Der Unterschied ist nur der, daß die „Praktischen" sagen konnten, was sie wollen, die „Politischen" aber nicht. Der Kongreß hat darauf die beste Antwort gegeben, indem er die Resolutionen des Palästinaausschusses angenommen hat. Damit sind die „Politischen" nicht besiegt worden, sie haben vielmehr die Hände frei bekommen für ihre Tätigkeit. Der Zionismus aber, der nach dem trefflichen Wort Prof. Warburgs „palästinensisch sein wird oder nicht", hat sich auf dem.Kongreß eine Arbeitsbasis für Palästina geschaffen. Der Artikel würdigt dann die Bedeutung der beiden Beschlüsse wegen Studiums der Frage einer Siedlungsgenossenschaft und des neuen Federationsparagraphen im Organisationsstatut vom poaleizionistischen Standpunkt und schließt mit den Worten: „Wir sind der Meinung, daß die Verzweifelten nicht recht haben. Das heißt aber nicht, daß wir uns die Hände vor Zufriedenheit reiben dürfen. Nein, zu den Zufriedenenen gehören wir nicht. Es sind ungeheuer viel Mängel da — aber das wartet noch auf seine Behandlung in der nächsten Zeit, und wir werden darauf zurückkommen." In der Prager „Selbstwehr" bespricht Julius Löwy den Verlauf des Kongresses und führt aus: „Der Kongreß hat seine Beratungen vollendet, und es lassen sich aus dem Wust von Beschlüssen, die im Verlaufe der Tagungswoche gefaßt wurden, als besonders markant und für die nächsten zwei Jahre richtunggebend, zwei herausschälen. Den ersten und hauptsächlichsten habe ich in meinem ersten Relief besprochen: die Fortsetzung der realen Arbeit in Palästina, die nunmehr in der allgemeinen zionistischen Arbeit dominieren muß. Man kann darüber verschiedener Ansicht sein. Man kann darauf hinweisen, daß mit der Steigerung des produktiven Wertes Palästinas, wenn sie durch jüdische Arbeit erfolgt, auch der Appetit in Konstantinopel wachsen kann; daß die Erteilung von Hypothekenkrediten in einem Lande, dessen Gesetzgebung keinen Kataster kennt, wirtschaftlich nicht ganz ungefährlich ist; daß die Errichtung der Siedelungsgenossenschaften nach dem in Deutschland mißlungenen Projekt Oppenheimer.} vom Kongreß eingestandenermaßen als Experiment unternommen wird, und man kann einwenden, daß bei einem solchen Experiment neben materiellen nationalen Werten die Bewegung auch ideell engagiert ist und daß solche Experimente kaum in national konsolidierten Ländern bei der gegenwärtigen ökonomischen Lage gelingen können, — alle diese Einwände schwinden gegenüber der Tatsache, daß der Kongreß seine Beschlüsse mit überwältigender Majorität angenommen hat und daß sich jeder organisierte Zionist dem unbedingt zu fügen hat. Aber neben diesem Grund rein disziplinarer Natur gibt es einen zweiten von ungeheurer Kraft. Durch die wirtschaftliche Erschließung Palästinas, wenn sie wirklich praktisch durchgeführt wird, — und die Person Professor Warburgs bürgt ja dafür, — wird für die politisch-diplomatischen Verhandlungen, ohne die. wir nie und nimmer etwas erreichen können, ein Rechtstitel von zwingender Kraft geschaffen werden, über den die kompetenten Persönlichkeiten nicht hinwegkommen werden. Palästina mit einem kräftigen jüdischen Bauernstand, mit jüdischer ßevölkerungsmajorität, durch jüdische Kraft befruchtet, in seinem Wohlstand gehoben, — das ist eine gesunde Basis für eine Charterpolitik, die, obzwar der Kongreß darüber zur Tagesordnung schritt, nun erst recht ihr Betätigungsfeld finden kann und, dem Streit der Parteien durch eben diesen Beschluß entrückt, sich an die Arbeit machen kann. Nach achttägiger angestrengter Arbeit hat der Kongreß seine Pforten geschlossen. Keine lärmenden Zwischenfälle haben den Verlauf getrübt. Und die imposante machtvolle Demonstration, die den Schlußworten des Präsidenten folgte, hat dem herrlichen Bild parlamentarischer Arbeitsleistung nur neue, helle Lichter eingefügt. Als von Tausenden stehend gesungen die Nationalhymne, das Lied der Hoffnung, durch den Saal brauste, ward es jedem klar, der von der Galerie hinabsah, daß das Judentum, repräsentiert und neu belebt durch die zionistische Idee, unerschüttert auf seinem Rechte beharrt: auf der Forderung nach seinem alten ewigen Heimatland, auf das es Ansprüche besitzt, die nie verjährten noch verjähren können. Herzl hat uns in den Sattel gesetzt; wir zeigen, daß wir reiten können. Die schwierigen Fragen, die zu Basel arn Rhein aufgeworfen wurden, hat der Kongreß an der Nordsee gelöst. Ober die Meinungsverschiedenheiten, die in der Diskussion sich ergaben, triumphierte schließlich der gewaltige Gedanke der brüderlichen Einheitlichkeit, des herrlichsten nationalen Opfermutes. Der Kongreß hat gesprochen, nun heißt es arbeiten." 6&