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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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licher Natur. Und so mager die sachliche Auslese aller Debatten und der positive Niederschlag aller Beschlüsse ist, so lehrreich und folgenschwer kann der Endeffekt der Kulissenwirtschaft sein, die sich im Haag breit machte und dem Kongreß seine letzten Beschlüsse diktierte. Schon die Vorbereitung des Kongresses konnte nicht befriedigen und forderte zur Kritik heraus. Am zweiten Verhandlungstage lag noch keine Tagesordnung vor und die Landsmannschaften waren nicht imstande, durch gründliche Vorberatung im Plenum gerüstet und einheitlich vorzugehen .... Von größerem Interesse war die Debatte über den Bankprozeß, in welcher die Majorität des Kongresses zweifellos von dem Wunsche beseelt war, den Prozeß über die Statutenänderung der Bank so bald als möglich beendet zu sehen. In der Frage der praktischen Palästinaarbeit hat der Kongreß die wünschenswerte Klarheit geschaffen und unzweideutige Beschlüsse gefaßt, deren strikte Durchführung nur vom ernsten Willen der Parteileitung abhängt. Die Schlußdebatte über die weitgehenden Anträge des Palästinaausschusses bildet den Höhepunkt der Plenarberatungen und wurde durch die glänzenden oratorischen Leistungen Dr. Mozkins und Weizmanns auf ein sehr hohes Niveau gehoben. Die beliebt gewordene Unterscheidung in „Politische" und „Praktische" spielte auf dem Kongreß, wie wir glauben, mit Unrecht, eine große Rolle. Die „Politischen" erklärten sich in der Theorie für die praktische Arbeit, die „Praktischen" beteuerten ihre prinzipiellen Sympathien für politische Tätigkeit. Aber man traut den beiderseitigen Beteuerungen nicht. Mögen die „Politischen" endlich ihre diplomatischen Arbeiten in Angriff nehmen und durchführen — sie sollen dabei nicht gestört werden! Aber mit verschränkten Armen auf ein diplomatisches Wunder zu warten und mit fatalistischem Gleichmut zuzusehen, wie in Palästina fremde Nationen ihre Macht entfalten und das Land für sich in Beschlag nehmen, .das können und werden vollbewußte Zionisten, aufrichtige Palästinafreunde nicht akzeptieren. Extremer Chowewe- Zionismus ist ebenso überholt und unmöglich wie ein einseitiger Charterismus. Die Klärung der zionistischen Politik ist auf dem VIII. Kongreß im Sinne realer Palästinaarbeit erfolgt. Und alle Deklamationen der Nurpolitiker täuschten darüber nicht hinweg, daß heute hinter dem Gerede von Diplomatie und Politik wenig Positives und Verläßliches steckt. Die Schaffung eines Palästinaressorts, seine finanzielle Fundierung, die Verwirklichung des siedlungsgenossenschaftlichen Modellversuches, die Ermöglichung eines langfristigen ländlichen und städtischen Bodenkredits, das sind die Programmpunkte, welche der Kongreß dem neugewählten A.-C. zur Durchführung übertragen hat und welche die positiven Resultate der Haager Verhandlungen darstellen. Ihre Durchführung allein sichert ihm einen ehrenvollen Platz in der Reihe unserer Weltkongresse. Auch sonst hat sich auf dem Kongresse das gesteigerte Interesse für alle kulturellen und wirtschaftlichen Palästinafragen kundgegeben .... Was für Palästina wirklich geschah oder beschlossen wurde, bildet den scharf hervorstechenden Lichtpunkt des Kongresses und ist geeignet, die Zuversicht und Arbeitsfreudigkeit der Delegierten zu heben, der Palästinaarbeit neue Kraft und Begeisterung zuzuführen." . . . Der Artikel wendet sich dann in sehr scharfen Worten dagegen, daß ein nur dreigliedriges Aktionskomitee mit Ausschluß der Russen gewählt wurde, und schließt mit dem Wunsche, daß durch die Wahl die Einheit und Größe der Bewegung nicht gestört, sondern gefördert werden möge . . . .: „Im Interesse des Zionismus ist es von ganzem Herzen zu wünschen. Die österreichischen Zionisten, die auf dem Kongreß eine Politik der mittleren Linie befolgten und einen Kampf um jeden Preis nach jeder Richtung verhindern wollten, werden überall zu finden sein, wo es gilt, die nationale, wirtschaftliche und kulturelle Kraft der Juden hierzulande und in Palästina zu stärken." * * * Im „Joodsche Wächter", dem Organ der holländischen Zionisten, schreibt Isidore Hen u. a.: Der Kongreß war kein oratorischer. Man wollte wissen, was man hat. Fisch oder Fleisch — sollen wir eine Leitung haben, die die praktische Palästina-Arbeit kraftvoll anfassen soll, oder ist eine Spaltung notwendig? Zwei Gruppen standen einander gegenüber: Ein Aktionskomitee ohne Programm und eine stark geschlossene Gruppe der russischen Zionisten und der Poalei Zion ohne Aktionskomitee. Generäle ohne Lager, ein Lager ohne Generäle, man könnte auch sagen: Aristokratie gegen Demokratie. Leiter, die das Vertrauen des Kongresses forderten, ohne ein festes Programm vorzulegen, wofür sie dieses Vertrauen forderten, demgegenüber ein demokratischer Block mit einem Programm realer Palästina-Arbeit ohne ein Ministerium, das das Vertrauen in Anspruch nehmen oder imstande sein könnte, das Programm auszuführen. Die Lösung dieser Krisis ist dem politischen Elemente in der Bewegung zugute gekommen: denn ohne Programm kann der Zionismus bestehen bleiben (wo es sich doch nur um eine Zeit von 2 Jahren handelt), ohne homogene Leitung jedoch müßte er sich zerspalten .... Die Zusammensetzung des Engeren Aktionskomitees verbürgt ein kräftiges, doch ruhiges und streng sachliches Auftreten in Palästina zur ökonomischen Gewinnung des Landes als der nötigen Vorbedingnng für. das Endziel, die Erlangung politischer Macht. Bei dieser Aufgabe kann die Leitung auf die Unterstützung der mehr politischen Zionisten von früher rechnen, die sich mit den gemäßigten Vertretern der Palästina-Arbeit zu verbinden hätten. Ein solcher Block müßte dann in nächster Zeit ein positives Programm veröffentlichen, wenn er sich nicht dem Scheine aussetzen will, eine konservative Fraktion zu sein. Im Augenblick formt dieser Block eine zeitweilige Mehrheit. Die Hilfe der „Politischen" wird der Leitung, solange die Bewegung ihren politischen Charakter behält, nicht entzogen werden. Hierfür stehen die Namen der Herren Wolffsohn und Kann . . . Es war die Rede von einer zeitweiligen Mehrheit. Die Möglichkeit der Bildung von Federationen wird den Poalei Zion zugute kommen. Wird nun der Zionismus immer mehr eine Volksbewegung, unsere Organisation immer demokratischer werden, die Masse mehr in unsere Bewegung eindringen, dann wird ein Element da sein, für das Palästina-Arbeit von tatsächlichem materiellen Belang ist, dann wird eine Zeit kommen können, wo dieses Element weniger auf das Endziel als auf wirtschaftliche Gegenwartsarbeit achten wird. ... Die zionistische Politik soll es sich darum zur Aufgabe setzen, zwischen den Bedürfnissen der nationalen Zukunft (Charter) und den materiellen des Augenblicks zu vermitteln. Sonst verlassen die Leiter das Volk oder das Volk verläßt die Leiter. Wird aber die Synthese gelingen, dann ist die Erreichung unseres Endzieles eine Frage einiger Jahrzehnte ..." * Der „Jüdische Arbeiter", das Organ der österreichischen „Poalei Zion", schreibt in einem Leitartikel u. a. folgendes: Was haben wir vom Kongreß erwartet? Vor dem Kongreß hörte man nur eines: reale Arbeit in Palästina, aber vielleicht nur ein paar Leute stellten sich darunter etwas Konkretes vor. Die banale Auffassung dieses Begriffes hat sich in den Debatten über den „Rechenschaftsbericht" des Aktionskomitees abgespiegelt. Die weiteren Tage aber haben der „realen Arbeit" deutliche, scharfabgegrenzte Formen gegeben. Es ist klar ge-

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