Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 36 [ELT Delegierten, von welchen man ohne Übertreibung sagen darf, daß sie auf der Höhe ihrer Aufgabe standen. Aber auch bei den anderen hat sich ein tieferes Erfassen der zionistischen Probleme geltend gemacht. Man ist allgemein von der mechanischen, ich möchte sagen: katastrophalen Auffassung der jüdischen Staatsidee zu einer organischen evolutiven Auffassung übergegangen. So erklärt sich die Tatsache, daß der Kongreß der Frage der realen Arbeit in Palästina seine größte Aufmerksamkeit schenkte und sie in den Mittelpunkt des Interesses stellte. Man war sich allgemein darüber einig, daß das, was bisher auf diesem Gebiete geleistet worden, blutwenig ist im Verhältnis zu dem, was wir von unserer Organisation erwarten dürfen. Und wenn auch die Palästinakommission in den letzten zwei Jahren Bemerkenswertes geleistet und eine Reihe von Arbeiten auf verschiedenen Gebieten ausgeführt, bezw. vorbereitet oder angeregt hat (Erforschungsarbeiten, Verbreitung der Palästinakenntnis, organisatorische Arbeiten: Bezalel, Pflanzungsverein Palästina, Palästina-Industrie-Syndikat, Arbeiter-Heimstätten-Genossenschaft, Palästina-Agrikultur-Gesellschaft, Palästinaverein, Ölbaumspende und Herzlwald usw. usw.), so bestand doch kein Zweifel darüber, daß unsere Organisation umfassendere, einschneidendere Schritte unternehmen müßte. Um aber die Garantie zu haben, daß diese Beschlüsse nicht, wie leider bis jetzt häufig geschehen ist, aus Mangel an Mitteln auf dem Papier bleiben, beschloß der Kongreß auf Antrag der Palästinakommission, daß von nun ab 25% aller Einnahmen des A. C. sofort nach Eingang an die P. K. abzuliefern sind. Dieser Beschluß ist von um so größerer Tragweite, als dieser Kongreß gleichzeitig den Grundstein gelegt hat für die Schaffung eines dauernden Parteifonds. Der Wille zur praktischen Tat, Einmütigkeit in bezug auf die hauptsächlichsten prinzipiellen Fragen der zionistischen Praxis, ernste, würdige Diskussion und gegenseitige Achtung waren überhaupt die charakteristischsten Merkmale dieses Kongresses. Jeder von uns hat es gelernt, die ehrliche Gesinnung seines Gegners zu respektieren, ja sogar diesen „Gegner" aufrichtig zu lieben. Der Misrachist Struck wurde von dem radikalen Flügel der russischen Landsmannschaft ebenso lebhaft akklamiert, wie der Poel-Zion Kaplan-Kaplahsky. . . . Praktische Kulturarbeit war es auch, was die Sonderorganisationen ^„Ibriah" und „Sinai" im Haag, im Anschluß an den Kongreß, für die geistigen Aufgaben derZionisten geleistet haben. Alles' in Allem genommen brachte uns der Kongreß den erfreulichen Beweis für das Erstarken und innerliche Vertiefen unserer Bewegung, er gab unseren exekutiven Organen das Programm einer systematischen, planmäßigen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Arbeit zur Erreichung unseres Zieles, und brachte den sittlichen Ernst und die prinzipielle Einigkeit in unseren Reihen zum Vorschein. Der Kongreß stand im Zeichen der Arbeit und des Friedens. Und in diesem Zeichen werden wir siegen! . . . * * Das polnische Organ der galizischen Zionisten, der „Wschöd" schreibt in einer längeren Betrachtung der Ergebnisse des achten Kongresses unter anderm: Der achte Kongreß sei der erste, der wenigstens in den Hauptzügen und in Hinsicht auf die Grundprinzipien seine Aufgabe vollkommen zufriedenstellend erfüllt habe. Man könne sagen, daß jetzt erst die zionistische Bewegung auf ihre eigentliche Höhe gebracht worden sei, daß der Zionismus nach Wanderungen und Wandlungen nunmehr seinen richtigen Platz eingenommen hat, daß ein Weg gefunden worden sei, der zum deutlich ausgeprägten Endziel führen werde. Der achte Kongreß bedeute eine Epoche in unserm Entwicklungsprozeß, den Sieg der reinen zionistischen Idee über alle „östlichen" und „westlichen" Zutaten. . . Als Herzl seinen Appell an das jüdische Volk erließ, habe er gemeint, in diesem Momente werde sich das ganze Volk unter seine Fahne scharen. Als er merkte, daß der Kreis seiner Anhänger sich nur allmählich erweitere, daß die jetzigen „Führer in Israel" ihm die größten Hindernisse in den Weg stellten, habe er einen andern Weg gesucht: den der diplomatischen Verhandlungen. „Ich werde dem Volke Land geben, habe er genieint —, und das Volk wird mir folgen." Er habe aber übersehen, daß in der politischen Welt nur der eine bedeutende Rolle spielen könne, der eine Macht hinter sich habe. Dieser Gedanke habe schon in den Herzischen Zeiten in den Köpfen der reiferen Zionisten gearbeitet, und so habe sich bei aller Verehrung für die Persönlichkeit Herzls eine Opposition gegen den sogenannten „Herzlianismus" erhoben, zuerst bei den galizischen Zionisten und dann in lebhafterer Form bei den russischen. Herzl selbst aber sei schließlich auch zu dieser Erkenntnis gelangt, daß man eine Macht brauche, wofür er irrtümlicherweise das Ugandaprojekt verwenden wollte. Es war damals schon zu spät für eine Systemänderimg. Herzls Irische Kräfte waren schon gebrochen. Sein Tod wirkte so niederschmetternd, daß man im ersten Momente für den ganzen zionistischen Bau fürchtete. Mehr als zwei Jahre dauerten die inneren Kämpfe. Es schieden sich diejenigen ab, die nur durch ein loses Band an die Bewegung geknüpft waren, für die der Zionismus nur Philanthropie, ein Geschenk des reichen an den armen Bruder war, und die sich als unfähig erwiesen, die historische Bedeutung, die in dein Zusammenhange zwischen Volk und Land steckt zu erfassen. Bei den Treugebliebenen aber krystallisierten sich die Gedanken, festigten sich die Begriffe, und das fand seinen unzweideutigen Ausdruck in den klaren Resolutionen des siebenten Kongresses und in den Diskussionen des achten Kongresses, die auf noch höherem Niveau standen. Wolle man die Bedeutung des achten Kongresses in klaren Worten charakterisieren, dann müsse man sagen, er bedeute die •Rückkehr zum vorherzlichen Zionismus unter fester Eingliederunggenialer Ideen Theodor Herzls. Die Zeit der großen Worte und der schönen Verheißungen sei nun ztiende gegangen, es beginne die Epoche positiver Arbeit, systematischer, langsamer, aber erfolgreicher Arbeit. Diese Arbeit müsse in zwei Richtungen vor sich gehen: Die großen Volksmassen müssen in in unsern Reihen stehen. Das werde gelingen, wenn man unter ihnen in ökonomischer, kultureller und politischer Hinsicht arbeite. Daß diese Arbeit nicht erfolglos bleiben werde, das zeigten am besten die letzten Wahlen in Galizien. Und die zweite Richtung ist: parallel mit der Arbeit im Golus, — Arbeit in Palästina. Wir müssen die dortige Bevölkerung organisieren, ihre ökonomische Lage heben, das Land zum Zentrum unserer nationalen Kultur, unseres geistigen Lebens machen. Wir müssen Land ankaufen usw., indem wir dabei unsere nationalen Gelder keinen Gefahren aussetzen. Daß diese Arbeiten gelingen werden, dafür bürge der Leiter des Palästinaressorts. Organisiert und kräftig — ökonomisch sowohl als kulturell eine Macht in Palästina —-, werde das Volk hilltreten können vor die ganze Welt und für sich die historische Gerechtigkeit fordern. Dann werde die jüdische Frage eine großpolitische, eine Weltfrage sein." Die Wiener „Jüdische Zeitung" schreibt: „Es war kein Kongreß großer Entscheidungen, tiefer Probleme und aufregender Prinzipienkämpfe. Der Haager Kongreß wird nur als ein Kongreß der Klärung und einer Führerdiktatur in der Geschichte der zionistischen Bewegung verzeichnet werden. Es gab kein abgegrenztes Kampfgebiet, kein Kampfobjekt sach- 2