Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316278--49702-3344652
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 DIE^ELT - No. .35 Der erste ordentliche Parteitag der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Poalei Zion) in Rußland Am 2. August, 3 Uhr nachmittags, wurde der Parteitag durch ein Mitglied des Zentralkomitees, den bekannten Theoretiker der Partei, Herrn Staendiger, eröffnet. In seiner Eröffnungsrede begrüßte er die Delegierten (29 an der Zahl), indem er darauf hinwies, in welchem höchst wichtigen Stadium sich die Partei gegenwärtig befinde, besonders im Hinblick auf die jetzt in Rußland herrschende politische Reaktion, die das jüdische Volk in Verwirrung bringe und die Emigration aus Rußland gewaltig steigere. Darauf erläuterte der Redner auch die Aufgaben, die auf diesem Parteitage erledigt werden müßten und wünschte, daß seine Arbeiten erfolgreich und. fruchtbar verliefen. Der Vorsteher der Exekutive der „Poalei-Zion" in Österreich, Leo Schußheim, begrüßte herzlich die Genossen, die einen so weiten Weg zurücklegen mußten, um auf den Parteitag zu kommen, den sie in Rußland nicht haben einberufen können. Redner erklärte, daß die Differenzen zwischen den russischen und österreichischen „Poalei-ZionM gar nicht so groß seien, wie man für gewöhnlich meint. Als dritter ergreift das Wort der soeben aus Palästina angekommene Herr Abnerow, der den Parteitag der russischen Poalei-Zion im Namen der Gesinnungsgenossen aus Palästina beglückwünscht. Sodann wird das Präsidium gewählt, und der Parteitag beginnt seine Arbeit, die zehn Tage, bis zum späten Abend des 12. August andauerte. Nach einer beinahe eintägigen Debatte wird die Tagesordnung, die das Zentralkomitee vorgeschlagen hat, mit einigen kleinen Umänderungen angenommen. Das Wort bekommt der Vorsteher des Zentralkomitees/Herr Serubowel, zum Bericht. Er führte u. a. aus: Einen großen Kampf hatte die Partei schon bei ihrem ersten Auftreten zu bestehen. Obgleich sie damals noch sehr schwach war, wurde sie heftig befehdet und mußte jeden Platz mit Mühe und Not erkämpfen. Sie hatte vor allem gegen den „Bund" anzukämpfen, dann aber auch gegen die Zionisten-Sozialisten, die sich schon früher organisiert hatten und sogar oder vielleicht hauptsächlich gegen die sogenannten „Sejmisten", die gerade zu jener Zeit eine große Verwirrung in die Reihen der Poalei-Zion brachten. Und doch gelang es den Poalei-Zion, im Februar 1906 ihren Parteitag abzuhalten, wo eigentlich die Partei erst gegründet wurde. Darauf begann sich die Partei kräftig zu entwickeln, und das damals gewählte Z. K. tat alles, was es konnte, um die Entwicklung zu fördern. Zwar wurden seine Mitglieder, eines nach dem anderen, verhaftet, zwar wurden auch alle Parteizeitungen von den Behörden gesperrt, aber die Arbeit ging trotzdem immer weiter, so daß die im Oktober 1906 abgehaltene Parteikonferenz bedeutende Fortschritte konstatieren konnte. Die Zahl der organisierten Mitglieder der Partei betrug damals mehr als 11 000. Die Partei verlegte sodann ihre Zentrale vom Süden Rußlands nach Lithauen, wo sich das echt jüdische Leben eigentlich konzentriert, und damit beginnt die zweite Epoche der Parteientwicklung, wobei Theorie und Praxis eine harmonische Ausbildung erfuhren. Die letzten Geschehnisse in Rußland, darunter die immer wachsende Emigration, verursachten eine neuere Schwächung, die jetzt die Partei überstehen muß. Mit dieser Frage muß sich der Parteitag eingehend beschäftigen. Der Bericht wurde von den Vorstehern einiger Rayons vervollständigt, wobei sich eine lange und interessante Diskussion entwickelte, an der sich fast alle Delegierten beteiligten. Da aber diese Sitzung geschlossen abgehalten wurde, läßt sich darüber kein ausführlicher Bericht geben. Es wurde auch das Budget festgestellt, ein neues Organisationsstatut angenommen und ein neues Zentralkomitee gewählt bestehend aus zwei Kollegien, von denen eines sich ausschließlich mit den publizistischen, das andere mit allen übrigen Organisationsfragen zu beschäftigen hat. Am fünften Tage konnte der Parteitag dann zu den anderen Punkten der Tagesordnung übergehen. Es wurde ein Referat über die professionelle Bewegung und den Syndikalismus verlesen, das einen interessanten Meinungstausch hervorrief. Dann wurde die Stellung der „Poalei Zion" zur Wahlkampagne und der dritten Duma besprochen. Mit einer großen Mehrheit beschloß der Parteitag, keinen Anteil an den Wahlen zu nehmen, die Wahlversammlungen aber zur Agitation für die „Konstituierende Versammlung" und das allgemeine Wahlrecht zu benutzen. Alsdann wurde die Stellung zum internationalen sozialistischen Bureau und dem Kongreß in Stuttgart besprochen, auf dem die „Poalei-Zion" nicht vertreten werden können. Es wurde beschlossen, energisch gegen das Bureau und besonders gegen die Exekutive der "russischen Sozialdemokratie, welche, ohne die „Poalei Zion" darüber zu befragen, sich in deren Angelegenheiten mische, zu protestieren. Nachdem noch einige Fragen behandelt wurden und die vorgeschlagenen Resolutionen teils abgelehnt oder umgeändert, teils en bloc angenommen wurden, kam der Parteitag zum Hauptreferat über die nächsten Aufgaben des jüdischen Proletariats in Palästina. Als Referent trat der schon oben genannte Herr Abnerow auf. Wir bringen hier ganz kurz den Inhalt des sehr interessanten Vortrages. Es ist noch sehr wenig getan worden, um die Wirtschaft in Palästina zu erlernen, gründlich kennen zu lernen, und fast gar nichts auf dem Gebiete der sozialökonomischen Verhältnisse, was für uns das wichtigste ist. Damit unsere Arbeit besser gehe, müßten wir unbedingt sofort eine wissenschaftliche Erforschung des Landes unternehmen; denn ohne eine gründliche Kenntnis wird die eifrigste Arbeit keine guten Früchte bringen. Jetzt haben wir noch keine Sachverständigen und können alles nur insofern beurteilen, inwiefern wir es uns angesehen haben. Trotz allem ist es uns aber gelungen, einiges, was für den jüdischen Arbeiter gerade charakteristisch ist, festzustellen. Die jüdische Arbeiterklasse in Palästina können wir eigentlich in zwei Kategorien teilen; die einen von den Arbeitern sind in der Landwirtschaft, die anderen sind in der städtischen Produktion beschäftigt. Die Lage der ersten ist noch bis jetzt nicht befestigt, und man kann noch nicht mit voller Sicherheit sagen, wie es ihnen weiter gehen wird. Aber das eine ist schon jetzt klar: soweit die Arbeit qualifiziert ist, sind jüdische Arbeiter dabei beschäftigt, sogar die Christen suchen sich dafür jüdische Arbeiter. Was man noch über die Landwirtschaft sagen kann, ist folgendes: Jetzt werden schon mehr Arbeiter gesucht als früher. Dabei bemerken wir, daß die Bedürfnisse bei den Arbeitern wachsen und daß die Araber schon mehr für ihre Arbeit fordern. Es entsteht also eine Erhöhung der Arbeitspreise, was natürlich dem Interesse der jüdischen Arbeiter entgegenkommt. Wichtig ist. auch, daß der jüdische Arbeiter zugleich auch Käufer der in den Kolonien erzeugten Produkte ist, was man von den Arabern allerdings nicht behaupten kann. Alles dieses schafft ganz objektive Bedingungen eines festen Arbeitsplatzes für die Juden. Diese stärken zu helfen, sei auch eine Aufgabe der Paolei-Zion. Bedeutend günstiger ist die Lage des städtischen Arbeiters. In der jüdischen Produktion arbeiten fast ausschließlich jüdische Arbeiter; man findet vieje von ihnen auch bei Christen, besonders in der höheren Produktion beschäftigt. Auch dringen die Juden in alle Gebiete der Produktion ein, was schon vor ein paar Jahren zur Organisierung von gewerkschaftlichen Vereinen führte. In letzter Zeit gelang es mit Hilfe unserer Partei,' fünf professionelle Vereine in Jaffa und Jerusalem zu gründen, die mit der Partei fest verbunden sind. Die Stärkung und Verbreitung solcher Vereine ist eine der nächsten wichtigsten Aufgaben der Partei. An diesen Vortrag knüpfte sich eine längere Besprechung, Am nächsten Tage verlas der in den poalei-zionistischen Kreisen bekannte Herr Sar sein Referat wegen der bevorstehenden allgemeinen Konferenz der Poalei-Zion. Dabei behandelte er auch das Auftreten auf dem VIII. Zionistenkongreß. Der Parteitag beschloß, sechs Delegierte auf den Kongreß zu schicken. Die Delegierten der Konferenz wurden beauftragt, für die Gründung eines internationalen Verbandes aller Poalei-Zion einzutreten. Darauf wurden die Wahlen bestätigt und der neue Programmentwurf verlesen und in den Hauptzügen angenommen. Damit wurde der Parteitag geschlossen. A. Verschiedenes An die Ortsgruppen und Vertrauensmänner Im Namen des Kartells zionistischer Verbindungen (Hasmonaea- Berlin, Jordania-München, Ivria-Freiburg) richtet Unterzeichnete an die Ortsgruppen und Vertrauensmänner die dringende Aufforderung, an untenstehende Adresse die Namen und näheren Angaben von jüdischen Akademikern und Abiturienten zu richten, welche im kommenden Semester die Universitäten Berlin, München oder Freibürg zu beziehen gedenken. Wir erlauben uns, hierbei auf den Beschluß des Hannoverschen Delegiertentags hinzuweisen, welcher den zionistischen Organisationen zur Pflicht macht, das Kartell zionistischer Verbindungen, als der offiziellen Vertretung der zionistischen Studentenschaft Deutschlands, nach Kräften zu unterstützen. Mit zion. student. Gruß Die h. t. dem K. z. V. präsidierende Verbindung Hasmonaea. I. A.: Hans Levy, cand. jur. Berlin, N.W., Klopstockstraße 9.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.