Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 WES|K3L^ No. 35 finden wenig Unterstützung seitens der Regierung. Das Bäkschisch¬ und das Steuersystem sind eine drückende Last. Es gibt noch keine richtigen Verkehrswege und wenig andere Bequemlichkeiten.; Und außerdem ist das jüdische Volk durchaus kein qualifiziertes kolonisatorisches Element. Angesichts dieser Schwierigkeiten gibt es zwei Auswege: entweder sich von Palästina lossagen, wie es die Territorialsten taten — oder die Kräfte bis zum Höchsten anspannen, um in Palästina das zu sammeln und das aufzubauen, was irgend möglich ist. Materieller und realistischer Sinn allein könnten von Palästina weglocken, aber es gibt etwas Höheres als den Materialismus. Die Renaissance der Völker haben nicht „praktische", sondern enthusiastische Männer verwirklicht .... Man hört öfters sagen, n daß man auf die Arbeit in Palästina verzichten müsse, weil die Öffentlichkeit dieser Arbeit uns bei der türkischen und den andern Regierupgen schaden kann. ..Aber, meine Herren, man muß konsequent sein. Haben wir die Öffentlichkeit zu fürchten, dann müssen wir uns auch von öffentlichen Kongressen lossagen. Im übrigen ist meine persönliche Stellungnahme die: Wenn wir die Überzeugung gehabt hätten, daß unsere leitenden Organe in genügendem Maße für Palästina arbeiten, dann wäre ich der erste,# der auf eine öffentliche Agitation verzichtet hätte. Aber diese Überzeugung müssen wir erst gewinnen, wir müssen deutlich den Willen sehen und nicht rückschließen aus geheimen Berichten des A. C, die an irgendwer, irgendwo gerichtet sind. Referent fährt dann fort: Was meine Grundanschauungen betrifft, so habe ich sie in der „Jewrejskaja Misl" erörtert, ich werde deswegen mich hier kurz fassen. Den Nationalfonds halte ich nicht für eine Sammelbüchse für Pfennige. Die Mittel des N.-F. müssen in Immobilien in Palästina angelegt werden. Ich sehe allerdings sofortige Widerlegungen vom Standpunkte der „Nationalisierung des Bodens" und der „Heiligkeit des Nationalfonds" voraus. Und ich behaupte trotzdem, daß der Nationalfonds nur gewinnen kann durch Anlage .und Umsatz seiner Mittel. Die Kolonisation muß gleichzeitig in den Städten und auf dem Lande durchgeführt werden. Jüdische Städte bei nichtjüdischer Landbevölkerung, das wäre für uns wertlos: denn das würde das Ghetto bedeuten, nicht das, was wir uns als Endziel des Zionismus denken. In den 80er Jahren war man für die ländliche Kolonisation eingenommen, jetzt ist man es mehr für die städtische, aus dem Grunde,weil Handel und Industrie für die Juden leichter erreichbar und vorteilhafter und für die Heranziehung einer Einwanderung geeigneter sind. Wir brauchen aber Stadt und Land. Die Juden, wie sie heute sind, sind kein qualifiziertes kolonisatorisches Element, aber man kann doch auch geeignete Schichten finden: man soll auf dem Lande solche Kolonisten ansiedeln, die auch an ihren bisherigen Aufenthaltsorten Landarbeiter waren, usw., derart, daß die Ansiedelung aus ihren eigenen Mitteln geschieht und nur der Boden ihnen mit langjährigem Kredit zur Verfügung gestellt wird. Was die Agrar-Kreditanstalten betrifft, so sind deren zweierlei notwendig. Eine mit großen Geldmitteln — das ist noch Sache der Zukunft. Eine zweite soll für kleinen ländlichen Kredit ausersehen werden, ein bestimmter Fonds, der mittels unserer Anglo - Palästina - Company organisiert werden und seine Mittel vom Nationalfonds erhalten soll, um unverzüglich einen billigen Kredit gewähren zu können. Dadurch erhalten wir den Nationalfonds genau wie früher. Wir verlangen nur seine Übersiedelung von London nach der Anglo-Palästina-Company in Jaffa! Die Erforschung Palästinas ist das zweite Hauptmoment der Palästinaarbeit. Eine gründliche Organisation der Forschungs¬ und Informationsarbeiten muß durch entsprechende Finanzierung unterstützt werden, nicht nur durch eine Resolution allein. Von welchen Mitteln — das ist in diesem Falle nicht die übergeordnete Frage. Denn tatsächlich sind dafür keine übermäßigen Geldmittel notwendig, und diese können wir haben. Die Jüdische Kolonialbank hat die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Sie besitzt keinen großen finanziellen Einfluß, denn ihr Kapital ist nicht groß, und ihre Dividende ist auch klein. Die Hoffnung, daß mit-der Entwicklung einer bedeutenden Banktätigkeit das Bankkapital sich vergrößern wird, hat sich nicht erfüllt. Die Kaufleute diskontieren zwar sehr gerne ihre Wechsel bei uns, (besonders wenn der Diskontsatz niedriger ist als irgendwo anders), aber sie kaufen nicht aus Dankbarkeitsgefühl unsere Aktien. Indessen können wir die Bank anders zur Blüte bringen. Wir haben ein Arbeitsfeld für sie — das ist Palästina. Es ist zu bemerken, daß unsere Direktoren zuerst ohne besondere Freude nach Palästina gingen. Ich sage das, weil ich mich erinnere, wie es sdiwer war, jeden Schritt der Bank nach Palästina abzuringen, daß l-V»' Jahre nach dem Kongreßbeschluß z. B. noch keine Filiale in Jaffa bestand. Und als ich die Aufmerksamkeit des A. C. auf diesen Umstand lenkte, wurde mir erwidert, daß nicht alle Beschlüsse der Kongresse rationell und, in der Wirklichkeit durchführbar sind. Der Direktor Kann hat sich nach seiner Palästinareise über die Tätigkeit der Bank sehr günstig geäußert. Trotzdem erklärte er mir — die Beyrut-Filiale ist noch zu früh eröffnet worden. Ich begreife: „Langsam gefahren, und du wirst weiter kommen. . ." >r Ich möchte noch den unglücklichen Fall der Änderung der Bankstatuten mit einem Worte erwähnen. Ich halte die Sache für verloren. Und auch von diesem Standpunkte aus ist es das beste Mittel: möglichst bald die Gelder der Bank nach Palästina zu überführen. Ein Gymnasium in Palästina ist notwendig. Ich glaube, daß Vtfir es in unsere Hände nehmen müssen. Diese Sache werden übrigens die Palästinaabgeordneten besser als ich vertreten können. ' \ ': Zum Schluß — die Organisation der palästinensischen Juden he it. — Sie ist unbedingt notwendig. Es wird vielleicht keine allzugute Organisation sein, aber wir sind auch kein Ideal in diesem Sinne. Man muß die Stimme dieser Organisation hören: man muß ihre Vorsteher heranziehen und ihre Meinung wohl in Betracht ziehen . . . i ■ In seiner Antwort auf das Referat Ussischkins führte Dr. Tschlenow ungefähr folgendes aus: Als ich hierher kam und hörte, daß Gesinnungsgenosse Ussischkin hier als Berichterstatter über die Palästinaarbeit auftreten werde, erwartete ich, daß ich alles durch einen rosigen Schleier zu sehen bekommen würde. Denrf Gesinnungsgenosse Ussischkin, mit dem ich nicht das erste Jahrzehnt zusammenarbeite, gehört nach meiner Meinung zu denjenigen Optimisten, denen man auch vielfach in Palästina selbst begegnet, die behaupten, daß der Bakschisch allein überall herrscht und derjenige, der einen Bakschisch gibt, auch allein Herr der Situation ist. Die Vertreter dieser Ansichten sind oft mit einem gewissen verächtlichen Lächeln unseren Anstrengungen in der Richtung der Erlangung politischer Rechte als einer unnützen Kräftevergeudung begegnet. Und plötzlich erfahre ich, daß einer der ersten Vertreter dieser Ansichten hier eine Erklärung abgibt, daß die Arbeit in Palästina Vernunftgründen widerspreche und derjenige, der hingeht, geradezu einen heroischen Schritt machen rkisse. Ich muß dem entschieden entgegentreten. Auf Grund dessen, was ich in Palästina gehört und gesehen habe, muß ich behaupten, daß die Arbeit auch unter den jetzt obwaltenden Umständen durchaus möglich und erfolgverheißend ist. '{ Eine andere Frage ist allerdings, wie weit wir unter denjenigen Arbeitsbedingungen, wie sie bisher bestehen, vorwärts kommen werden. Unsere bisherigen Erfolge müssen trotz einer 25jährigen Tätigkeit, trotz der Millionen des Baron Rothschild, trotz der Anstrengungen des Odessaer Komitees und der Privatinitiative als mjnimal bezeichnet werden. Wir besitzen im ganzen etwa 400 000 Dünam Land, was P/V'/o des palästinensischen Bodens ausmacht. Die Ansiedelung eines Kolonisten kostete bisher auch unter der Verwaltung des Odessaer Komitees — ich spreche hier nicht von den Kolonien des Baron Rothschild — ein ganzes Vermögen. Wenn wir weiter so werden arbeiten müssen, ist es überhaupt nicht abzusehen, wann wir unser Ziel erreichen werden. In der letzten Zeit aber traten neue Faktoren auf, die meines Erachtens eine neue Ära für unsere palästinensische Tätigkeit eröffnen können. Ich habe dabei folgende drei Tatsachen im Auge: In der Nähe des Tiberiasees ist der Versuch einer neuen rationellen Kolonisation gemacht worden, welcher ernste Resultate zu zeitigen verspricht. Die Installierung eines Kolonisten kostet dort nicht mehr als irgendwo in einem anderen Lande. Außerdem werden bereits zwischen der Administration und den Kolonisten Verhandlungen wegen eines Kontraktes gepflogen, nach welchem Zeit und Art der Abzahlungen der Gelder seitens der Kolonisten bestimmt werden sollen. Es ist selbstverständlich, daß die erste Kolonie, welche systematisch während einer Reihe von Jahren die für sie ausgegebenen Gelder zurückerstatten wird, uns neue Horizonte der Kolonisation eröffnen wird. Eine zweite wichtige Neuerscheinung ist die Entwicklung einer Plantagen Wirtschaft. Plantagen verlangen zwar die Investierung eines größeren Kapitals und eine längere Ausdauer, sie versprechen aber einen größeren Gewinn, sind leichter zu behandeln und geeigneter für Kultivierung durch eine Bevölkerung, die von einer städtischen zu einer ländlichen Tätigkeit übergeht. Diese Wirtschaftsart entwickelt sich zweifellos in Palästina, was sehr zu begrüßen ist. Drittens müssen wir die beginnende Entwicklung der Industrie in Betracht ziehen. In dieser Hinsicht kann man vorläufig nur erst auf einige Fabriken hinweisen. Sie sind aber rationell eingerichtet,