Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIE! und äußerlichen Lebens. Die einen wollten dies erreichen durch Aufrüttelung der alten gelähmten Lebenskraft zu selbstständigem Urteilen und Schaffen auf der Basis der alten jüdischen Ideale; die alten Gefäße sollten mit völlig neuem Inhalte gefüllt werden; die anderen suchten zum Ziele zu kommen durch einen gänzlichen Bruch mit allem Alten, durch Verwerfung alles Herkömmlichen, durch „Umwertung aller Werte". Auch die Sprache dieser Literatur bedurfte einer Erneuerung. Die nach europäischer Art und Weise des Denkens erzogenen jungen Schriftsteller fühlten sich in ihrem Wirken gebunden. Die orientalische Art des Ausdrucks konnte sie nicht befriedigen. Sie wollten frei sein in der Handhabung ihrer Sprache und nicht achten auf die alten stilistischen Regeln und Formen. Es entstand in der hebräischen Literatur ein lebhaftes Ringen zwischen Alt und Jung, zwischen „Puristen" und „Erweiterern" oder „Erneuerernft der Sprache: es kämpfte der neue Geist gegen den alten Geist und blieb Sieger in diesem Kampfe. Nach und nach bildete sich ein Stil aus, der das ganze Sprachematerial der frühern Stile in sich aufnimmt und es organisch zu verarbeiten sucht. Aber auch das genügte nicht; um die ganze neue Begriffs weit literarisch umfassen und ihr genauen Ausdruck geben zu können, fehlten noch immer Wörter und Formen. Diese konnten nur durch Neubildungen geschaffen werden. Zum Teil wurden solche durch altvergessene hebräische Stämme hergestellt; zum Teil auch durch Bildungen aus Stämmen der dem Hebräischen verwandten Sprachen; diese wurden meist im Geiste der hebräischen Sprache gebildet. Aber auch von den europäischen Sprachen wurde das neuere Hebräisch auf verschiedene Weise beeinflußt. Zunächst kommen die allgemeinen Fremdwörter in Betracht, die zum Gemeingut aller europäischen Sprachen geworden sind. Eine große Anzahl derselben wurden auch ins Hebräische aufgenommen und oft auch zu neuen Formen verwandt. Dieser Einfluß machte sich bei den europäisch-denkenden Schriftstellern auch unbewußt geltend, so in der Form des Ausdruckes und auch oft in der Anwendung der Partikeln und in der Bildung des Satzes. Solcher Einfluß tritt besonders in übersetzten Werken hervor, hauptsächlich in Übersetzungen aus dem Russischen und Deutschen. Den größten Einfluß auf das neuere Hebräisch übte aber der jüdisch-deutsche Dialekt aus, der sogenannte Jargon. Dieser Dialekt hatte sich im Laufe der Zeit, besonders in den slavischen Ländern von dem Deutschen losgetrennt und zu einer beinahe selbständigen Sprache ausgebildet. Die vielen Wörter und Ausdrücke, die er aus dem Hebräischen, hauptsächlich aus dem nachbiblischen aufgenommen hat, machten eine mannigfaltige Entwicklung durch. Sie wurden in etwas verändertem Sinne gebraucht, bekamen sogar eine vom eigentlichen Hebräischen ganz verschiedene Bedeutung, von der aus wieder ganz neue willkürliche Ableitungen gebildet wurden. Dieser Dialekt fing allrmählich an, einen Rückeinfluß auf die hebräische Sprache auszuüben. Höchst fühlbar macht sich derselbe in der chassidischen Literatur, besonders in ihren Legenden, die von der Naivität des anspruchslosen, einfältigen Voeksmannes durchtränkt sind. Aber auch in die neuere hebräische Literatur, deren Gebiet hauptsächlich die mittleren und niederen Klassen des Volkes wurden, drängt sich dieser Einfluß hinein. Derselbe ist ein zweifelhafter: Erstens brachte er einen Zuschuß von ganz neuen Wörtern und verlieh anderen Wörtern eine Nebenbedeutung; zweitens läßt sich auch ein Einfluß der eigentümlichen Ausdrucksweise und des Satzbaues dieses Dialekts auf das Hebräische nachweisen. Immerhin sind die „Jargonismen" viel weniger dem Geiste der hebräischen Sprache zuwider als die „Russizismen" und „Germanismen", die sich auch nicht selten in der hebräischen Literatur bemerkbar machen. Denn der Jargon hatte ja von jeher unter dem Einfluß des Hebräischen gestanden und hat noch manches mit ihm gemein. Daß dieser Einfluß sich bei manchem hebräischen gELT -- ~ -^== No. 35 Schriftsteller nicht als etwas Fremdes fühlbar macht, zeigt am besten die schöne typische Sprache in den Kunsterzeugnissen des Altmeisters S. J. Abramowitsch (mehr unter dem Pseudonym „Mendele Mocher-Seforim" im Volke bekannt). Ebenso gut paßt sich auch besonders der chassidische Jargon den genialen Kunstschöpfungen von J. L. Perez an, nicht selten auch den Werken Dr. Berditschewsky's. Dieselbe Stellung nimmt er auch in den Werken der guten Nachahmer dieser Autoren ein. Ganz an seinem Platz zeigt er sich auch bei dem Berufsfeuilletonisten A. N. Levinsky u. a. Der Sprache dieser Schriftsteller geben die im Volke üblichen Ausdrücke und naiven Wendungen einen eigentümlichen humoristischen Reiz1). Im großen und ganzen aber sind die besten hebräischen Schriftsteller bestrebt, einen von Barbarismen reinen Stil zu schreiben. In dieser Hinsicht ist die Sprache des Dawid Frischmann, Dr. Katzenellensohn, wie auch die sehr reiche Sprache des jungverstorbenen Poeten Feuerberg hervorzuheben. Besonders aber zeichnet sich durch einen musterhaften Stil Rüben Brainin aus, der zahlreiche im echten Geiste des Hebräischen gebildete neue Wörter enthält. Als eigentlicher Vater des modernen hebräischen Stils ist Achad-Haam zu nennen. Seine Sprache ist eine meisterhafte organische Vereinigung und Verarbeitung des ganzen hebräischen Wortschatzes aller Zeiten; er führte eine genaue und konsequente Anwendung aller grammatischen und syntathetischen Formen durch, ohne daß man dabei den geringsten Zwang fühlte. Er — behauptet man mit Recht — sei in der neuern hebräischen Literatur den jungen Schriftstellern zum Vorbild geworden, nicht nur, wie man den Inhalt gedankenreich zu gestalten, sondern auch, wie man den reichen Gedanken den richtigen Ausdruck zu verleihen habe i). Was Achad-Haam für die Prosa gewesen, dasselbe wurde der lyrische Dichter Bialik für die Poesie. Nie hat bis auf ihn ein hebräischer Poet gewagt, solche echt dichterische Perlen der Lyrik in einer andern als in der gehobenen biblischen Sprache niederzuschreiben. Nur seiner unbegrenzten Beherrschung des gesamten hebräischen Sprachmaterials gelang es, einen wunderschönen, farbenreichen, poetischen Stil zu schaffen; einen Stil, der ebenso erhaben wie fließend ist, der es immer von neuem versteht, durch die reizendsten eigenartigen Ausdrücke den Leser zu packen und die geheimsten Saiten seiner Seele zu berühren. Auch die Sprache des zweiten bedeutenden Dichters epischer und erotischer Schöpfungen, Saul Tschernichowsky, enthält viele Neubildungen; diese machen vielfach aber einen gekünstelten Eindruck, wodurch der Stil, wenn auch originell, doch oft schwerverständlich wird. Dagegen ist es ihm vortrefflich gelungen, die echte europäische Poesie in hebräischem Gewände darzustellen. Eine sehr reiche und leichte Sprache ist die des jungen Poeten Jacob Cohen. Was das Metrum in der modernen hebräischen Poesie betrifft, so ist zu bemerken, daß das arabische Versmaß der spanischen Periode bereits am Anfang des vorigen Jahrhunderts zu schwinden begann. Statt dessen führten die hebräischen Poeten das sogenannte „quantitierende" Versmaß ein, wonach die Verse gereimt sein müssen, und die Anzahl der Vokale in jedem Verse nicht mehr als 11 (oder 13) und nicht weniger als 5 sein darf. Adam Hakohen l) Das Charakteristische in dein Hebr. dieser Kategorie von Schriftstellern, die meines Erachtens die einzigen Fortsetzer der natürlichen Entwicklung der hebr. Sprache sind, besteht darin, daß ihnen immer der Volksdialekt in seiner echten Form vor Augen schwebt. Die Sätze bleiben meist unverändert, die hebr. Wörter, die in diesem Dialekt meist das Wesentliche jedes Satzes ausmachen, gehen gänzlich auch in den hebr. Satz über, und die Nebenwörter des Satzes werden durch entsprechende leichte hebr. Wörter ersetzt. l) Der Stil des Achad-Haam ist hauptsächlich ein wissenschaftlichpublizistischer; aber trotz der Exaktheit und Genauigkeit seiner Ausdrücke ist er merkwürdig Jeicht und fließend. Die Sätze sind wie aus einem Guß entstanden, ein Wort vom Satz auszuschließen oder sogar zu ändern, würde kaum möglich sein; ebenso ut die Anreihung der Sätze aneinander durch eine Fülle von Partikeln eine musterhafte.