Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1 DIE-ÄELT No. 3^ o DISKUSSION ÜBER DEN KONGRESS O O Diese Rubrik stellen wir für eine freie Diskussion über den VIII. Kongreß zur Verfügung, inderr wir die Verantwortung für den Inhalt der Einsendungen den Verfassern überlassen. DAS FAZIT DES KONGRESSES Obwohl erst eine Woche seit dem Schlüsse des VIII. Kongresses verflossen ist, obwohl sich die Folgen mancher Beschlüsse und Maßnahmen noch nicht übersehen lassen, glaube ich, daß man das allgemeine Fazit bereits jetzt ziehen kann. Denn der Kongreß hat nichts Unerwartetes, Überraschendes gebracht, nichts, was man auf Grund der vorausgegangenen Entwicklung der zionistischen Bewegung nicht hätte voraussehen können. Und nichtsdestoweniger war der Kongreß — ich muß es offen gestehen — für mich, wie auch für viele Gleichgesinnte, eine gewisse Enttäuschung. Wir hofften und glaubten, er werde mit sich eine neue Parole bringen, eine neue Furche auf dem Boden des Zionismus ziehen, vielleicht ein neues Stück Brachland urbar machen. Wir wußten ja ganz genau, daß ein Kongreß niemals schöpferisch ist. Er sanktioniert bloß das Vorhandene, er konstatiert die Stärkeverhältnisse der bestehenden Parteirichtungen. Aber gleichzeitig bringt ein wirklich bedeutsamer Kongreß immer neue Samenkörner mit, die, von ihm ausgehend, sich in alle Welt verbreiten, neuen Schöpfungen den Ursprung gebend. Dieser Kongreß wirkte in dieser Hinsicht nicht befruchtend. Ich werde mich nicht an den Details und den Einzelbeschlüssen halten, für mich ist das obsiegende Prinzip die Hauptsache. Der Sieg gehörte diesmal dem Prinzip der realen Arbeit in Palästina, — der unterliegende Teil war der „politische" Zionismus, wenn er sich auch dessen nicht bewußt ist, und uneingestandenermaßen bedeutete der Kongreß eine Absage an die „große Politik", eine Einschränkung des Arbeitsfeldes. In der Beschränkung zeigt sich zwar der Meister •— aber nur dann, wenn er auf einem, durch seinen eigenen Willen begrenzten Gebiete so arbeitet, als ob er unübersehbare, weite Horizonte vor sich hätte. Beschränkung ohne Weite des Horizontes kann leicht zur Beschränktheit werden. Ich will hier nicht die so eifrig erörterte Frage: ,,praktischer" oder „politischer" Zionismus noch einmal aufrollen, um. dadurch Verwirrung in die Reihen zu bringen. Nicht über den Wert oder Unwert dieser oder jener Richtung will ich reden, sondern über die Ursachen der Entwicklung nach der vom Kongresse eingeschlagenen Bahn — nicht unterstellen will ich, sondern darstellen. Beide Wörter - „praktisch" und „politisch" — üben eine , suggestive Wirkung auf die Gemüter aus — und beide decken garnicht die wirklich mit ihnen verbundenen Begriffe. Für die russischen Zionisten, die Hauptvertreter der „realen" Richtung, waren die Nachklänge positivistischer und marxistischer Lehren, die selbst durch und durch ideologisch, die „Ideologie" bekämpften, bestimmend. Und ebenso, wie die Marxisten den Gedankensprung machen, von der Verneinung der Ideologie des Liberalismus auf die prinzipielle Ablehnung jeder Ideologie zu schließen, begehen die „praktischen" Zionisten den Fehlschluß, die Ablehnung der Methode des „politischen" Zionismus mit der Lossagung von jeder Politik zu identifizieren. Wer da glaubt, zwischen den „praktischen" Zionisten von heute und den „Chovvewe-Zion" von ehedem bestehe gar kein Unterschied, versteht die Erscheinungen nicht. Die Chowewe-Zion wollten wirklich keine Politik machen. Sie trieben ein wenig Kolonisation, viel romantischen Palästinakult, hatten aber kein bestimmtes Programm und keine Methode. Die „praktischen" Zionisten haben ein Programm, haben auch ein Methode, und dies ist die der „fried- liehen Durchdringung" (penetration paeifique). Anstatt das Ganze auf einmal zu erreichen, wollen sie es stufenweise erlangen, um den Besitz um so fester und sicherer zu machen. Aber ist denn das keine „Politik", keine ebenso schwierig! Arbeitsmethode, wie die der „Politischen". Um eine „penetratioi paeifique" zu betreiben, muß man auch sicher sein, daß dies- „penetration" auch ermöglicht, geschützt, politisch gedeckt se: Politisch gedeckt — das ist das Wort. Jede Niederlassung ir Palästina, jede Verlegung jüdischer Energie dorthin ist für unwertlos, wofern sie nicht politisch gedeckt ist. Wer bürgt un dafür, daß, was wir nach langer, mühevoller Arbeit in Palästin erreicht haben werden, nicht durch einen Machtspruch des Souverän: dieses Landes über den Haufen geworfen werden wird? Und wii würden nicht einmal den Anspruch auf den Schiedspruch Europaerheben können. Im Momente, wo die „praktische" Arbeit ii Palästina nur auf Privatunternehmungen, Privatinitiative beschränk wird, dann hört sie auf, politische Bedeutung zu haben, gehört sii in den Bereich des Privatrechts. Da kann kein Haager Arbitragehoi kein eventueller europäischer Kongreß der Mächte helfen. Mai rät den Juden, die sich in Palästina niederlassen wollen, türkisch». Untertanen zu werden, — aber dadurch entrückt man Palästin; ganz der Sphäre des europäischen Einflusses, erschwert man sie! selbst die Positon. Und woher wissen wir, daß die Pforte der Juden gegenüber nicht ebenso verfahren wird wie z. B. du Vereinigten Staaten gegen die einwandernden Japaner? Glaubei denn wirklich die „Ultra-Realisten", daß, wenn sie sich von de¬ Politik befreit haben, es auch bei der Pforte der Fall sein müsse Es ist ja eine Selbsttäuschung, eine Arbeit ins Blaue hinein. Wn kann man da von einer wirklichen, soliden, kontinuierlichen Arbei sprechen, wo wir nicht einmal sicher sind, daß morgen .unsere Tätigkeit nicht ein eiserner Riegel vorgeschoben werden wird Das war ja der Grundgedanke des Zionismus. Weil die Diaspon uns keine Möglichkeit bietet, uns frei auszudehnen, autonom, fü uns, ungehindert zu leben, müssen wir diese Bedingungen schaffen müssen wir ein nationales Zentrum haben. Wollen uns dk „praktischen" Zionisten die Grundlage des Zionismus unterminieren Ich glaube nicht daran, sonst müßten sie aufhören, in'der zionistische! Partei zu sein. Was sie aber wollen, und ich glaube, diese Deutuiu wird auf keinen Widerspruch stoßen, ist eine parallellaufend!, politische und praktische Arbeit in Palästina, wobei die politische Sicherung die primäre ist. Der Unterschied zwischen den politischer und praktischen Zionisten ist eigentlich nur quantitativer, nichi qualitativer Natur. Die Politischen sagen, zuerst die ganzepolitische, internationale Garantie und dann die Besitzergreifung des Landes; die Praktischen meinen, der partiellen politischer; Sicherung müsse die partielle, schrittweise vor sich gehende Gewinnung des Übergewichts im Lande auf dem Fuß folgen. Der Unterschied ist formell für beide Teile — für die Türkei, wie für uns — von großer V/ichtigkeit, aber nur formell, nicht sachlich. Denn entweder die Türkei ist mit unserer Grundidee einverstanden, dann wird unsere ganze Arbeit eine politische in weitestem Sinne des Wortes, oder sie ist es nicht, dann ist auch die nurpraktische unmöglich. Von diesem allein vernünftigen Standpunkte fällt der Gegensatz zwischen den beiden Richtungen im Zionismus weg. Aber ich fürchte, weder die „Politischen" noch die „Praktischen" haben ihre eigene Politik richtig abzuschätzen gelernt, sonst wäre es nicht zum Siege der „Nur-Praktischen", der in Detailarbeit den Anfang und das Ende des Zionismus sehenden „Realisten", gekommen.