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Die Welt · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DER KONGRESS U&D DIE FRESSE Vor uns liegt ein Berg Zeitungsausschnitte. Die Zeit ist endgültig vorbei, wo die Presse den Zionismus totschweigen konnte. Wie wir noch nie eine so stattlich gefüllte und bedeutsame Galerie hatten wie im Haag, so ist auch noch nie ein Zionistenkongreß' so seW und in so bemerkenwerten Organen publizistisch behandelt worden wie 'der Haager. Aber wir sind auf die Zahl der Ausschnitte schon lange nicht mehr stolz. Wir wissen, welche Bedeutung unsere Bewegung hat und daß sie als eine lebendige Erscheinung des öffentlichen Lebens sich in der Presse widerspiegeln muß. Wir notieren mit einer gewissen Befriedigung, daß diesmal auch unsere bisher intimsten Gegner auf dem Gebiete der Presse, „Berliner Tageblatt" und „Neue Freie Presse", die zehn Jahre lang glauben machten, der Zionismus existiere nicht, wenn er nicht in ihren Spalten erscheine, diesmal nicht umhin konnten, ihren Lesern den Bericht über die Verhandlungen zu geben. Aber die Bedeutung des Kongresses und die des Zionismus ist schließlich nicht abhängig von der Zahl der Zeitungen, die von ihm Notiz nehmen. Uns interessiertmehr, wie dieZeitungen über uns berichten, w as die Presse über den Kongreß sagt. Da ist zunächst eines festzustellen : Die großen, die europäischen Zeitungen tun uns nicht mehr so kurzerhand ab, wie es noch vor zwei Jahren üblich war. Wir greifen nur einiges heraus. Die „Frankfurter Zeitung" brachte eingehende Spezialberichte, die französische Presse behandelt den Kongreß sehr ausgiebig» und insbesondere die englische informierte ihre Leser auf das genaueste. Wie außerordentlich fleißig bis in die kleinsten Details hinein die Berichterstattung der holländischen Presse war, haben wir bereits kürzlich ausgeführt. Und dabei ist zu beobachten, daß die Mitteilungen durchaus sachlich gehalten sind, und daß insbesondere die auf Mißverständnissen — unfreiwilligen und freiwilligen — beruhenden Tartarenberichte der früheren Jahre fast vollständig verschwunden sind. Und wenn noch da und dort mancher grobe Schnitzer mit unterlaufen ist, so ist es offenbar weniger die Schuld der Journale, als die Folge davon, daß unser offizieller Pressedienst noch nicht ganz so funktionierte, wie es der Größe der Aufgabe angemessen wäre, daß insbesondere für den persönlichen Aufklärungsdienst, die direkte Beziehung zum Journalistentisch nicht genügend vorgesorgt war. Das wollen wir uns als eine wichtige Aufgabe für den nächsten Kongreß merken. Und bemerken wir auch, daß es jetzt dringend nottut, die gewonnene Fühlung mit der europäischen Presse aufrecht zu erhalten, wofür eine Zentralstelle für Informationen die erste Vorbedingung wäre. Alles in allem hatte der Kongreß, um den fachmännischen Ausdruck zu wählen, eine „sehr gute Kritik". Die jüdische Presse, die ja fast ausschließlich aus Wochenblättern besteht, hat sich noch wenig geäußert. Daß die „Allgemeine Zeitung des Judentums", als einziges unter allen anderen deutschen Blättern, sich mit ein paar Petitzeilen über den Kongreß in ihrer letzten Ecke begnügt, sei festgestellt, ohne daß wir der Tatsache durch Kommentar größere Wichtigkeit verleihen wollen. Durchwegs sind die bisherigen Behandlungen aller jüdischen Zeitungen auf einen freundlichen Ton gestimmt. Die ruhige Würde der Verhandlungen wird fast überall hervorgehoben. Als Allgemeineindruck des Kongresses wird das Überwiegen der „praktischen" Richtung festgestellt. So schreibt der „Israelit" u. a.: „Der Kongreß hat gezeigt, daß nach der langjährigen Unsicherheit endlich Klarheit und Einigkeit herrscht über den einzuschlagenden Weg: nämlich praktische Arbeit in Palästina unter Wahrung der politischen Gesichtspunkte. Zu verdanken ist dieses jetzt erreichte Zielbewußtsein gewiß zum guten Teil dem vorigen Kongreß, der das Ziel des Zionismus mit festen Strichen umgrenzte und die nicht rein-palästinensisch Gesinnten von der Organisation ausschloß. Wohl bestehen auch heute noch tiefe theoretische Verschiedenheiten. In der überaus interessanten und ernsten Debatte vom ___Montag nachmittag stießen die Ansichten einiger der führenden Geister heftig aufeinander. Aber gerade hierbei betonte fast jeder einzelne der Redner, wenn er Sie . mehr politische Richtung I w .vertrat,, daß er a u ch .für praktische,?wenri die mehr praktische ' Richtung, daß er auch für politische Arbeit eintrete. Und dieselbe Erscheinung zeigt sich auch im Großen in der Stellung dei Landsmannschaften. Einerseits bei den Russen, den bisherigen starren Vertretern der nur praktischen Arbeit, beginnendes Verständnis auch für politische Momente, anderseits bei der übrigen Landsmannschaften die immer wachsende klare Erkenntnis der Bedeutung der Gegenwartsarbeit." Das „Frankfurter Israelitische Familienblätt" sagt u.a.. Der achte Kongreß war ein Kongreß der praktischen Arbeit, vor allem aber der praktischen Arbeit im Lande unserer Väter, in Palästina, und das ist eben das Gute! Und nicht nur materiell, auf kolonisatorischen und industriellen Gebieten, sondern auch in geistiger Hinsicht hat er Praktisches zutage gebracht. Ein Gymnasium und eine Mittelschule sind gesichert, .... Was wir sagen wollten, ist, daß der achte Kongreß nicht vergebens getagt hat: er hat nicht nur die Bewegung in richtige Bahnen geleitet, er hat auch der Welt gezeigt, daß der Zionismus lebt und ein gedeihliches Dasein führt! Das Hamburger „Israelitische Familienblatt" schließt seine Betrachtungen, bei denen allerdings manche wesentliche Mißverständnisse mitunterlaufen,, mit folgenden Worten: „So kann man, ganz gleich, wie man sich sonst zum politischen Endziel des Zione-Zionismus stellt, nur feststellen, daß der VIII. Zionistenkongreß wesentlich sympathischer und zufriedenstellender verlaufen ist, als viele seiner Vorgänger, daß die Bahn für praktische Arbeit eröffnet ist, und es sich nurt zu zeigen haben wird, ob den billigenswerten Beschlüssen zu einer solchen praktischen Arbeit auch die entsprechenden Taten folgen werden." In der „Neuen Nationalzeitung" schreibt Dr. S. ^. Landau am Schlüsse eines Kongreßartikels: „. . . Man mag darüber verschiedener Ansicht sein, ob dieser Kongreß so interessant war, wie seine Vorgänger, oder ob er es nicht war. Man mag auch zugeben, daß diesem Kongresse die mise en scene gefehlt hat, durch die sich die ersten Kongresse so sehr ausgezeichnet haben. Diesem Kongresse kommt aber eine Bedeutung zu, die kein anderer vor ihm hatte: es war der erste Kongreß der Wirklichkeit Zum erstenmal ein Kongreß, der mit den realen, wirklichen Tatsachen rechnete; zum erstenmal ein Kongreß, der die Verwirklichung der zionistischen Idee unsichtbaren, rätselhaften Händen entwand und in die Hände des Volkes legte. Darin liegt die Bedeutung, darin besteht der Wert des achten Zionistenkongresses. . . ." In einem Leitartikel des „Jewish World" über den Kongreß lesen wir u. a. folgendes: „. . . Der eben geschlossene Kongreß wird sicherlich, wem: nicht als einer der bedeutendsten, so doch als einer der praktischster der zionistischen Versammlungen zu betrachten sein. Eine große Zahl von Anhängern der Bewegung gelangte dazu, die Entrückther ihres politischen Programms genau abzuschätzen und zeigte sich eifrig bemüht, etwas unmittelbar Nützliches für die langer Jahre ihres Wartens zu tun. Das geht vollkommen klar — nichi allein aus dem Berichte der Palästina-Kommission und dem des Zentralbureaus und dem Beschlüsse, ein neues Palästinaressort zu schaffen, hervor, — sondern auch aus dem Grundton der großer Mehrzahl der Reden. ..." Zum Schlüsse sei noch angeführt, wie der „Je wish Chronic le" über den Kongreß urteilt: „. . . Das eigentliche Resultat des Kongresses im Haag schein: der Entschluß zu sein, das was „praktische Arbeit in Palästina" genannt wird, mit der Bewegung enge zu verknüpfen und die „politische" Arbeit, wenn nicht außer Acht zu lassen, so doch in den Hintergrund zu rücken. Die vom Kongresse gefaßten Beschlüsse spiegeln sich deutlich in der auf der Versammlung des Jewish Colonial Trust vorgebrachten Meinung wieder, dah die Geschäfte dieser Institution auf Palästina beschränkt werden sollten. Ein Gegengewicht gegen diese Tendenz bildet in gewisser Hinsicht die Konstituierung des neuen Engeren Aktions-

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