Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-08-30 · 35 (30.8.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316278--49691-3344641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 35 DIE ELT „In der Erwägung, daß ein Parteifonds für die zionistische Organisation eine Notwendigkeit ist, beschließt der Kongreß zum Zwecke der Bildung eines solchen Fonds, daß jeder Zionist für das Jahr 5668 (1907/1908) eine Parteisteuer von mindesteuer.5 Francs entrichten soll. Den Vereinen, Landesorganisationen wird es zur Pflicht gemacht, mit der Einziehung dieser Parteisteuer sofort zu beginnen und sie sofort an das Aktionskomitee abzuführen." Wer nur einigermaßen die Verhältnisse unserer Organisation kennt, weiß, welch ernsten Beweggründen der Antrag entsprungen ist. Seit Jahr und Tag hat unsere Organisation unter der Knappheit der Parteiinittel zu leiden. Gewiß, es wird ja für allerhand Zwecke gegeben — ob auch da zu wenig, darüber wollen wir an dieser Stelle nicht sprechen. Man kauft Aktien, sammelt.für den Nationalfonds, für „verschiedene Zweke", und zu Ende des Jahres ist's immerhin ein nettes Sümmchen. Aber das Wichtigste, die Zentrale gehörig zu speisen, damit der Apparat mit voller Dampfkraft arbeiten kann, das hat man alle die zehn Jahre hindurch übersehen. Die Schekelzahlung ist eine gute, demokratische und so echt jüdische Einrichtung, daß wir an ihr nicht Mitteln sollen. Aber sie verfolgt zwei ihrem Wesen nach mit einarider nicht verbundene Zwecke: Sie dient erstens der Zählung und Zusammenfassung unserer Anhänger durch ein äußeres Abzeichen und eine kleine \bgabe, zum zweiten aber soll sie zur Finanzierung ier Bewegung verhelfen. Und zu dem zweiten Zwecke st sie zurzeit weniger tauglich. Wir sprechen schon gar nicht davon, daß die Schekeleingänge jetzt nicht groß genug sind, um eine Balance in unserem, sagen vir Staatshaushalt herbeizuführen. Der Hauptfehler iegt darin, daß sie zu unregelmäßig, in kleinen ^aten, oft erst zu Ende des Jahres einlaufen, während lie Zentrale indessen ihre regelmäßigen Auslagen hat, lie sie bestreiten muß. Zudem hat die Zentrale nie -ine ganz klare Übersicht über das, was sie an Schevelgeldern zu erwarten hat, was zu einer ängstlichen md selbstverständlich unsystematischen Verfügung über lie Gelder führen muß. Es ist natürlich eine schwere Kalamität, wenn sich die Zentrale in ihrer Voraussicht rrt und sich in finanzieller Hinsicht mehr zumutet, als iachträglich durch die. Schekeleingänge gerechtfertigt ■rscheint. Nicht weniger schädigend für unsere Belegung aber ist es — und nicht nur vom wirtschaftichen Standpunkte aus — wenn weniger ausgegeben vird, als man hätte ausgeben können. Die Zentrale commt ja selten dazu, über Oberschüsse im Budget zu juittieren, es wäre uns aber auch nicht erwünscht, venn'dieser Fall einträte. Denn wir wollen gar nicht md dürfen gar nicht anders wollen, als daß die Parteigelder voll verwendet werden. Bleiben wir aber bei ier Norm, daß zu wenig Geld und dieses zu unrechter ■ -eit eingeht: das ist ein unhaltbarer Zustand. Wir dürfen es nicht darauf ankommen lassen, daß dem Aktionskomitee von Anbeginn die Hände gebunden werden und daß es jeder Kritik seiner Tätigkeit ein unanfechtbares: „Vestra culpa" — „Warum gebt ihr uns keine Mittel?" entgegensetzt. Alle diese Mängel des bisherigen auf dem Schekel aufgebauten Finanzsystems werden mit einem Schlage beseitigt werden, wenn wir ein für allemal einen Parteifonds schaffen. Das Aktionskomitee hat dann die Möglichkeit, von vornherein „gegen bar" zu arbeiten — eine Methode, die nicht nur im kaufmännischen Betriebe ihre Vorzüge hat. Es kann ruhig die Schekelpropaganda betreiben lassen, ohne die Organisation zu treiben, ohne, wie das bisher manchmal der Fall war, die Landsmannschaften just zu einer Zeit zur Schekelsammlung aufzurufen, wo in der Zentralkasse Ebbe herrschte, in dieser oder jener Landsmannschaft aber gerade der Zeitpunkt für das Schekelsammeln aus diesem oder jenem Grunde ungünstig gewählt war. Selbstverständlich wird wieder die Schekelpropaganda wesentlich gefördert und unterstützt werden, wenn die Zentrale mit allerhandAgitationshilfsmitteln, deren Herbeischaffung der Parteifonds ermöglicht, beispringen kann. Und natürlich nicht nur die Schekelpropaganda, — das wäre ein zwar sehr schätzenswerter, aber noch nicht ausreichender Erfolg: Unser ganzer zentraler Apparat wird, wenn wir einmal die richtige finanzielle Grundlage schaffen, eine andere Gestalt erhalten, er wird halbwegs den gewaltigen Anforderungen entsprechen, die unsere weitverzweigte Organisation mit ihren vielseitigen Bedürfnissen an ihn stellt. Heute ist unsere Zentrale finanziell eine — Zwergwirtschaft. Wie eine wirkliche Zentrale ausgestattet sein muß, was man an Gutem und Nützlichem bei etwas mehr Mitteln machen könnte, darüber wollen wir ein andermal sprechen. Nachgedacht haben ja sicherlich viele darüber, und in den mannigfachen Kongreßwünschen und -Beschwerden ist ja auch hinreichend viel, allerdings kunterbunt und bei verschiedenen Gelegenheiten, dazu geäußert worden. Für heute genug des Gesagten und die Feststellung, daß wir nicht weiter arbeiten dürfen wie bisher. Aus Ungesundem und Schwächlichem kann nichts Gesundes, Starkes erwachsen. Wir müssen auf festem Grund bauen — dieser Erkenntnis, die sich erfahrungsgemäß in unserer Anhängerschaft herausgebildet hat, ist wohl die einmütige Beschlußfassung über die Bildung eines Parteifonds zu danken. Der Kongreß ist manchmal sehr generös in seinen finanziellen Verfügungen, in Beschlüssen," für deren Durchführung später das Aktionskomitee das Kapital zu stellen hat. Er hat sich diesmal vor solchen „Subventionen" gehütet — und das scheint uns das beste Zeichen dafür, daß es sich ihm bei dem Beschlüsse der Bildung eines Parteifonds nicht um eine theoretische Generosität, sondern um eine ernste, bewußte Äußerung der Opferwilligkeit der Zionisten gehandelt hat. Den Beweis hierfür wird die Organisation sofort zu erbringen haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.