Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-08-23 · 34 (23.8.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316277--49678-3344627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dichter, die hebräische Sprache zu lernen, als eine andere. Der Vraber muß seinem Kind ebenso Adieu sagen, wenn er es in eine ndere Schule schickt, wie die Juden in Rußland und anderswo. Jetzt finden Sie in Palästina kein Plätzchen mehr, wo nicht!ie Missionäre Schulen errichtet haben, selbst Rußland, das zu lause nicht einmal Schulpflicht hat, besitzt dort Schulen, nur die uden besitzen keine. Doch wir brauchen keine innere Mission u treiben. Es genügt für uns, wenn die Juden nicht gezwungen lud, fremde Schulen zu besuchen. Erst seit der letzten Zeit sieht lan auf diesem Gebiete eine gedeihliche Entwickelung. Auch der iilfsverein hat Schulen errichtet, das ist die dritte Kategorie. Der lilfsverein ist, sie wissen ja, keine zionistische, nicht einmal eine Jar ausgesprochene nationale Organisation, und doch, er leistet sehr iel. Ich habe die Schulen des Hilfsvereins besucht und mir ein ibjektives Urteil gebildet. Der Vorsitzende des Hilfsvereins hat usdrücklich erklärt sein Wunsch gehe dahin, daß kein Schüler es Hilfsvereins gezwungen sein solle, das Land zu verlassen. > strebt danach, daß sämtliche Kinder im Lande oder in Syrien leiben. Da kommt es denn vor allem auf den Grundstock anis ist notwendig, daß man Kindergärten einrichtet und die ämtlichen Kindergärten nun, die bestehen, befinden sich unter dem Schutze des Hilfsvereins, und die Rothschildschen Schulen sind etzt gezwungen, dem Hilfsverein nachzuahmen. Die ersten zwei ahre nun wrird ausschließlich in hebräischer Sprache unterrichtet. Ich habe natürlich auch viele Lehrer kennen gelernt, und so . eit ich beobachtete und meine Freunde mich informiert haben, aben wir keinen Grnnd, mit diesen Lehrern unzufrieden zu sein 'ie sind sehr gute Juden, sehr gut national gesinnt und verstehen ir Fach. Auch das Lehrerseminar habe ich kennen gelernt. Selbstcrständlich ist es erst im Ausbau begriffen, aber es war mir eine reude, dem Untericht beizuwohnen, ich fand ihn sehr gut. Ich will Ihnen hierzu noch en passant einige Beobachtungen rzählen. Ein orthodoxer Jude, ein Doktor aus Deutschland, der ein Zionist ist, kein Zionist war, vielleicht sogar unser bitterer iegner, kam nach Palästina, und Sie werden hören, wie dieses .and auch einen solchen Gegner sozusagen in einen Zionisten verhandeln kann. Er kam nach Palästina und sah, wie die hebräische Sprache lebendig war. Allmählich vervollkommnete er sich noch eiter in der hebräischen Sprache und kam schließlich so weit, daß Geometrie und Physik in der hebräischen Sprache vortrug. Und s fehlte ihm kein Wort. Ich habe gesehen, wie man dort den leinen Kindern in hebräischer Sprache die Botanik beibringt, es ird Ihnen vielleicht sentimental klingen, für mich ist es reine Musik ewesen. Die Sprache war eine ganz andere im Munde dieser ehrer, die mit ihr zusammen, im Lande aufgewachsen sind. Wenn ie deutschen Professoren daran zweifeln, ob wir es mit einer lebenigen oder toten Sprache zu tun haben, dann sollen sie einmal für Monate Schulgeld bezahlen und sich dort zu den Schülern setzen, .mn werden sie es verstehen. Allein, man muß mit der Arbeit weiter gehen. In Palästina iben Sie schon eine große Anzahl von Eitern, die sich nicht zueden stellen mit der Elementarschulbildung. Sie wollen, daß die inder im Lande bleiben. Man muß also auch eine Mittelschule iben. Auf diesem Gebiet hatten wir bis vor kurzem noch nichts .'schaffen. Nun haben wir den Unterbau eines Gymnasiums, und h sage es ganz offen, als ich nach Palästina ging, hatte ich ein wißes Mißtrauen gegen das sogenannte Gymnasium, ich war nicht »rurteilsfrei, ich glaubte, dort etwas zirfinden, was sich nicht mit esem Begriff deckt. Ich muß zu meiner Freude konstatieren, daß i mich getäuscht habe. Zwar machte die Anstalt noch den Einuck eines ersten Versuches, aber eines guten, und ihre Leiter id von uneigennützigsten Motiven geleitet. Wenn den Eltern in Palästina die Möglichkeit gegeben wird, - Kinder nicht in das Ausland zu schicken, so wird das unabhbaren Nutzen bringen. Die Mehrheit der Russen, die jetzt nach Palästina gekommen und weggegangen sind, taten es, weil sie keinen Platz fanden, ihre Kinder erziehen zu lassen. Sie wissen ja, wieviel Wert die jüdischen Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder legen. Die Frage ist also im höchsten Grade reif, und es ist wirklich sehr an der Zeit, daß eine gute Mittelschule in Palästina geschaffen wird. Man hat Ihnen vom Bezalel einen Bericht gegeben. Aber, meine Damen und Herren, es freut mich gewiß sehr, daß Sie Herrn Prof. Schatz solch warme Gefühle entgegenbringen (stürmische Ovationen für Prof. Schatz), es hätte mich aber noch mehr gefreut, hätten Sie diese warmen Gefühle seiner Schule entgegengebracht. (Beifall). Ich muß Ihnen nämlich sagen, diese vorzügliche Schule befindet sich noch in einem embryonalen Zustand, und von der zionistischen Organisation ist es abhängig, ob wir es nicht in Zukunft bereuen werden, daß wir applaudiert haben. Sehen Sie zu, daß wir am neunten Kongreß nicht wieder nur applaudieren. Der Boden in Palästina ist gut, aber wenn man solchen Boden hat, muß man .auch fest bauen und mit Applaudieren baut man nicht, sondern mit Mitteln und Unterstützungen. Es muß ganz anders gearbeitet werden, und es muß etwas anderes geschehen, damit alles, was im Lande bereits vorhanden ist, fest wird und Existenzberechtigung findet. Wenn wir so arbeiten, wie wir bisher gearbeitet haben, dann, verehrter Kongreß, geht es allerdings nicht, denn wir arbeiten viel zu wenig. Was aber ist es, das uns in Palästina fehlt? Wie soll das ganze Schulwesen geregelt werden, wie soll das Schulwesen ausgebaut werden? Was in Palästina fehlt, das ist ein einheitliches System. Wir haben dort den Merkas Hamorini, das ist die Körperschaft der Lehrer. Aber diese Lehrer sind zu schwach, um etwas zu schaffen. Denn erstens erteilt jeder dieser Lehrer in der Woche mindestens 28 Unterrichtsstunden und dazu muß er mindestens 60 Stunden arbeiten. Die Leute schlafen nicht, sie essen nicht, sie arbeiten. Man kann sich aber nicht mit dem Gesamtausbau beschäftigen, wenn man schon zehn Stunden gearbeitet hat. Zum zweiten fehlt es an Mitteln. Und noch eine Sache; es ist notwendig, daß eine Person, die außerhalb dieser Körperschaft steht, die ganze Sache organisirt. Die Lehrer sind nicht imstande, sich zu organisieren und die ganze Sache zu übernehmen, dazu muß man noch Kräfte haben. Das System fehlt. Kein einziger beinahe von den Lehrern hat ein Lehrbuch oder eine Methode, jeder muß seine Lehrbücher ausarbeiten. Wenn er in der Arithmetik oder Botanik zu unterrichten hat, so muß er sich auf jede einzelne Stunde vorbereiten, und meinen Sie, daß die eine leichte Aufgabe ist? Meinen Sie etwa, man könne Lehrbücher aus dem Russischen übersetzen, oder aus dem Französischen oder Englischen? Für Palästina muß man andere Lehrbücher für Geographie, Geschichte, Arithmetik usw. haben. Sie haben dort wirklich ganz andere Bedingungen, sie haben andere Aufgaben, andere Münzen, andere Maße und überhaupt andere Kombinationen. Und das Fazit, wir hatten keine Literatur. Es sollte eine Körperschaft vorhanden sein, die für die jüdischen Schulen so etwas schafft. Die Lehrer könnten sich dann ganz dem Unterricht zuwenden, und sie hätten dann auch noch etwas Zeit für Erholung. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, daß es keine Gefahr ist, wenn die Erwachsenen aus fremder Literatur ihre Nahrung ziehen, aber wenn der kleine Junge oder das kleine Mädchen aus der fremden Sprache schöpfen, dann gehen sie uns zur Hälfte verloren. Wir müssen also sehen, daß wir eine eigene Literatur bekommen. Eine anständige Karte von Palästina haben wir z. B. bis zum heutigen Tage nicht, man mußte immer fremde Karten benutzen. Was muß geschehen? Erstens muß eine Organisation in Palästina geschaffen werden, nennen wir es ein kleines Ministerium, eine Direktion oder Inspektion der Bildung. Es ist nicht die Frage einer Person, sondern es müssen mehrere Leute sein, die sich vereinigen. Es muß eine ganze Organisation sein, ein Zentrum, und dann müssen wir dazu verschiedene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.