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Die Welt · 1907-08-23 · 34 (23.8.1907) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 , DIE 3 dafür, daß man Boden unter den Füßen hat, nicht nur im gewöhnlichen,, sondern im historischen Sinne des Wortes. Freilich behaupten Leute der kalten oder der „reinen" Vernunft, die Moral habe keine Bedeutung. Gewiß kann man sie in keiner Bank, nicht einmal in der Palästinabank diskontieren, aber auf dem Weltmarkt hat sie eine große Bedeutung. Es hat eine Bedeutung, den jüdischen Künstlern, den Männern der Wissenschaft, den arbeitenden Juden Achtung zu verschaffen. Herr Dr. Marmorek sprach gestern sehr begeistert, aber so unklar, daß man den Eindruck gewinnen konnte, er sei gegen diese Einrichtungen in Palästina. Meine Damen und Herren! Es handelt sich nicht nur um jene Hunderttausend Juden, die in Palästina wohnen. Aber wir haben auf der ganzen Erde kein Plätzchen, wo das jüdische Wort frei und kühn ausgesprochen werden kann und darf. Die Juden der ganzen Welt tragen eine Maske, ob sie Gelehrte, Künstler, Männer der Wissenschaft sind oder nicht. Wir wollen ein freies Plätzchen schaffen, wo die jüdische Seele sich ausleben kann. Hier auf dem Kongreß, meine Damen und Herren, haben wir jüdische Künstler: Schatz, Pilichowski, Glicenstein, Struck, wir haben einen Dichter, der jeder zivilisierten Nation eine Zierde wäre. Und Bialik hat mit Bier gehandelt, Kohlen verkauft, und jetzt beschäftigt er sich mit dem Druck von Annoncen und Visitenkarten. So pflegt ein Volk, das aufleben will, den Geist. Wir vergeuden unsere Kräfte und wir leiden nicht nur an der äußeren Zerstreuung, sondern auch an der inneren, an dem Pis'ron hanefesch. Unsere Seelen sind zerstreut, wenn Siesie sammeln wollen, werden Sie nur Splitterfinden. Pflegen Sie den natürlichen Boden, wo es keine Nachahmung gibt, und Nachahmung ist Gift für jede gesunde Entwicklung. Bei Karlsruhe haben die Deutschen ein Künstlerdorf gegründet, nach dem Scharen von Pilgern gehen, und ist es nicht eine Schande, daß auf dem Ölberg nur eine Engländerin eine Villa der Kunst gewidmet hat? Wer von uns hat für solche Dinge gesorgt? Aber wir müssen auch unsere Kräfte ein wenig sammein und konzentrieren. Man hat bisher nur von Elementarschulen gesprochen, weil wir ein festes Fundament brauchen. Dieses ist aber noch nicht alles. Meine Damen und Herren! Wenn wir unsere Versuche machen werden, dann kann die Stellung der Juden in der ganzen Welt mit der Zeit eine ganz andere werden. Man muß in Jerusalem für sie die Achtung der ganzen Welt erringen. Ich bin kein Chartergegner, aber ich behaupte: Es gibt keine Sprünge in der Geschichte, wie es keine schroffen Obergänge in der Natur gibt. Alles muß auf dem Wege der Evolution geschehen. In* Jerusalem leben zirka 35 000 jüdische und nur 2000 armenische Familien. Und die Hauptrolle in der Stadtverwaltung spielen die Armenier, nicht die Juden — und zwar nicht, weil die Juden Ausnahmegesetzen unterworfen wären, sondern weil sie nichl organisiert sind. Wenn Sie die Diplomaten sind, dann schaffen Sie doch dort einen Stützpunkt für Ihre diplomatischen Unternehmungen! Sie aber meinen: wir sollen sitzen und warten! Da erinnere ich mich, daß sich sogar unter den orthodoxen Juden Leute finden, welche sagen: „Wenn man auf den Messias hofft, muß man auch für seine Ankunft arbeiten.'' Wir müssen uns vorbereiten. Mögen nur die Juden hier, die imstande sind, diplomatische Beziehungen anzuknüpfen, arbeiten — wenn sich aber Leute finden, die nach Palästina gehen, um dort zu arbeiten — und wo die türkische Regierung selbst nicht eingreift, ist jede Arbeit segensvoll — dann wollen Sie doch mithelfen! Meine Damen und Herren! Das Streben nach Zion hat sich im Laufe der Generationen verschiedenartig geäußert. Unsere Eltern haben die Chalukah geschaffen. Ich bin kein Gegner der Chalukah, denn sie haben die Liebe zu Zion so geäußert — wenn wir aber gute Kinder sind, müssen wir die Schuld unserer Eltern gutmachen. Es besteht jetzt eine neue Generation in Palästina: so müssen wir ihr doch aufhelfen — denn unsere Eltern haben sie in Chalukahkinder verwandelt. Wir haben unsere Häuser neu gebaut und eingerichtet, wollen wir doch etwas Modernes auch nach Palästina bringen! Es ist unsere Pflicht. Wenn man von Palästina spricht, zeigt man fortwährend die Hindernisse. Aber die Territorialisten, deren Austritt Dr. Marmorek bedauert, haben bis jetzt nur den einzigen Vorzug, daß sie kein Territorium haben. Und hätten sie Palästina nur als Territorium betrachtet, dann müßten sie auch mit uns gehen. Man wendet uns oft ein, wir denken mit unseren Gefühlen. Aber gibt es ohne Gefühl, ohne Kampf überhaupt ein Denken? Mau muß ruhig arbeiten, Stein auf Stein, und wenn dann die Herren Diplomaten mit der Möglichkeit des Charters kommen werden, dann wird es die Arbeit nur erleichtern, wenn sie viele Juden und jüdische Einrichtungen im Lande habeil. Sonst wäre auch der Charter nur eine Thora schebik'tab. Herr Dr. Marmorek sagte, wir müssen erst hören und dann tun, aber wenn man gar nichts |ELT - =—--No. 34 tut, kommt es auch zu keinem Begreifen. Die Vertreter des arideren Standpunktes sind uns immer wert, wir verlangen aber nur eines, daß Sie sich überzeugen - und dagegen gibt es keine Argumente. Tun Sie den ersten Schritt des na'asseh und das w'nischma wird schon kommen. (Lebhafter, andauernder Beifall und Hedad-Rufe.) Syrkin beantragt: „Indem der 8. Zionistenkongreß die reale Arbeit in Palästina als eine der wichtigsten Methoden zur Realisierung des Zionismus anerkennt, betont er mit aller Schärfe und Klarheit, daß er als die Grundlage unserer Bewegung ihr politisches Element betrachtet und vom A. C. die intensivste Arbeit in politischer und diplomatischer Beziehung fordert." Dl Bodenheim er beantragt über diese Resolution zur Tagesordnung überzugehen. Nach den großen prinzipiellen Debatten, die gestern stattgefunden haben, könne kein Zweifel bestehen, daß der Kongreß an dem politischen Fundament der Bewegung nicht rütteln wolle; anderseits ist es vollkommen klar geworden, daß der Kongreß unter allen Umständen eine praktische Arbeit in Palästina inaugurieren werde. Eine Abstimmung über diesen Antrag könnte in der zionistischen AVeit nur Mißverständnisse herbeiführen; würde er angenommen, so würde das als Sieg des politischen Zionismus über den praktischen angesehen werden; im Falle einer Ablehnung wieder könnte man sagen, der Kongreß habe das politische Fundarneni verlassen und sei ein Verein von Chowewe-Zion geworden. Der Antrag bilde in der gefaßten Form nicht die richtige Unterlage für die Abgrenzung der Meinungen und sei daher nicht geeignet, die Meinungen zu klären. Der Antrag Bodenheimers wird mit' großer Mojorität angenommen. Es erfolgt nunmehr die Abstimmung über die inzwischen mehrfach modifizierten Anträge des Palästinaausschusses des Kongresses, dl: in folgender endgiltiger Form angenommen werden: 1. Der Kongreß beschließt, daß ein besonderes Palästinaressort innerhalb des engeren A. C. geschaffen wird, welches das Recht hat, sich Beiräte zu ernennen. Dieses Palästinaressort soll unter der Leitung ein es Mitgliedes des Engeren A.C. stehen. Ihm wird ein in Palästina befindliches, aus einem oder mehreren besoldeten Beamten bestehendes Palästinaamt unterstellt. 2. Der Kongreß beschließt, daß 25% aller Einnahmen des A.C., sofern sie nicht für andere Zwecke bestimmt sind, sofort nach Eingang dem Palästinaressort beim Jewish Colonial Trust zur Verfügung gestellt werden. Außerdem fließen dem Palästinaressort die für seine besonderen Zwecke gesammelten und gespendeten Beiträge zu. 3. Der Kongreß beauftragt das Palästinaressort, die Frage der Siedlungsgenossenschaft in Palästina zu studieren und der Jahreskonferenz darüber Bericht zu erstatten. 4. Der Kongreß beschließt, das Palästinaressort und das Direktorium des J. C. T. zu beauftragen, umgehend ein Institut für ländlichen und städtischen Bodenkredit in Palästina zu schaffen. Dieses Institut soll womöglich einen Teil der A. P. C. bilden und das Recht haben, ländlichen Boden zu kaufen und zu verkaufe«r1fu p. ..lten, zu verpachten und zu bebauen. Zu 4. liegt folgender Eventualantrag Tschlenow vor: Der Kongreß beauftragt das Engere A. C. und das Direktorium der A. P. C. dafür Sorge zu tragen, daß bei der A. P. C. eine Abteilung für langfristige Kredite auf ländlichen und städtischen Boden eingerichtet werde. 5. Der Kongreß beauftragt das Palästinaressort, den Bildungsanstalten in Palästina seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden und zu trachten, für derenZwecke einen besonderen Fonds zu schaffen. Er beauftragt ferner das Palästinaressort, für die Entwicklung einer hebräischen Mittelschule in Palästina Sorge zu tragen. Dr. Tschlenow hebt in der Begründung seines Eventualantrages hervor, daß zwischen beiden Anträgen derselbe Unterschied bestehe wie zwischen Wunsch und Möglichkeit. Der vom Ausschuß vorgeschlagene Antrag beanspruche viele Geldmittel vom J. C. T. und sei überdies mit großen juristischen Scwierigkeiten verbunden: die Fonds des J. C. T. müßten aber flüssig bleiben und dürften nicht durch langfristige Bodenkredite festgelegt werden. Nach seinem Antrag müßten für den behandelten Zweck neue Mittel geschaffen werden, und das sei die einzige Möglichkeit dem Bedürfnisse nach langfristigen Bodenkrediten in Palästina abzuhelfen. Dr. Sußmann. Nach der Resolution solle das Institut als Teil der A. P. C. begründet werden. Schon die A. P. C, wurde ohne Heranziehung der jüdischen Massen errichtet, und jetzt begehen wir denselben Fehler. Wir haben hier Gelegenheit, ein neues Institut zu schaffen und so neue Geldmittel von den jüdischen Massen zu

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