Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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gibt, das ist der politische Zionismus Herzls, und wenn dieser politische Zionismus verspottet, wenn eine Resolution gefaßt wird, um ihn zu begraben, dann graben Sie auch das Grab für die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes. Das glorreiche Haus dieses Landes hat den Wappenspruch: Je maintiendrai, ich werde festhalten. Wir unserseits werden an unserem Wappenspruche festhalten! Was uns wohltut, d. i., daß wir, wenn wir von hier weggehen, gestärkt und gekräftigt von der Idee: Entweder halten wir am politischen Zionismus, oder der Zionismus hat überhaupt gelebt. (Stürmischer anhaltender Beifall und Händeklatschen. Zwischenrufe und Unruhe.) Dr. Weizmann: Wir stehen vor der Aufgabe, den Willen des jüdischen Volkes wachzurufen. Uns genügt es aber nicht zu sagen: Das jüdische Volk wird wollen, wird werden so lange zum jüdischen Volke sprechen, bis es wollen wird. Denn bis jetzt hat es seinen Willen nicht gezeigt. Vielleicht war es das tragische Schicksal Herzls, das ihn bis zu Uganda führte, daß er den Willen des Volkes schneller zu wecken glaubte, als es möglich war. Aber weder genügte seine glühende Begeisterung, noch seine kristallklare Wahrheit. Das letzte Wort Herzls war: „Wir sind an einer Barriere angelangt." Für uns waren keine Barrieren da. Wir müssen die Auffassung über den Charter ändern. Wir müssen dem Volke sagen, daß es nur dann sein Ziel erreichen werde, wenn es schon heute anfängt, Besitz von dem Lande zu nehmen, das ihm gehört. Wir geben auch zu, daß das nur Mittel zum Zwecke ist. Unsere Differenz liegt aber darin, daß wir glauben: die sogenannte politische zionistische Bewegung war eine einseitige. Bis jetzt war der politische nichts anderes als diplomatischer Zionismus. Man dachte das Volk begeistern zu können indem man ihm sagte: Dieser oder jener Machthaber ist unseren Bestrebungen günstig. Dies ging bis zu einem gewissen Grade, weil das jüdische Volk es gerne sah, daß sich Machthaber mit uns beschäftigen, aber es sah auch ein, daß es noch nicht genügt, wenn die Regierungen zugeben, daß wir recht haben. Sie geben es zu, aber sie rühren keinen Finger, die Forderungen nach Gerechtigkeit durchzuführen. Es ist nicht nur angenehm, wie Motzkin gesagt hat, in Palästina zu leben, er wird auch wissen, daß zu jeder Kolonisation Pionierarbeit notwendig ist, und ich betrachte jeden, der jetzt nach Palästina geht, nicht als Touristen, sondern zugleich als Vorarbeiter und teilweise als Schöpfer von Werten. Sie gestehen, daß auch Sie nicht gegen Palästinaärbeit sind, aber ist dies ein Argument dagegen, daß wir diese Arbeit tun? (Lebhafter Beifall.) Wenn Sie unsere Arbeit für nicht sicher halten, so gibt es ja auch für'Sie keine Garantie für den Bestand Ihrer Arbeit, selbst wenn Sie den Charter bekommen. Wie bei allen ersten Versuchen ist eine völlige Sicherheit nicht möglich. Wie stellt sich Herr Dr.Marmorek die Sache vor? Daß alle Experimente direkt zu positiven Resultaten führen werden? (Marmorek: Gewiß!) Selbstverständlich. Aber vom grünen Tische aus werden wir Palästina nicht bekommen. (Stürmischer Beifall). Wir wollen eine ehrliche Synthese der beiden Momente (Marmorek stimmt zu) und wenn ich die Gewißheit hätte, daß beide Seiten sich bemühen zu einer ehrlichen Synthese zu gelangen, dann wäre auch ich dafür. Aber ich habe diese Gewißheit nicht Ich habe sie verloren als Dr. Marmorek in seiner Rede den Austritt der Herren Zangwill, Mandelstamm usw. bedauerte. Ich meinerseits würde es geradezu beklagen, wenn diese Herren es nur für möglich hielten, hier zu erscheinen. (Zwischenrufe.) Sprechen Sie nicht von Toleranz! Zählen Sie nicht jene auf — denn ich könnte auch eine Liste aufzählen: Wo ist Achad Haam? (Stürmischer, lauter Beifall.) Wo ist Dr. Birnbaum? (Großer Beifall). Wo ist . . . Ist es nicht genug, daß diese Männer, die mit ihrem ganzen Leben mit uns sind, hier nicht erscheinen? Und gerade das hat vielleicht zu unserem langsamen Versinken geführt. (Stürmischer Beifall). Sie sagen, das jüdische Volk habe noch nicht gezeigt, daß es will. Ist es keine Willensbezeugung, wenn immer mehr Zionisten nach Palästina gehen und sagen: „Trotzdem wir uns bewußt sind, daß vielleicht einmal eine schwere Krise eintreten könne, tun wir es doch." Auch die Regierungen werden nur dann auf Sie hören, wenn sie sehen werden, daß Sie imstande sind, Palästina zu besitzen. Herr Motzkin bewegt sich in einem verzauberten Kreise. Er will den Willen des jüdischen Volkes erzeugen. Aber er weiß nicht und konnte uns nicht sagen, wie. (Lebhafter Beifall). Ich weiß nur einen Weg. Dieser ist schwer, aber wir müssen ihn betreten, und ich möchte, dass die zionistische Organisation ihn betrete. Keiner von uns wird den großen Gedanken verneinen, daß der Zionismus eine politische Bewegung ist. Aber reduzieren Sie nicht die Politik darauf, daß Sie zu Regierungen gehen und sich Gutachten über den Zionismus einholen. (Beifall). Wir können die Unterhandlungen nicht noch einmal beginnen, weil sogar die Re gierungen vergessen haben, daß Sie zu ihnen gegangen sind. Glau ben Sie z. B., daß die englische Regierung, unter der das Uganda angebot erfolgte, eine Ahnung vom Ziomsmus, eine Ahnung vo den wahren Forderungen des jüdischen Volkes hat? Wissen Sir. worauf die Formel des Zionismus bei den Regierungen.-zusammen geschrumpft ist: „Es gibt ein armes Volk, dem geholfen werde soll. Wir bringen ihm unsere Spmpathie entgegen, aber wir könne doch nicht ins internationale Konzert eingreifen." Und dies, wen ich Optimist sein wollte! (Beifall). Ich verstehe unter politischem Zionismus, daß die Judenfrag gleichsam eine internationale Frage für die Regierungen werde. Wi sagen auch: Wir bedürfen eurer Hilfe, aber wir tun alles, um unser Position in dem Lande, das wir als unsere Heimat betrachten, t stärken. Wir müssen die zionistische Politik den Regierungen s klar machen, daß sie sie so verstehen, wie sie die Juden verstehe] (Lebh. Beifall). Herr Motzkin meinte, wir können nicht die Verantwortung d:i für übernehmen, daß die Versuche mißglücken. Herr Motzkin, weir man eine solche Politik verfolgt, kann man überhaupt nichts unter nehmen. (Stürmischer Beifall). Man kann niemals, auch bei alle möglichen Vorsichtsmaßregeln, nicht garantieren, daß kein Fiask erfolgen kann. Und glaubten die Herren, die sich für Uganda begeister daß sich dort alles glatt abwickeln werde? (Lebh. Zustimmung). Vom historischen Standpunkte aus müssen wir die Möglichke zugeben, daß ein Fiasko eintreten könne uud dies möglichst z vermeiden suchen. Aber gar nicht anfangen? Abwarten? Denker es wird kommen? Wir werden den Willen des Volkes wecken Ich möchte den Weg sehen, wie man den Willen des Volkes wecke soll. Wir müssen die Gefahr auf uns nehmen, wir müssen anfanger die Positionen in Palästina, die erreichbar sind, zu erobern. (Marnu rek: Ich bin nicht dagegen.) Jawohl, aber wir unterscheiden im im Ton. (Stürmischer Beifall). Ich will nicht über die praktischen Fragen der Palästinakon mission sprechen, weil ich mich hierfür nicht für kompetent haltt Ich dachte, daß man hier nur die großen prinzipiellen Gesicht: punkte erörtern soll. Ich fasse den politischen Zionismus auf ai Synthese der Arbeiten auf allen Gebieten, der praktischen Arbel als eines Mittels zur Erreichung des politischen Ziels. Ich bi dafür, die Judenfrage als internationale Frage mit allem Nachdruc aufzurollen und weder zu versüßen noch zu erquicken. Aber vo beiden Seiten muß die Arbeit getan werden. Herr Greenberg verglich einmal die zionistische Arbeit mit der. Graben eines Tunnels, das von beiden Seiten in Angriff genomme werden müsse. Von der einen Seite habe ich wenigstens de Willen gesehen, das Graben zu beginnen, die andere Seite behauptet, die Erde sei zu stark oder der Tunnel könne einstürzen. Ic möchte, daß das Graben einmal beginne. Der Kongreß soll dem Aktions-Komite einen klaren, nicht ve; schwornmenen Auftrag geben. Der Charter soll erstrebt werdei. aber nur als Folge unserer Anstrengungen im Lande. Wenn in die Regierungen heute einen Charter ausstellen, wird es ein Stüc Papier sein; anders, wenn wir in Palästina arbeiten, dann ist i beschrieben mit Schweiß und Blut, zusammengehalten durch eine Kitt, der nie sich lösen wird. (Lang anhaltender, stürmischer Beifal Hedad-Rufe). Nathan Groß (für Poale Zion.) Die Prophezeiung Motzkin daß der Zionismus nichts Wesentliches für das Proletariat tun könnt ist nicht richtig. Bisher ist nur das sozialökonomische Monier nicht betont worden. Man hat Palästina erst, wenn der Boden vo. jüdischen Händen bearbeitet ist. Unsere Kolonialpolitik ist ein neuartige. Wir exportieren nicht Waren, sondern Menschen. Di Kolonisation der Germanen in den slavischen Ländern Österreich ist mißglückt, soweit sie nur Städtesiedlung war; sie hatte Erfüll wo sie geschlossene Landsiedlung ist, selbst wenn dort die Deutsche eine Minorität bilden. Das sollten wir uns für Palästina merkci Die Hauptfrage ist also, wie wir einen jüdischen Bauernstand i Palästina schaffen können. Das ist nur möglich, wenn wir gleici zeitig die Landwirtschaft so heben, daß der jüdische Arbeiter, d Bauer wird, nicht dadurch auf ein niedrigeres Kulturniveau hera; sinkt; sonst wird die jüdische Landwirtschaft an der Landfluc!' scheitern. Diese unerläßliche Vorbedingung zu erreichen, sind w allem die Ideen und Vorschläge Oppenheimers geeignet. Auf den bisherigen Wege werden wir nur eine arabische Landwirtschaft un somit einen dolus in Palästina schaffen. Die Siedlungsgenossenscha ist berufen, den degenerierten jüdischen Städter bodenständig / machen, ihn dauernd mit Palästina zu verbinden. Und das ist e was wir brauchen. In einem Lande wie Palästina, wo auf ein sozialpolitische Gesetzgebung für lange hinaus nicht zu rechnen is müssen die wirtschaftlichen Kämpfe zwischen Unternehmern un Arbeitern einen um so schärferen Charakter annehmen. Diese Kämpf'