Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-08-19 · Sep. 4 (19.8.1907) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
Sep. 4 (19.8.1907)
Date
1907-08-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316243--49646-3344607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sep. 4 DIEl^ELT Dieser erklärt, nicht eher sprechen zu wollen, als bis er Aufmerksamkeit findet. Die große Unruhe, Zwischenrufe usw. dauern an. Einige Delegierte rufen, daß sie irrtümlich für den Antrag gestimmt hätten. Sturmann: Die 18 Poalei-Zion haben mißverständlicherweise für den Antrag gestimmt. (Der Lärm dauert an; der Präsident schwingt unaufhörlich die Glocke). Dr. Magnes beantragt auch namentliche Abstimmung. Dr. Friedemann schlägt statt dessen Abstimmung durch Hammelsprung vor. Greenberg: Der Kongreß hat gezeigt, daß er unbewußt die Gegner der Statutenänderung unterstützt. Die Resolution sagt, daß der Kongreß ganz stramm am Prinzip der Abänderung festhält. 130 waren für den vorgelegten Antrag, 102 dagegen; und die Tatsache, daß der Kongreß so beschlossen hat, wird von Zangwill benutzt werden. Darum schlage ich vor, daß jetzt eine einfache Abstimmung darüber vorgenommen wird, ob der Kongreß für oder gegen die Statutänderung ist (Beifall). Allmählich legt sich die Unruhe. Der Präsident stellt an den Kongreß die Frage, wer für die Abänderung der Bankstatuten ist. Der Kongreß votiert unter großem Beifall mit allen Stimmen gegen die Stimme von Cowen (Mr. Greenberg enthielt sich der Abstimmung) für die Abänderung der Statuten, worauf sofort die Ruhe im Kongreß hergestellt wird. * * * Der Präsident erteilt das Wort Dr. Schmarjahu Lewin zu seinem Referat Über nationale Erziehung in Palästina. Dr. Lewin (mit stürmischem Beifall empfangen): Die Aufgabe, die ich habe, ist sehr schwierig, weil die zionistische Organisation als solche sich mit der Frage der nationalen Erziehung der heranwachsenden Jugend in Palästina noch viel zu wenig beschäftigt hat. Es sind verschiedene Organisationen, die Schulen in Palästina errichteten und erhalten und die weiter noch die Absicht haben, neue Schulen zu gründen. Die zionistische Organisation aber hat diese Art der Tätigkeit außer acht gelassen, nicht etwa aus böser Absicht oder aus Nachlässigkeit, sondern einzig und allein aus dem Grunde, weil die Kongresse nie Mittel für diese Zwecke bewilligt haben. Einen Bericht über die Tätigkeit der Chowewe Zion, des Hilfsvereins, der Ica oder der Alliance IsraeJite hier zu erstatten, wäre natürlich ganz überflüssig. Ich werde also zu Ihnen nur einige Worte über das Vergangene und über das Bestehende in Palästina sprechen und ein Wort auch über das Erwünschte oder Gewünschte. Sie wissen, daß verschiedene Nationen in Palästina miteinander wetteifern, einen machtvollen Einfluß auf die heranwachsende Generation zu gewinnen. Es sind dies die Franzosen, die Italiener, die Deutschen und auch die Amerikaner, die Griechen und noch verschiedene kleine Nationen. Diese treiben aber Mission, und noch bis zum heutigen Tage muß man mit der traurigen Tatsache rechnen, daß Hunderte von jüdischen Kindern diese Schulen der Missionare in sämtlichen Städten Palästinas besuchen, und zwar erstens aus dem Grunde, weil die Juden keine genügende Zahl von Schulen haben, und zweitens, weil die jüdischen Schulen bis in die letzte Zeit nicht auf derselben Höhe standen, wie die Schulen der Missionare. Es wäre schon höchste Zeit, daß die Juden, wenn sie sich auch gar nicht mit äußerer Mission beschäftigen, es nicht mehr zulassen, daß die jüdischen Kinder gezwungen sein sollen, fremde Schulen zu besuchen. Ich kann Ihnen unter anderem eine Tatsache mitteilen. In Beyrouth besteht ein amerikanisches College, und dieses ist das Beste, die Amerikaner machen keinen Unterschied zwischen den Nationalitäten und den verschiedenen Religionen. Sie sind überhaupt sehr tolerant, und trotzdem ist es obligatorisch, daß jeder Schüler und jeder Student die Kirche zweimal täglich besucht. Ich spreche nicht aus religiösen Motiven. Diese Gründe liegen mir fern, aber ich finde, es ist etwas Unschönes, etwas Unästhetisches in dieser Erscheinung. Jüdische Kinder müssen in die Kirche gehen! Die Juden haben sich aber sehr wenig darum bekümmert, für die heranwachsende Generation etwas Solides, etwas in sich Abgeschlossenes, Vollendetes zu schaffen und wenn wir praktische, oder wie man es jetzt nennt, reale Arbeit in Palästina leisten wollen, so hätte ich Ihnen eine Aufgabe zu stellen, wie wir sie in jeder zweiten«? Klasse einer Volksschule zu lösen haben. Wir haben ein Faß mit zwei Öffnungen, durch eine fließt das Bier oder Wasser in einer Stunde hinein, durch die zweite in einer halben Stunde hinaus. Wenn wir beide Zapfen öffnen, wann wird sich das Faß füllen? Wenn wir von Palästina sprechen, müssen wir doch in erster Linie trachten, daß die 90 000 Juden, die dort wohnen, die unser Barvermögen darstellen, im Lande bleiben und daß diese Generation uns gehört und keinen anderen Weltteilen, besonders die Jugend. (Beifall.) Wenn wir das System der Realschule verfolgen, was sehen wir da? Der Ackerbauer und der tüchtige Agronom werden für Canada, Brasilien und andere Länder erzogen. In den Handwerkerschulen, die noch mehr Bedeutung haben, ist es ebenso. Beinahe sämtliche Zöglinge, die ihr Examen gemacht haben, begeben sich nach Amerika. Dori finden sie in der ersten Zeit keine Arbeit — und wissen Sie, was dann geschieht? Sie werden unterstützt und kosten der Ica, der Alliance und Bnei Brith unnennbare Summen. Nun könnte man meinen, daß man den Kindern keine solche Erziehung im Lande geben, kann, derart, daß sie dort verbleiben können. Auf einmal selbstverständlich geht das nicht, aber von der Erziehung hängt viel ab. Wenn man den Kindern vorn ersten Jahr ab geradezu einen Widerwillen gegen das Land einimpft, wenn sie in einer fremden Sprache erzogen werden, in französischer oder englischer, wenn man den Kindern 20 Stunden wöchentlich in der englischen Sprache Unterricht erteilt, was soll aus diesen Kindern werden? Man erzieht sie ja nur dazu, damit sie die Möglichkeit haben, nachher das Land zu verlassen. Und dies war nicht der Wille einer einzelnen Person, sondern man hat es zum abgerundeten System gemacht, so* daß es kein Wunder ist, wenn die Kinder dann das Land verlassen. Wenn Sie sich nach den Kolonien begeben, werden Sie ganz andere Verhältnisse finden. In den Kolonien kann man merken, daß ein Neues jetzt in Palästina heranwächst. Es wird wirklich eine neue Generation geschaffen, und die Kinder werden da, wo die Anstalten nicht von den Administrationen unterstützt werden, recht gut erzogen. Wenn die Schulen auf Kosten der Kolonisten mit Unterstützung der Chowewe Zion oder sogar der Ica unterhalten werden, dann geht es ganz gut. Die Kinder bekomrren eine ganz natürliche Erziehung, die Unterrichtssprache ist die hebräische. Aber, meine Damen und Herren, Sie sollen nicht meinen, daß man es dort mit dem Hebräischen ebenso treibt wie in Rußland oder Amerika oder in einem andern Lande. Es ist ein Unterschied. Ich habe gesehen, wie 200 Menschen auch in Baltimore die hebräische Sprache erlernten. Immerhin existiert ein schroffer Gegensatz zwischen Schule und Haus. Das Kind kann nach dem 12. Jahre nicht mehr in der Schule bleiben. Es behält noch einige Jahre die hebräische Sprache, und dann ist sie vergessen; denn keine Nation der Welt kann zwei Sprachen beherrschen. Meine Damen und Herren, nur die reichen Leute, welche eine Auswahl in ihrer Garderobe haben, die ein paar Sommerwohnungen und Villen besitzen, nur diese sind imstande, mehrere Sprachen zu beherrschen. Die Masse beherrscht nur eine Sprache, und es ist schon genug, wenn sie diese eine Sprache beherrscht. Es ist also unmöglich, daß uns die hebräische Sprache in Amerika oder Rußland erhalten bleibt. Wir sind dort Ausnahmegesetzen unterworfen, und der hebräischen Sprache droht eine Gefahr, daß sie die Sprache der einzelnen Gelehrten bleiben wird, aber nicht die der Masse. Es ist sehr schön, sehr gut, daß wir auch zu Palliativmitteln in der Diaspora greifen, aber es existiert eben überall der unüberwindliche Gegensatz zwischen Schule

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.