Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- Sep. 4 (19.8.1907)
- Date
- 1907-08-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 DIE Eä&E LT Sep. 4 und Haus. Einen einzigen Platz auf der Erde habe ich gesehen, wo die hebräische Sprache nicht aussieht wie die kleine Palme, die einem Salon zur Zierde gereicht, sondern wo die Sprache wuchs, wie die Palme an den Ufern des Mittelmeers. Es ist eine ganz andere Sprache, die die Kinder führen. Sie lebt wirklich in ihrem Munde. Und Sie dürfen auch noch daÄiicht vergessen : In ganz Palästina existiert keine herrschende Nation, und das sollten wir uns merken. Überall in der Welt haben Sie eine herrschende Nation. Ob sie bereits eine Rolle spielt oder sie erst in der Zukunft spielen wird, ist gleichgültig. In Palästina haben wir solch eine herrschende Nation nicht. Die Herrscherrolle spielen die Türken, diese sind aber ganz abwesend. Die Araber und Fellachen aber besitzen keine so hohe Kultur, daß sie den Ton angeben könnten. Ferner haben sie dort noch verschiedene Nationen, die sich unter einander befehden. Es gibt keine einheitliche und keine herrschende Nation, und deshalb ist dort die hebräische Sprache gerade am Platze. Und noch eins! Wir dürfen nicht vergessen, daß wir in Palästina jemenitische, sephardische und aschkenasische Juden, daß wir es also mit verschiedenen Elementen zu tun haben. Sollen diese eine künstliche Sprache erfinden, um sich gegenseitig zu verstehen? Oder sollen sie etwa die französische oder englische Sprache wählen? Den Schluß des Referates Lewin, das stürmische Begeisterung entfesselte, bringen wir in der nächsten Nummer. An den Vortrag Dr. Lewins schloß sich eine kurze Ansprache N. Sokolows, der in Vertretung des erkrankten Dr. Ehrenpreis einige Worte zur Frage der nationalen Erziehung in der Diaspora sprach. Er führte u. a. aus: Ich spreche in Vertretung des Herrn Dr. Ehrenpreis, der erkrankt ist. Das ist nun einmal das Los unserer Kultur; wenn wir schon ein Referat am Kongresse für diese wichtige Frage haben, ist der Referent unpäßlich. Wir wären glücklich, wenn wir uns auf das Referat des Herrn Dr. Lewin beschränken könnten und nur auf die Kulturarbeit in Palästina bedacht sein müßten. Wir leben aber in der Diaspora, und ein wichtiger Teil unserer kulturellen Tätigkeit muß sich daher auf unsere gegenwärtigen Wohnländer beziehen. Ich will aber kein ganzes Referat halten, sondern lege Ihnen nur folgenden Antrag vor, der die Grundlage für die Diskussion bilden soll: „Der Kongreß beschließt, daß die hebräische Sprache als offizielle Sprache der zionistischen Bewegung, als Rede- und Korrespondenzsprache der leitenden Stellen, der Kongresse und Konferenzen anerkannt und von nun an eingeführt wird. Die Nationalsprache wird hiermit obligatorisch für den Zionismus. Hierbei wird es der Organisation anheimgestellt, sich neben der hebräischen Sprache mit Rücksicht auf die Popularisierung der zionistischen Bewegung auch anderer Sprachen zu bedienen." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Geehrter Kongreß! Wir haben im Laufe der Jahre die Grenzziehung zwischen Palästina und Uganda durchgeführt, eine unzweideutige und klare Grenzziehung; wir kranken aber noch an einer Grenzverwirrung zwischen Zionismus und Assimilation. Jawohl, meine Damen und Herren, es ist Assimilation, wenn ein zionistischer Kongreß nicht Hebräisch als offizielle Sprache anerkennt, und ein Zionismus, der nicht national ist, ist kein Zionismus! Ich spreche jetzt nicht nur vom Standpunkte der Gefühle, ich appelliere an Ihre nüchterne Überlegung und Ihren klaren Verstand. Dr. Lewin hat in seinem Referat darauf hingewiesen, daß sogar andere Organisationen dafür eintreten, daß die Kultur in Palästina eine hebräische sei. Aber diese Organisationen wollen nur für Palästina eine hebräische Kultur, während sie für die andern Länder sie nicht anerkennen, und das ist die Grenzlinie, die uns von den andern Organisationen scheidet; diesen Gegensatz müssen wir auch klar feststellen. Wir haben in den früheren Jahren Beschlüsse angenommen, die auf die Förderung der hebräischen Sprache gerichtet waren, und auch Geldsummen für diesen Zweck bewilligt; das sind aber nur Erklärungen platonischer Liebe, die keinen wesentlichen Fortschritt in der Sache selbst bringen. Wenn Sie aber dem Ihnen vorgelegten Antrag zustimmen werden, daß die zionistischen Organisationen sich der hebräischen Sprache bedienen müssen, werden die Zionisten gezwungen sein, sich die hebräische Sprache anzueignen; denn sonst schließen Sie sich selbst von unserer Organisation aus. (Lebhafter Beifall.) Nach dem Referat Sokolows wird die Sitzung um 872 Uhr vom Vorsitzenden Prof. Warburg geschlossen. Für die Delegierten war es ein schwerer, ermüdender Tag, sich durch viele Stunden mit Fragen, die oft ins Juristische und Bankmäßige fielen, oft ein Aufrühren alter Wunden bedeuteten, beschäftigen zu müssen. Die Galerie, auf allen drei Rängen von vielleicht 2000 Personen besucht, zeigte eine bewunderungswürdige Ausdauer. Sie wurde durch die lebendige, von warmer Begeisterung erfüllte Rede Lewins für ihre Geduld entschädigt und beteiligte sich an den Ovationen für den Redner in herzlicher Weise. * * * Nach der Sitzung beginnen ungefähr 10 Sitzungen von Landsmannschaften und Kommissionen, die zum Teil bis lange nach Mitternacht andauern. Für morgen, Montag steht die wichtigste Debatte bevor, — die über Palästina, zu der sich alles bereits gerüstet hat. _" Wir erhalten folgenden telephonischen Bericht über die Montagvormittagssitzung: In der Vormittagssitzung referierte zunächst Herr Adolf Böhm im Namen der Palästinakommission des Kongresses. Er beantragte: 1. Der Kongreß beschließt, ein besonderes Palästina- Ressort innerhalb des Engeren A. C. zu schaffen mit dem Rechte der Ernennung von Beiräten. Dieses Palästina- Ressort soll unter der Leitung eines Mitgliedes des Engeren A. C. stehen; demselben ist ein in Palästina befindliches, aus einem oder mehreren besoldeten Beamten bestehendes Palästina-Amt unterstellt. 2. Der Kongreß beschließt, daß 25 °/o aller Einnahmen des A. C. dem Palästina-Ressort zugewiesen werden. 3. Der Kongreß beauftragt das Palästina-Ressort, die Frage einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina zu studieren und der Jahreskonferenz darüber zu berichten. 4. Der Kongreß beschließt: Das Direktorium der Jüdischen Kolonialbank zu beauftragen, umgehend ein Institut für ländlichen und städtischen Bodenkredit in Palästina zu schaffen. Dieses Institut soll womöglich einen Teil der Anglo Palestine Company bilden und das Recht haben, städtischen und ländlichen Boden zu kaufen, zu verkaufen, zu verpachten und zu bebauen. An diese Anträge schließt der Referent zwei Eventualanträge Tschlenow. Der Vormittag war mit der Palästina-Debatte ausgefüllt. Es sprachen unter andern Co wen, Trietsch, Qreenberg, Qaster u. a. Nachmittags wird die Debatte fortgesetzt. Die holländische Presse und der Zionismus. Die holländische Presse äußert sich beinahe ohne Ausnahme dem Kongresse gegenüber sehr sympathisch. Schon vor Beginn des Kongresses brachten die größeren Blätter ausführliche Leitartikel über den Zionismus. In „De Telegraaf" und „De Nieuwe Courant" waren diese Artikel sogar sehr eingehend und von bekannten Zionisten geschrieben. Die andern Blätter brachten Bearbeitungen oder manchmal Übersetzungen aus dem vorhandenen Broschürenmaterial. Auch die Berichte über die Kongreßsitzungen sind sehr günstig. „De Telegraaf" bringt aus der Feder des Herrn A. B. Kleerekoper, des Präsidenten der Amsterdamer