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Die Welt · 1907-08-15 · Sep. 2 (15.8.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
Sep. 2 (15.8.1907)
Date
1907-08-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sep. 2 DIE^ELT komplizierte Frage, die mit der größten Vorsicht behandelt werden will. Wir in der Organisation haben mit uns selbst sehr vorsichtig zu Rate zu gehen, bevor wir uns gestaltend oder anordnend auf ein Gebiet begeben, auf dem in erster Linie die Landsmannschaft zu tun hat. Daß in der Diaspora das Judentum organisiert werden soll — dieser Standpunkt wird bedingt durch die Schwierigkeiten, die in der ethnographischen Zusammensetzung der Staaten und den verschiedenen Kulturstufen und Möglichkeiten begründet sind. Die zionistische Organisation kann damit nicht indentifiziert werden. Aber wir freuen uns über die Fortschritte des Zusammengehörigkeitsgefühls und der volkstümlichen Gesinnung, die unter unsern Brüdern in Österreich zum Ausdruck gekommen ist. Mittelbar war das auch für den Zionismus eine riesige Propaganda. Die agitatorische Arbeit, die Distrikts- und Schekeltage, die zahlreichen Versammlungen, die Anteilnahme der österreichischen /Jonistischen Organisation an der Protestbewegung gegen die Pogrome, die Beteiligung derselben bei den Kultuswahlen, die jüdischikademischen Verbindungen der „Haschachar" u. dgl. bieten ein 3ild bewegten Lebens und Treibens. In Ungarn hat eine Neuorganisation stattgefunden, die schon recht gute Resultate zeitigte und noch bessere erwarten läßt. Es oestehen dort spezielle Schwierigkeiten, die die Verbreitung des Zionismus verhindern. Den Statuten der Zionistischen Landesorganisation wird noch immer die Genehmigung seitens der Regierung, nfolge eines Mißverständnisses, verweigert. Doch bricht sich der Zionismus Bahn und findet eine immer größere Ausbreitung. In Kroatien-Slavonien entwickeln unsere Gesinnungsgenossen erst kurze Zeit eine rege Tätigkeit. In Deutschland kann die Entwicklung der zionistischen Organisation als eine ständige bezeichnet werden. Sowohl im Jahre 1906 wie im laufenden Jahre sind eine Reihe neuer Ortsgruppen gegründet worden. Auch die Zahl der eingelaufenen Scheckel hat sich nicht unwesentlich vermehrt. Das Leben innerhalb der zionistischen Kreise war ein wesentlich ernsteres, die Beschäftigung mit den Problemen des Zionismus ist intensiver geworden. Die Zentralleitung hat ihre Tätigkeit darauf konzentriert, die lotwendige Voraussetzungen für eine intensive Arbeit der Ortsgruppen und der einzelnen Parteigenossen zu schaffen und allgemeine Grundsätze über die zweckmäßige Art und Weise, in der Agitation m treiben ist, auszuarbeiten. Sie hat daher durch die allwöchentlichen in der „Jüdischen Rundschau" erscheinenden Mit- <eiiungen des Zentralbureaus sowie durch die den Ortsgruppen und Vertrauensmännern zugehenden Rundschreiben der zionistischen Öffentlichkeit ständig. Anregungen oder neue Mittel für lie Propaganda an die Hand gegeben. Außerdem sind Flugblätter and eine größere Anzahl Broschüren herausgegeben worden. Auch die Agitationsreise namhafter Zionisten, der Delegiertentag im Mai '906, sowie der Deutsche Zionistentag in Mannheim im September 1906 und die Gruppenverbandstage haben zur Hebung der zionistischen Tätigkeit beigetragen. Das Interesse für Palästina ist durch systematische Veranstaltung von Palästinavorträgen geweckt vorden. Im allgemeinen ist die Arbeit sehr vorangeschritten. In England hat der hingebungsvolle Eifer der Zionisten die Schwierigkeiten, die dort bestanden haben, beseitigt. Die Federation irbeitet wacker und systematisch, der Volksgeist ist in der Zionistentlasse wieder erwacht. Die Agitation ist in der letzten Zeit zu einem großartigen Umfang angewachsen, und die alten, bewährten Arbeiter stehen den jungen und strebenden Kämpfern zur Seite. In den Niederlanden hat der Zionismus einen größeren Aufschwung genommen. Eine rege Tätigkeit erwuchs auf dem Gebiete ler Agitation und der Presse. Die Verbreitung und Popularisierung ler zionistischen Idee und der Palästinakenntnisse wurde mit üh mens werter Tüchtigkeit und Ausdauer betrieben. Wir besitzen etzt in Holland ein verzweigtes und vortrefflich organisiertes System von begeisterten zionistischen Ortsgruppen. In Belgien vermehrt skh die zionistische Tätigkeit immer mehr. )ie belgischen Zionisten, insbesondere die musterhaften Antwerpener /ereine, unterstützen alle zionistischen Institutionen und Bestrebungen, -ie entwickeln auch eine segensreiche jüdisch-kulturelle Tätigkeit md einen segensreichen Einfluß auf das ganze jüdische Leben. Sie betätigen sich in hervorragendem Maße bei allen allgemeinüdischen Angelegenheiten. In Frankreich, wo der Zionismus noch wenig verbreitet ist und wo die Bedingungen für seine gedeihliche Fortentwickelung ioch fehlen, hat die Federation ihr Möglichstes getan, und sie wird ich durch unentwegt systematische Arbeit mit der Zeit einen größeren Einfluß auf das Judentum erzwingen. In Italien sind unserere alten, treuen Mitarbeiter bestrebt, ihre ^ederation zu erhalten und die zionistische Tätigkeit zu fördern. Ein Schauplatz tiefer zionistischer Arbeit und großer Leiden ist das unglückliche Rumänien. Dieses Land des wüsten Judenhasses wurde im vorigen Jahre von Erschütterungen heimgesucht, von denen unsere armen Brüder am grausamsten betroffen worden sind. Die Ärmsten der Armen mußten wieder die brutalen Ausdrücke einer Wut, die durch eine geifernde Hetzpresse gegen sie gelenkt und durch das Geschehenlassen seitens der Machthaber begünstigt worden ist, über sich ergehen lassen. Den Ausschreitungen wurden nur dann eherne Schranken gesetzt, als f die zerstörende Lava über die Judengemeinden hinaus sich auch auf andere zu ergießen begann, und nun wird die gesetzgeberische Axt an die Wurzel ihrer materiellen Existenz gelegt. Es ist rührend und erhebend, daß in dieser Zeit voll Ernst und Sorge unsere Brüder in Rumänien treu zu unserer Fahne stehen. Die feigen, schleichenden Gedanken des Abfalls sind ihnen fern, aus den Tiefen des Goluth erheben sie ihre Augen zu den Höhen unserer Ideals. Aus diesen Beweisen der Seelenkraft erblüht uns Hoffnung und Trost. In Bulgarien ist der Zionismus tatkräftig; in Serbien bestehen Gruppen. In Dänemark besteht eine kleine aber rührige zionistische Organisation. Herr Dr. Frankel, Mitglied des A.-C, hat vor kurzem ein zionistisches Blatt in dänischer Sprache gegründet. Das neue Blatt hat Anhang und große Verbreitung gefunden. Es ist das erste jüdische Blatt in Dänemark und dient freiwillig unserer Idee. Auch in Schweden und Norwegen sind zionistische Gruppen vorhanden. Ein herrliches Bild zeigt die Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und in Canada. Die Zeit der Schwäche und der Gereiztheiten in der amerikanischen Federation ist lange vorüber. Es haben sich im Laufe der letzten zwei Jahre jüdischnationale und kulturelle Energien in Nordamerika entwickelt, die die amerikanische zionistische Federation zu einer der mächtigsten, einflußreichsten und harmonischsten Organisationen der zionistischen Welt machen. Realpolitisch gesund, unter planvoller, musterhafter Leitung, von Grundsatztreue durchdrungen, haben wir in Amerika für unsere Idee einen Hilfsfaktor gewonnen, der schon jetzt ein fester, imposanter Bau ist und für die Zukunft Großes erwarten läßt. In Canada hat der Zionismus ebenfalls riesige Fortschritte gemacht. Die canadische zionistische Federation ist das Zentrum jüdischen Lebens in jenem Lande. Tief innigst national und voll Begeisterung für die Wiedergeburt des jüdischen Stammes hat diese Organisation nicht nur seitens der allgemeinen Judenheit, sondern auch seitens der Regierung und der nichtjüdischen Bevölkerung die höchste Achtung und das größte Wohlwollen errungen. Erst vor kurzem haben zwei Minister, hervorragende Mitglieder des Regierungskabinetts, nicht nur ihre große Sympathie für den Zionismus ausgesprochen, sondern auch ihre offizielle Unterstützung und Mitwirkung in Aussicht gestellt. Wir wollen den Wert der so schätzbaren Freundschaften nicht überschätzen. Daß das Verständnis für unsere Idee sich mehr und mehr verbreitet, ist ein Beweis, wie richtig die Methode unseres Zionismus ist. So hat auch in Südafrika der Zionismus große Fortschritte gemacht und ist dort eine große, jüdische Volksbewegung geworden. Auch bringen die Regierungsbehörden unserer Idee nach wie vor das größte Interesse entgegen. Die Reise unseres Präsidenten, des Herrn David Wolffsohn, der Südafrika besuchte, gestaltete sich zu einem Triumphzug des Zionismus und gab der Popularisierung unserer Idee einen mächtigen Ansporn. Auch die Reise des Mitglieds des A. C, des Herrn Dr. Schmarjahu Lewin hat eine gedeihliche Entwickelung der Propaganda in den Vereinigten Staaten Nordamerikas bedeutend gefördert. Dies zeigt, daß der Boden für den Zionismus überall vorhanden ist, und daß es nur der entsprechenden Arbeit bedarf, urn die schlummernden Kräfte zu wecken. In Neuseeland entwickelt sich der Zionismus gedeihlich. In Australien sind letztens gute Anfänge gemacht worden. In Argentinien arbeitet die Federation programmäßig und außerdem regen sich noch neue Kräfte. Wir stehen auch in Verbindung mit zionistischen Vereinen in China, Japan und Brasilien. Zum Schluß möchten wir noch einmal den Leitgedanken unserer Übersicht mit größtem Nachdruck hervorheben. Die zionistische Bewegung umfaßt viel größere Gebiete als der organisierte Zionismus. Nicht alles konzentriert sich in den starren, greifbaren Formen der Organisation. Der Zionismus, indem er in den Gedankenkreis des einzelnen eingeführt wird, muß sich innerlich zu einer allgemeinen Anschauung und zu einer Richtschnur für das Leben verarbeiten. Wir können all die Resultate dieses sich vollziehenden Umschwungs nicht statistisch feststellen. Der Zionismus hat in der

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