Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- Sep. 2 (15.8.1907)
- Date
- 1907-08-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 _ --DIE% Die Durchführung dieses Beschlusses erforderte eine Menge Mühe und viel Schreibereien, bis es endlich gelang, die Statuten sowohl den Wünschen unserer Organisation als den Vorschriften des englischen Gesetzes gleichmäßig anzupassen. Am 8. April d. J. wurde der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemeth Le Jisroel) Limited in London eingetragen. Unmittelbar darauf hat das gelegentlich der Jahreskonferenz im Juli 1906 eingesetzte Direktorium seine Tätigkeit begonnen. Damit wurde diese langwierige Etappe in der Geschichte unserer so bedeutungsvollen Institution beendet. Der „Jüdische Nationalfonds" ist eine legale und gesetzlich fundierte Körperschaft geworden. Außer dieser gesetzlichen wurde auch eine faktische Reorganisation durchgeführt. Das Zentrum des Jüdischen Nationalfonds war seit der Entstehung dieser Institution in Wien, wo sich die Bureaus befanden und wo einer unserer geschätztesten und bewährtesten Pioniere auf diesem Gebiete, Herr Johann Kremenezky, eine Tätigkeit entwickelte, die ihm ein Ruhmesblatt. in der Geschichte des Nationalfonds sichert. Aber die Eintragung des Jüdischen Nationalfonds als englische Gesellschaft bedingte, daß der Sitz dieser Institution in London sei. — Die Agenden des bisherigen Zentralbureaus des Jüdischen Nationalfonds in Wien wurden daher auf das Direktorium der neuen Gesellschaft übertragen. Die Teilung in der Behandlung der Arbeiten wurde so eingerichtet, daß die gesamte Buchhaltung und Geldgebarung von der „Jüdischen Kolonialbank" in London ausgeübt wird, während die administrative und organisatorische Arbeit einem in Köln errichteten Bureau überwiesen worden ist. Wir haben im vorstehenden nur die allgemeinen Fortschritte unserer Institutionen kurz notiert. Ausführliches enthalten die Spezialberichte dieser Institutionen. VI. Verwaltung und Presse Das Zionistische Zentralbureau in Köln war in der ersten Periode seiner Tätigkeit mit der Ordnung des von Wien übernommenen Materials, dessen Sichtung viele Schwierigkeiten bot und noch bietet, beschäftigt. Darauf folgte die Pogromzeit, die mit aller Gewalt die Kräfte für Korrespondenz und Organisation nach dieser Richtung in Anspruch genommen hatte. Die Organisierung der Brüsseler Konferenz und unserer zionistischen Jahreskonferenz, die Sitzungen des Großen und de& Engeren A. C, die Schekeltage und Vorbereitungen für den Kongreß haben dem Zentralbureau eine Menge Arbeit aufgebürdet. Seit September vorigen Jahres sind die Arbeitskräfte des Zentralbureaus durch den Eintritt des Herrn N. Sokolow, dem das Generalsekretariat übergeben worden ist, verstärkt worden. Die „Welt" wurde in Köln redigiert und herausgegeben. In diesem Jahre feierte dieses zionistische Organ, das mit der Geschichte des Zionismus eng verknüpft ist, sein zehnjähriges Bestehen. Wir haben auch eine hebräische Wochenschrift „Haolani" begründet. In der schweren Krise, die die hebräische Literatur im Osten jetzt niederdrückt, wollten wir etwas für unsere nationale Sprache tun, um sie in unserer Mitte umsomehr zur Geltung zu bringen. Der Jüdische Verlag ist durch Unterstützung einiger Zionisten und des Aktions - Komitees diesem unterstellt worden. Das Bureau befindet sich jetzt in Köln. Wir hoffen den Verlag in den Stand zu setzen, auch fernerhin Gutes und Schönes auf jüdisch-literarischem Gebiete zu leisten. Anläßlich des 10jährigen Bestehens des Zionismus haben wir eine Propagandabroschüre in deutscher, jüdisch-deutscher und englischer Sprache herausgegeben, die eine ungeheure Verbreitung gefunden hat. In. Anerkennung der Notwendigkeit kulturell-jüdischer Arbeit haben wir dem hebräischen Gymnasium in Jaffa und dem Komitee, das sich mit der Herausgabe des Hebräischen Wörterbuches des Herrn E. Ben-Jehuda befaßt» Subventionen bewilligt. Wir waren bemüht, nicht nur mit den bestehenden Landsmannschaften und Gruppen den Kontakt zu erhalten, sondern auch neue zu schaffen. Unser Appell an die australischen Juden hat dort dazu beigetragen, daß eine Organisation geschaffen worden ist. Die Korrespondenz des Zentralbureaus wächst immer mehr. Neben den zionistischen Angelegenheiten sind es oft auch allgemein jüdische Fragen, mit denen man sich von vielen Seiten an uns wendet. VII. Der Stand unserer eigentlichen Arbeit Mehr und intensiver als je hat sich unsere Arbeit in Palästina im Laufe der letzten zwei Jahre gestaltet. Parallel mit der großen Idee, die wir vertreten, läuft die Linie der Vorbereitungsstudien, der Versuche und Projekte. Wertvolles Material hat unsere Palästinakommission geboten. Eine energische Betriebsamkeit hat manche [ELT-- Sep. 2 neue Unternehmungen ins Leben gerufen. Das Schmarotzertum weicht immer mehr und mehr einer neuen Lebensanschauung, die unsere dortigen Brüder dazu anregt, die Produktionsquellen des Landes zu erschließen und es der Kultur und der Zivilisation näher zu bringen, das alte Land zu neuem Leben, zu neuer Kraft zu erwecken. Ein Arbeiterelement, das sich noch in der Gärung der ersten Gestaltung befindet, wächst langsam heran. Es entwickeln sich die ersten Keime eines modernen Naturjuden; die lieben hebräischen Laute klingen über die Ebenen Jesreels und der früher in einem würdelosen Dasein gebückte Goluth-Jude schreitet als regenerierter Hebräer stolz und begeistert über seine Scholle. Es ist dies ein Lichtpunkt von unermeßlichem moralischen Wert für die ganze Diaspora. Ein Werk der letzten zwei Jahre ist der Bezalel. In den letzten zwei Jahren sind die neuen Filialen und die segenbringenden Sparkassen und Darlehnsgenossenschaften gegründet worden. Im allgemeinen haben sich unsere Beziehungen und Zusammenhänge mit Palästina vermehrt und vertieft. Die jüdischen Palästinareisen waren nie so häufig und die Eindrücke nie so erhebend wie im Laufe der letzten zwei Jahre. Die Reisen des Präsidenten des A. C, Herrn David Wolffsohn, des Vizepräsidenten der Jüdischen Kolonialbank, Herrn Jakobus Kann, haben viel Licht in die Fragen praktischer Arbeit hineingetragen. Noch andere Mitglieder des Großen A. C. haben Palästina besucht und haben die besten Eindrücke von dort mitgebracht. Die Feier des 25-jährigen Bestehens der schönen Kolonie „Rischon Lezion" war für uns alle ein wahres nationales Fest. Es sind keine Renommierdörfer und keine Denkmäler der Philanthropie, mit denen wichtigtuerisch geprahlt wird. Unsere Brüder stehen dort mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Väter. Sie sind keine politischen Abenteurer; sie sind loyale arbeitsame Kulturträger, die für die jüdischen Energien, die leider überall und oftmals fruchtlos vergeudet werden, ein Gebiet erschlossen haben, sich nützlich betätigen. VIII. Die Lage des Zionismus in den verschiedenen Ländern In Rußland hat der Zionismus als Organisation, besonders am Anfang der letzten zweijährigen Periode, stark gelitten. Die grauenvollen Massakers, die schrecklichen Verwüstungen, die Panik und dann die Spannungen, Konflikte und die Inanspruchnahme aller Kräfte und Gedanken für die politischen Kämpfe, für die Wahlen und Platformen haben dort alle Probleme und Bemühungen, die nicht mit der Politik im Zusammenhange stehen, förmlich weggeschwemmt. Alles erlahmte und verstummte, sofern es sich nicht in den Dienst des Augenblicklich-Impulsiven gestellt hatte. Unter den mächtigsten Völkergruppen konnten sich die best organisierten und am reichlichsten ausgestatteten sozialen, literarischen, oder wissenschaftlichen Organisationen nicht dem Gewirre des Tages fernhalten. Alles wurde mit in den Strudel gezogen. In diesem Ringen und Kämpfen, Gären und Klären, konnte sich keine einzige Volksgruppe vor dem politischen Marktgewühl verschanzen. Unter der Schreckensgewalt der Pogrome, in Todesqual sich windend, durch die inneren Kämpfe zerklüftet und zerfetzt, rafften sich unsere Brüder in Rußland zu einer neuen Organisation auf. Die Konferenz in Helsingfors hat in Wilna ein Zentralkomitee eingesetzt, und dieses Komitee hat eine energische Agitation zur Neubelebung der Ortsgruppen entwickelt. Eine große Propaganda durch eine eigene Presse und durch tüchtige Rednertalente wurde mit Erfolg betrieben. Der Zionismus ging in Rußland mehr in die Tiefe und in die Breite als anderswo. Er konnte nicht von den Kämpfen des Tages unberührt bleiben. Seine Einflußsphären dehnten sich weit, manchmal auch zu weit aus. Doch ist es im letzten Jahre gelungen, auch der Organisation dort wieder ihre frühere starke Grundlage zu schaffen. Wir haben jetzt viel weniger Kongreßdelegierte aus Rußland, aber wenn wir die äußerst anormalen Verhältnisse in Betracht ziehen, so gelangen wir zu dem Schluß, daß der Zionismus in Rußland verhältnismäßig jetzt stärker als je ist. In Österreich konnte man auch eine Schwenkung nach der Richtung der innern, nationalen Politik wahrnehmen. Die Wahl reform brachte in diesem Lande mit einem Schlag die Frage der nationalen Rechte der österreichischen Juden auf die Tagesordnung In richtiger Würdigung des Standpunktes, daß die zionistische Organisation als solche sich mit innerpolitischen Fragen nicht befassen darf, beschloß der Zionistentag in Krakau, eine neue jüdische Partei für die Wahlen zu schaffen. Wir freuen uns, daß der erstt Jüdische Klub im österreichischen Reichsrat begründet worden ist Doch hat das. Erwachen der Massen gezeigt, wie tief der nationale Gedanke im Volke wurzelt. Vier unserer hervorragenden Gesinnungsgenossen wurden als Nationaljuden in den Reichsrat gewählt. Wir ' wollen hier nicht einen zionistischen Maßstab an dieses Ereignis legen. Es ist eine nicht nur sehr ernste, sondern auch sehr