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Die Welt · 1907-08-15 · Sep. 2 (15.8.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
Sep. 2 (15.8.1907)
Date
1907-08-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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5ep. 2 DIE MEE LT ergeben-hatte, wie es ursprünglich geplant war, ein Zentralbureau n Berlin einzurichten, begann das Zionistische Zentralbureau in Köln am 1. Oktober 1905 seine Tätigkeit, die vorderhand hauptsächlich administrativ-organisatorischer Art sein mußte. Es war -in Hauptbestreben des Bureaus, die Verbindungen mit den Landsmannschaften enger zu knüpfen und insbesondere die unbedingt notwendige und dringliche finanzielle Reorganisation der Bewegung n Angriff zu nehmen. Auch bemühte sich das Bureau durch Mittel mannigfacher Art, an Punkten, wo die Bewegung nachgelassen natte, belebend einzuwirken. Ende des Jahres 1905 erfolgte die Übersiedelung der „Welt" nach Köln. Damit wurde zugleich eine anfassende Neugestaltung der redaktionellen und administrativen Verhältnisse des Blattes verknüpft. Die Einrichtung einer neuen Filiale der A. P. C. in Beirut, sowie die langwierigen Arbeiten für die nunmehr endlich durchgeührte Legalisierung des Nationalfonds nahmen die Kräfte des 3ureaus gleichfalls stark in Anspruch. Mit besonderem Nachdruck wurde die Propaganda für den Schekel betrieben. Auch diese Institution wurde, soweit es die Jnzulänglichkeit unseres ganzen Schekelsystems zuläßt, reorganisiert. Die Hilfsaktion für unsere notleidenden Brüder in Rußland, die iiinberufung und Durchführung der Brüsseler Konferenz, stellten an die Arbeitskraft des Bureaus, das insbesondere im Anfange wenig Personal hatte, mannigfache Anforderungen. Nachdem das A. C. schon im Jahre 1906 Teilhaber des jüdischen Verlages geworden war, übersiedelte dieser am 1. September 1906 *anz nach Köln. Auch der Jüdische Verlag wurd^ einer durchgreifenden Reorganisation unterzogen, die erst vor wenigen Wochen •um definitiven Abschluß gelangt ist. Die allgemeine Lage unserer Brüder, wie sie sich in der ersten Periode unserer Tätigkeit gestaltete, war eine derartige, daß von einer regelrechten zionistischen Arbeit nicht die Rede sein konnte. Es wäre eine törichte Selbstüberschätzung, zu behaupten, daß Jas zionistische Zentralbureau ein belebender und erwärmender Mittelpunkt im Zionismus geworden ist, leitend und belehrend, anregend und befruchtend, die Zionisten der ganzen Welt zu einer geschlossenen Gesamtheit fügend, wie es unsere Absicht war. Niemand kennt besser als wir die Versäumnisse und die Unzulänglichkeiten, die Mängel und die Schwächen. Wir haben bis jetzt keine neugestaltenden Kräfte ausgelöst und die Leistungsfähigkeit der!Jartei nicht gesteigert. Wir haben in der Kunst der Menschenbeherrschung keine Triumphe gefeiert und den Weg, der zu unserem Ziele führt, haben vir weder verkürzt noch erleichtert. Wir vermochten es nicht, nit der Wucht imponierender politischer Taten auf die Gemüter m wirken, das egoistisch Kleine und Elende, die Verknöcherung, Jie Selbstsucht und die Gleichgültigkeit großer Kreise unseres Volkes zu überwinden. Es ist uns nicht gelungen, die Mittel zu sammeln, einen erhöhten Bedarf zu decken und viele gute Pläne mußten wir auf die lange Bank schieben. Und könnte man gerechterweise nur uns die Schuld beimessen, so wäre dies eine für die Sache äußerst günstige Lösung. In diesem Falle wäre es ja leicht, die Mißstände durch die Beseitigung ihrer Ursachen aus der Welt zu schaffen. Leider liegen aber diese Mißstände in den düsteren Tiefen des Leids, in dem Jammer der Gegenwart, in der Bedrängnis, in der Ungeduld und Nervosität, in der Verschlossenheit und Verbohrtheit hochvermögender Kreise, wie auch in den tatsächlichen Schwierigkeiten der Verwirklichung unseres Ideals, für welches die Voraussetzungen bis jetzt noch fehlen und erst durch lange, harte Arbeit ünd durch ein Ausharren in eiserner Geduld geschaffen werden, müssen. Nicht im Sonnenschein der Hoffnungen, sondern im Zeichen der Reaktion haben wir die Arbeit begonnen. Die Mitläufer wurden enttäuscht und der großen Worte überdrüssig. Goldene Berge sind ihnen versprochen, hohe Ziele gezeigt worden, doch die erhoffte Herrlichkeit wurde immer dichter vom Nebel umhüllt. Keiner Verheißung ist die Erfüllung, keiner tönenden Rede die Schöpfertat gefolgt. Das Tief nationale, das heilige Sehnen der Stammesart nach seinem unter dem Schutt der Jahrtausende vergrabenen Jugendborn, nach seiner Wurzelkraft im ureigenen Boden, dieser Freiheitsdrang war für diese Masse ein kurzfristiges Unternehmen, nid diese Schicht mußte wegfallen, wenn man sie nicht durch künstliche Galvanisierung in Zuckungen erhalten wollte. Es war eine schwere Krise, die wir zu überstehen hatten. IV. Die ersten Arbeiten Pogrome und Hilfswerk , Kaum hatten wir diese unsere Schwierigkeiten überwunden, da scholl es uns wehevoll und drohend aus dem Ansiedlungsrayon Osteuropas herauf. Es war ein Aufschrei unseres Volkes und es bohrte sich in Herz und Nieren. Wir wandelten mit dem Volke durch das* Tal des Todesschattens, wir durchlebten mit ihm die Schauerzeit der Marter und Qual. Monatelang war es nicht möglich, über, etwas zu denken. In solchen Zeiten gilt kein Programm. Die Reflexe des Selbsterhaltungstriebes regen sich von selbst. Unsere ganze Arbeitskraft wurde in die Goluthwelle geworfen. Wir waren bei dieser Angelegenheit nach unserer besten Kraft bemüht, helfend einzugreifen, und haben insbesondere da gewirkt, wo es den anderen Organisationen unmöglich war oder wo diese versagten. Wir wandten uns an die Regierungen und Fürsten, mit denen unsere Organisation bisher in Verbindung gestanden hatte, und wir glauben, daß diese Vorstellungen nicht ganz ohne Bedeutung geblieben sind. Wir haben eine Reihe von Konferenzen abgehalten, deren Beschlüsse die Grundlage der Beratungen des alsbald tagenden Engeren Aktions-Komitees bildeten. Wir setzten uns mit unseren Gesinnungsgenossen in. der ganzen Welt in Verbindung, um durch ernste und würdige Kundgebungen und Proteste die öffentliche Meinung gegen die Massakers aufzurütteln. Wir ließen alle Zusammenhänge und Beziehungen zum Guten und Rechten wirken. Wir haben gemeinsam mit der Jüdischen Kolonialbank eine Sammlung eingeleitet. Unsere Kolonialbank stellte sich mit einem Beitrag von £ 2000 zugunsten der Opfer der Pogrome an die Spitze der Spenden. Insgesamt sind bei der Bank £ 10330 eingegangen. Außerdem sind noch andere Beträge bei der Bank eingelaufen, über deren Verwendung von den Spendern spezieile Bestimmungen getroffen waren und die sofort der Bestimmung zugeführt wurden. Die Verfügung über die Hilfsgelder beschloß das Aktions-Komitee einem Komitee zu übertragen, das aus sämtlichen russischen Aktions-Komiteemitgliedern besteht. Dieses Komitee hat eine Kommission in die Pogromgegenden entsandt,, damit sie Ursachen und Wirkungen der Pogrome an Ort und Stelle studiere. Eine gründliche Enquete nach einem sehr sorgfältig ausgearbeiteten Programm wurde durchgeführt, und die Ergebnisse dieser Enquete werden veröffentlicht werden. Noch eine Reihe von indirekten Maßnahmen wurde in Angriff genommen, um den Unglücklichen zu helfen. Das Wichtigste ist die Gründung einer Waisenerziehungsanstalt in Palästina. Wir sind mit den Entwürfen und Skizzen, mit den Untersuchungen und der Korrespondenz über diese Angelegenheit fortwährend beschäftigt. Der leitende Gedanke für unsere Arbeit auf diesem Gebiete ist nächst der Hilfe die Schaffung von etwas Bleibendem. Wir müssen daher sehr vorsichtig handeln. Unvergleichlich mehr als unsere Organisation hat unsere Bewegung zum Hilfswerk, zur Selbstwehr und zu sämtlichen Formen des Kampfes ums Recht beigetragen. Überall gingen von den Zentren unserer Bewegung die Impulse und Antriebe aus. Viele von uns begleiteten unvordringlich die ganze Handlung der verschiedenen Hilfsgesellschaften, ohne den Zionismus dabei zu unterstreichen. Für den Monat Januar berief das Aktions-Komitee eine allgemeine Konferenz aller jüdischen Organisationen ein, mit der Tagesordnung: „Die Lage der Juden in Rußland". Die Konferenz fand am 29. Januar 1906 in Brüssel statt und war von 80 Delegierten jüdischer Organisationen und Gemeinden aus vielen Ländern beschickt. Die Resultate dieser Konferenz waren zwei Beschlüsse, von denen dereine die Schaffung einerKorporarion sämtlicher jüdischer Organisationen empfahl und der zweite die Bildung einer Kommission vorschlug, die die verschiedenen Länder und insbesondere den Orient mit Bezug auf die Kolonisation und die Einwanderungsmöglichkeiten für Emigranten studieren soll. Es war ein wesentlicher Fortschritt, daß es gelungen ist, zum erstenmal die Vertreter verschiedener jüdischen Organisationen zu einer gemeinsamen, von der zionistischen Organisation vorgeschlagenen Beratung zusammenzuführen. Jedoch zeigte es sich, daß die Neigungen für ein Zusammenwirken noch äußerst spärlich gesät sind. Brüssel mußte daher ein Fragment bleiben. V. Unsere Institutionen Die Jüdische Kolonialbank zeigt einen wenn auch langsamen, so doch stetigen Aufschwung in der Ausdehnung ihrer Geschäfte und - Vergrößerung ihrer Einnahmen. Die Anglo-Palestine Company breitete sich in erfreulicher Weise aus. Das Kapital der Gesellschaft wurde auf £ 100 000 erhöht. Neue Filialen wurden gegründet, andere sollen noch gegründet werden. Die beschlossene und vorbereitete Eröffnung der Tätigkeit der A. P. C. in der Residenz des Türkischen Reiches wird diese Institution auf eine viel breitere Basis stellen. Eine unserer wichtigsten Arbeiten war die Legalisierung des Nationalfonds. Die Frage, die unsere Organisation schon mehrere Jahre beschäftigt hatte, war endlich dahin. geregelt worden, daß beschlossen wurde, den Nationalfonds als eine „Genossenschaft, beschränkt durch Garantie", bei den englischen Gerichten einzutragen.

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