Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- Sep. 2 (15.8.1907)
- Date
- 1907-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 — DIE 3 Delegierten bilden soll, nicht genügend beachtet wurde; es ergibt sich daraus die Notwendigkeit, dieses im Organisationsstatut festzulegen. Wir bitten den Kongreß, diese Empfehlungen der Organisationskommission als Material zu überweisen. Sodann erhält das Wort Herr N. Sokolow zur Verlesung des Berichts des zionistischen Zentralbureaus 1. Allgemeine Betrachtung Wenn man in der zionistischen Arbeit nur das Greifbare, das Exakte sucht und mit statutarischer Strenge von der Masse des Stoffes, der sich in das Gesichtsfeld des Beobachters drängt, die Dinge nur, sofern sie' in Taten umgesetzt worden sind, registriert, so kann man sehr leicht über das Geschehene Bericht erstatten. Man hat einfach die wahrnehmbaren Fort- oder Rückschritte in der Ausbreitung der zionistischen Vereine zu verzeichnen, die Leistungsfähigkeit des Zionismus nach den Schekeleingängen und sonstigen Spenden zu taxieren, und der Bericht ist fertig. Es ist auch vom Ordnungsstandpunkt für eine Berichterstattung kein anderer Maßstab gegeben. Und recht hat eine Verwaltung, eine Behörde, ein Bureau, wenn es nur diesen Maßstab gelten läßt. Das Dichten und Denken des Volkes, die Gärung, das große Wollen, die Regungen, die nicht in grober, greifbarer Form zum Ausdruck kommen, sind keine Positionen für ein Haupt- oder Kassabuch, die die Grundlagen jeder Administration sein müssen. Es ist auch vollkommen richtig, daß man den Zionismus nicht einschätzen kann, so lange er sich nicht durch Ziffern feststellen läßt. In das Nebelland der Empfindungen dringt kein Strahl der Statistik, und möge man noch so viel davon erzählen, daß der Zionismus in diesem oder jenem Lande von Überkraft schäumt und gärt, der Registrator muß diese Angaben als pure Großtuerei betrachten, so lange er einem Stoff gegenüber steht, der völlig haltlos in der Luft schwebt. Und doch ist es ein unsagbar enger Gesichtskreis, der den Zionismus berechnet, anstatt seine gewaltige sittliche Macht zu beurteilen. Man muß den Pulsschlag des jüdischen Volkes beobachten und feinfühlig die Wendlingen der neuen Entwicklung prüfen, um die Tiefe und den Umfang der zionistischen Tätigkeit vollkommen zu würdigen. Man muß das Suchen und Sehnen, das Träumen und Hoffen, was in den Tiefen der Volksseele rauscht, nachempfinden, um die Triebkräfte aufdecken zu können, die für den Zionismus arbeiten. Die Ziffern allein beweisen nicht alles. Es gelingt manchmal z. B. eine Reihe von Vereinen zu gründen und beträchtliche Summen zu sammeln, und anderseits sinkt die materielle Ausgiebigkeit und nähert sich dem Nullpunkte. Aber oftmals ist der Erfolg spontan, der Minute abgerungen, und die Vereine sind wie die Bläschen auf der Wasserflut, Mweil es nur eine Anwandlung von Barmherzigkeitsgefühl ist, ein Oberschätzen der praktischen Aussichten, das ein schnelles Erlahmen zur Folge hat. Anderswo ist von solchen Erfolgen nichts zu merken, und doch ist eine Saat ausgestreut worden, die nach längerer Zeit hundertfältige Früchte tragen wird, aber noch nicht bald in die Halme schießt. Es ist ein Zionismus voll Tatkraft und Gemütsstärke, aber noch in tausendfacher Zersplitterung und Zerfahrenheit, in flutendem Getriebe einer verworrenen Übergangsperiode, ätherisch, kaum zu fassen und doch im Wesen des Volkes festgewurzelt. Wie sind solche Erscheinungen einzuschätzen? II. Die Bewegung und die Institutionen Die Lösung dieser Schwierigkeit der Wertschätzung liegt in der einfachen Tatsache, daß wir eine zionistische Bewegung und zionistische Institutionen haben. Diese beiden Begrifffe müssen streng auseinandergehalten werden. Der Zionismus ist eigentlich eine Bewegung, in der sich manches in Institutionen verdichtet hat. Sobald diese Verdichtung eingetreten ist, gelangen für den betreffenden Teil die Realgesetze ähnlicher Einrichtungen zur Geltung, Und es muß eine Verwaltung Verwaltung sein, wie eine Bank Bank und eine Ackerbaukolonie Ackerbaukolonie sein muß. — Sehr oft sind es nüchterne, strenge, langweilige Institutionen, bei denen nur zu wünschen ist, daß ■sie einen kräftigen Zusammenhang mit der Bewegung, die sie geschaffen hat, bewahren. Die Bewegung hingegen, das Weite, das Tiefe, die unsichtbare Werkstatt, die die schon existierenden Institutionen geschaffen hat und die.noch tausend andere schaffen wird, das Werdefeld und das Energiezentrum kann seiner ganzen Natur nach nicht nach den für die Institutionen geltenden Gesetzen betrachtet werden. Und so geschieht es, daß während -wir für die Institutionen nur das Sichtbare und Praktische zu verzeichnen haben, wir bei der Bewegung über die eingegliederten und bestimmten Funktionen hinaus oft auf Umwegen und in einem £E LT Sep. : Massenansturm neuer Erscheinungen die zionistischen Elemente be obachten müssen, wie sie kämpfen und ringen. Hier gilt es nich nur dem Wege zu folgen, wie der Schekel in die Kassen und dit Spenden in die Nationalfondsbüchsen fließen, sondern auch, wk die geflügelten Worte in das Volk hinaüsflattern, welche Wirkung sie auf das Empfänden üben und wie der leuchtende Zukunftsgedankc eine organisch-nationale Schöpfungskraft und eine Gestaltungs fähigkeit nach verschiedenen Richtungen fördert. Ganz so, wie dk Organisation, d. h. der arbeitende geregelte Teil des Zionismus,, ii den Schranken gewisser Vorschriften bleiben muß, erfordert dit Bewegung, die uns alle mit dem Wenigen, das wir geschaffen, au ihren Adlerflügeln trägt, verschiedene Impulse, Anläufe zu neuer Unternehmungen und vor allem eine Gedankenarbeit, bei der dit Genien der Kultur, die Grazien der Künste und die Postulat* jüdischer Volksgesinnung nicht weniger und zuweilen noch mehr als die übersehbaren Verwaltungsleistungen für den Zionismus wirken. Da der Kongreß das vermittelnde Organ zwischen de Bewegung und den Institutionen ist, so muß ein Kongreßberich beide Gebiete umfassen, und zwar in hervorragendem Maße daerstere, weil doch die Institutionen ihre speziellen Berichte vor zulegen imstande sind. Man könnte also in diesem Berichte höchstens die «bekannten Daten, die übrigens periodisch veröffent licht werden, resümieren. Von größerer Wichtigkeit aber ist eii Blick auf die Bewegung, um so mehr, da das Signum der letzter zwei Jahre im Zionismus das Überhandnehmen der Bewegung übe die Institutionen ist. Was im Zionismuseine geschlossene Phalan: bildet, was auf straffer Zucht und Unterordnung beruht, was siel in Ziffern äußert, was auf dem sichern Boden des Alltags geleiste wird, ist in manchen Ländern zurückgegangen, teils weil diese sichere Boden untergraben worden ist und teils weil die Geger wartsfragen über den Kopf gewachsen sind. Aber der Zionismu bietet nach allen Seiten, im Äußern und Innern, das Bild eine mächtig fortschreitenden Bewegung mit vorbeieilenden Wellen neue Strömungen. Er ist mehr als je der Träger und der Erzeuger de nationalen Lebens geworden. In der sorgenvollen Atmosphäre de Ghettos konnte er nicht auf schönen, kühlen Gletscherhöhen bleiber Die Aufsaugekräft der Gegenwart drohte ihn in ihr assimilierende Chaos ganz zu verschlingen oder zu isolieren. Aber weder da eine, noch das andere geschah. Er hat sich nicht nur erhaltet stark ist er aus diesem Ringen emporgegangen. Die Tragik de Wanderung kennzeichnet das ganze jüdische Goluthdasein, und vo diesem Geschick konnte auch der Zionismus nicht verschont bleiber Er wurde unaufhörlich hin- und hergetrieben und geriet oft in ein Kette ganz anderer Richtungen. Die Glücklichern, die außerhal des Ghettos leben, haben für diese Erscheinungen ein Lächein de Mitleids, wenn nicht gar des Hohnes. Aber al todin es chawerch ad schetagia limekomo — man muß sich in die Lage desjenige versetzen, den man beurteilen will. III. Die neue Einrichtung des Zentralbureaus In diesem Stadium des Obergewichts der Bewegung über di bestehenden Formen der Organisation ist die Tätigkeit der Ve; waltung um so schwerer. Es ist an sich schwer, ein Gerüste un eine Bewegung zu bauen, doppelt schwer war es* während de krisenvollen Provisoriums, das nach dem Tode Herzls entstanden is In der Konsequenz der beispiellosen Popularität des große Führers lag es, daß das Verschwinden seiner zentralen Persönlicl keit eine gewisse Reaktion hervorrufen mußte. Der solide Unte: bau der Institutionen,, die er geschaffen, wurde erschüttert, dt Lebensfaden der Agitation schien zerschnitten, die Leitung brac schier zusammen unter der Last, die sie sich aufgeladen hatk Dazu kam noch das heimliche Zerstörungswerk von innen heram die furchtbaren Kämpfe und Seelenspannungen, der Parteigeist un Fraktionshader, die Verdrehungen, Maßlosigkeiten und Verdächt gungen, die man gegeneinander schleuderte, das Oberwuchern dt Phrase, die durch das Aufbauschen verschiedener Parolen d: Illusion erzeugte, als ob zwischen diesen und jenen, die im Grund Gesinnungsgenossen waren, unüberbrückbare Abgründe gähnten. Da Zersplitterte, Lokale und Dezentralisierende trat in den Vordergrund Zuletzt verschlimmerte sich die allgemeine Lage. Die Schatten dr herannahenden Erschütterungen, die Leiden und Krisen des Kriege fielen über das Land, das als Hauptreservoir zionistischer Kraft galt. In dieser Zeit der Not und des Zweifels, der Verwirrung un der Zerfahrenheit wurde das Zionistische Zentralbureau von Wie nach Köln verlegt. Sofort nach dem 7. Kongresse wurde mit der Überleitung dt Agenden des ehemaligen Wiener Bureaus nach Köln begonnei Die Schwierigkeiten der Einrichtung in Köln waren nicht gerim Es war eine Reorganisation des Bureaus vorzunehmen, die einei seits aus den veränderten Verhältnissen inbezug auf die Leiturr. resultierten, anderseits dem Zwecke dienten, die Organisation administrativ zu vervollkommnen. Nachdem sich die Unmöglichkeit