Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- Sep. 2 (15.8.1907)
- Date
- 1907-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Massen sehen sehr wohl ein, daß sie selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht genug getan haben, urn von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, daß er nun in den Tagen der Not für sie Entscheidendes tun werde. (Beifall.) Der Zionismus besitzt gerade nur, was das jüdische Volk ihm gibt. Das jüdische Volk aber hat ihm bisher nicht die Mittel geliefert, für die Volksglieder in Gefahr wirksam eintreten zu können. Seine Würde verbot ihm eitle Kundgebungen und wichtigtuerische Geschäftigkeit. Die Zionisten verschlossen ihre Trauer in ihr Herz und arbeiteten mit zusammengebissenen Zähnen an ihrer großen Aufgabe weiter, deren künftige Verwirklichung die Gegenwart nach Maßgabe ihrer Kräfte vorbereiten muß. Inzwischen haben unsere Massen besser als bisher begreifen gelernt, daß der Zionismus, wenn er sie heute nicht retten und schützen kann, morgen das Heil ihrer Kinder sein wird. (Beifall.) Die Regierungen, um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programms ist, haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lassen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: sie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert. Das scheint manchen ein Beweis, daß wir von allem Anfang einen falschen Weg eingeschlagen haben, und daß unsere Politik, die ihre Hoffnung teilweise auf die Regierungen setzte, ein Irrtum war. Das ist jedoch ein Fehlschluß. Regierungen sind heutzutage ganz gewiß keine Verächter der Imponderabilien, und sie würden niemals zugeben, daß große Geschichtsgedanken, daß Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit für sie inhaltslose Begriffe sind. Aber Regierungen haben sich vor allem mit konkreten, materiellen Interessen zu beschäftigen, und sie sind gewohnt, amtlich nur von solchen Angelegenheiten Kenntnis zu nehmen, für die ein Machtelement irgendwelcher Art ihre Aufmerksamkeit fordert. Solange die Regierungen im Zionismus nur die verschwommene Sehnsucht eines kleinen Häufleins weltfremder Träumer und Schwärmer vermuten, so lange ihnen unsere Kongresse, unsere Organisation, unsere Propaganda, unsere Pläne, unsere Beschlüsse rein theoretische Geistesspiele zu sein scheinen, haben sie von ihrem Standpunkte aus wirklich keine Veranlassung, sich mit uns einzulassen. Das würde mit dem Augenblicke anders werden, wo der Zionismus Millionen oder doch Hunderttausende gegliederter, zielbewußter, einiger Anhänger, festgegründete, wirksame Einrichtungen, Geld, Einfluß, zahlreiche geistige Potenzen hinter sich hätte. Die Regierungen als Abwäger von Wirklichkeiten verlangen mit Recht von uns den Beweis, daß wir etwas sind, etwas haben, etwas können. (Richtig!) So lange wir ihnen diesen Beweis schuldig bleiben, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn sie uns vernachlässigen. Es liegt in unserer Hand, die Regierungen zu einer Änderung dieser Haltung zu bestimmen. Wir brauchen nur Machtfaktoren zu werden. Damit müssen wir anfangen, dazu durch unablässiges Predigen, Lehren, Werben zu gelangen suchen. Ein jüdisches Volk mit einheitlichem Willen, dem Entschlüsse und den Mitteln, ihn zu verwirklichen, würde nicht vergeblich bitten, daß die Regierungen amtlich seinen Plänen nähertreten. (Beifall.) Noch sind wir nicht entfernt so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zionismus aus dem akademischen ins weltpolitische Stadium treten soll. Eines aber haben wir schon jetzt erreicht: Wir haben die Judenfrage, die von den einen überhaupt geleugnet, von den andern als unerheblich angesehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, daß sie nicht wieder aus dem Gesichtskreise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis sie in zionistischem Sinne gelöst ist: durch Wiederherstellung des Judenvolkes, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Völkerfamilie eintritt. (Anhaltender Beifall.) Die Lösung der Judenfrage ist eine Probe auf die ganze menschliche Gesittung. (Sehr richtig!) Die Zivilisation baut sich auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf, die nicht erschüttert, nicht umgestürzt werden können, ohne daß der ganze Bau zusammenbricht. Diese ursprünglichsten Grundsätze sind Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Person und Eigentum, Gleichheit aller unbescholtenen Bürger vor dem Gesetz, noch kürzer ausgedrückt: Gerechtigkeit. Justitia regnorum fundamentum' Die Juden aber werden in dem einem Lande gemordet und beraubt in dem andern Lande beschimpft und zurückgesetzt, überall behandelt man sie, als stünden sie außerhalb des Völkerrechts, des Gesellschaftsvertrags, der Verfassung, des geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet mar die einfachsten Grundsätze der Zivilisation und damit die Zivilisation selbst. (Tosende Zustimmung.) Dagegen erheben wir einen Einspruch, den man am aller wenigsten im Haag als einen platonischen ansehen darf. (Lebhafter, stürmischer Beifall.) Im freien Holland tagt gerade jetzt zum zweitenmal,die Friedens konferenz, die alle gesitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspannenden und bindenden Sittlichkeit festzustellen und ihre Regeln in ein Welt gesetzbuch zu fassen. Diese noch nicht kodifizierte, aber von aller: Regierungen, den christlichen, mohamedanischen, budhistischen fohistischen, freidenkerischen gleichmäßig anerkannte Sittlichkei rufen wir an. In ihrem Namen fordern wir für unser Volk von 12 Millionen Gerechtigkeit. (Andauernder, stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sich.) Man konnte sie um verweigern, solange Barbarei auf Erden herrschte; man darf sie uns aber nicht länger vorenthalten, nun, da alle organisierten Volke sich wenigstens theoretisch zur Zivilisation bekennen. (Heiterkeit. Solange es eine lJudenfrage gibt, erweist sich die Zivilisation al eine Lüge, und jede diplomatische Konferenz zur Kodifizierung de Nächstenliebe und Menschlichkeit als eine Komödie. (Langau dauernde Beifall- und Bravorufe.) In die Judenfrage spielen neben den ursprünglichsten Grund Sätzen der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die äugen blicklich die Weltpolitik bestimmen. Jedes Volk fordert heutzutag für seinen Handel die offene Tür; jedes nimmt es als ein natürliches Recht für sich in Anspruch, zurückgebliebene Länder in di Weltwirtschaft einzubeziehen, wüste Gebiete zu besiedeln und unte den Pflug zu nehmen, allzugroße Verschiedenheiten der Bevölkerungs dichte durch zweckmäßige Wanderung auszugleichen. Genau dieselben Forderungen erhebt auch der Zionismus. Wir wollen dem dünn bevölkerten Palästina Millionen arbeitefreudiger Siedler zuführen, die nur dort und sonst nirgendwo gedeihen können. (Lebhafte Bravorufe.) Wir wollen das brac! liegende Land, das einst jüdisch war, unter den Pflug nehmen, ihn: Wert geben, es zu einer Stätte lebhaften Güteraustausches, blühende Kultur, musterhafter Ordnung machen, dem türkischen Reiche, den jüdischen Volke, der ganzen Menschheit zum Gewinn. (Lebhafte Beifall.) Und solche Bestrebungen sollten nicht den Beifall und die Unterstützung aller Regierungen finden? Das glaube ich nich im Haag der Friedenskonferenz. Ich zweifle nicht daran, daß wir die ottomanische Regierun: von der Größe und Fruchtbarkeit unseres Vorsatzes überzeuge werden; ja noch mehr: daß wir die Einberufung einer diplomatische Konferenz nach dem Muster der Haager Zusammenkünfte von 18c> und 1907 zur internationalen Regelung der Judenfrage erlebe werden. Voraussetzung so großer Entwicklungen ist allerdings, da wir zunächst das jüdische Volk selbst zur klaren Erkenntnis seine Lage wecken, und jedem Juden, der nicht das Verschwinden de jüdischen Volkes will, die Überzeugung beibringen, sein Fortbestand sei nur durch eine Methode m sichern: die zionistische (Bravorufe Möge der achte Zionistenkongreß uns diesem großen Ziele nähe bringen! (Minutenlang andauernder, stürmischer Beifall; Tücher schwenken im Saale und auf den Galerien.)