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Die Welt · 1907-08-15 · Sep. 2 (15.8.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
Sep. 2 (15.8.1907)
Date
1907-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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oigerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der iidischen Psyche. Denkende Juden lassen sich nicht darauf in, sich selbst zu täuschen; sie sind gegen sich von der nerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn man uns ii unserem Geburtslande Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat ine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der msere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, um Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch anderseits erstehen, daß die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde mpfinden, da wir es beharrlich ablehnen, uns in ihnen aufzulösen. )a richtet sich ein Entweder-oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben oder wir /ollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann ehen wir, so rasch wie es die demographischen Verhältnisse irgend estatten, in unserer Volksumgebung auf. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte Sonderstellung beweist, dann müssen wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. (Stürmischer Beifall.) Auf die Dauer aber ist es unmöglich, sich als abgesondertes, tammreines Volk zu behaupten, wenn man als scheel angesehene linderheit inmitten einer mindestens unsympathischen, kalten, wenn icht aggressiv feindseligen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir uns her als besonderes Volk in der Zerstreuung? Für welche Zukunft? ür welche Geschicke? Was ist der Endzweck, zu dem wir unsere •igenart pflegen, die von der unserer Umgebung absticht? Was offen, was erwarten wir, daß wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nacheile einer schmerzlichen Ausnahmestellung geduldig ertragen? Ist s für die nationale Wiedergeburt, dann rüsten wir uns zu ihr auf ie einzigrnöglicheWeise, durch den Zionismus. (LebhafteZustimmung.) ■rwarten und hoffen wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann es lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist es reine Unfähigeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn man unter den roßten Opfern und mit den schwersten Leiden ziel- und zwecklos i einer Sonderexistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: ■ionismus oder nationale Liquidation. (Beifall.) Alles andere ist lalbheit und beunruhigt die Logik. Vergebens reden Tiftler Haarpaltereien und Spitzfindigkeiten um diese unerschütterliche Schlußifgerung herum. Sie drängt sich dem schlichten Menschenverstände er selbstdenkenden Juden auf und bestimmt häufig ihr Handeln, /er an die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer im eine Zukunft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, er diesen Glauben nicht hat, der fällt ab. ' Und das würde noch iel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollültig zu sein, nicht vom formellen Übertritt zu einem andern ilauben begleitet sein müßte, zu dem anständige Juden sich denn och nicht leichten Herzens entschließen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Vinde. In großen Seelen haben sie mächtigen Widerhall eweckt; die Menge aber hat sie noch nicht hören oder noch nicht erstehen wollen. Denn wir wollen uns und andern nichts vorlachen. Wir organisierte Zionisten sind leider immer noch eine etrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns ias jedoch nicht anfechten. Es ist kein Grund zur Entmutigung :'ir uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die anz unabhängig davon ist, ob sie von andern begriffen wird oder icht (Beifall) und sie muß sich schließlich durchsetzen, denn sie i unverwüstlich, und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die beschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten, echzig Jahre lang sangen Deutsche: „Was ist des Deutschen aterland?" und ließen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten maßgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflußeiche Praktiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als ine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten, ebensolange erklärten bedächtige, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben organisierte, zum Teile -mächtige Staaten und außerhalb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: „Im Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Rupublikaner gegeben." Thomas Payne, der treffliche Verfasser von „Common sense" tat die Äußerung: „Im Jahre 1778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner." Michelet schrieb im Jahre 1859: „Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen." Diese Beispiele sind .geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so groß ist, wie sie sein sollte. Wir sind gewiß die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Gewiß: was wir erreicht haben, ist noch blutwenig. Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, wenn wir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistenkongresse zurückblicken. Selbst unsere materiellen Erfolge, so bescheiden sie scheinen, sind nicht allzu gering einzuschätzen, kurz sind sie schon von Herrn Wolffsohn zusammengefaßt worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern aufgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo- Palestine Company geschaffen, die in Palästina gute Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftsleben als ein kräftiger Gärungserreger wirkt und dem jüdischen Namen das Ansehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanzinitiative begleitet. Dank dieser Anstalt sind die Juden in den Augen der palästinensischen Eingeborenen nicht mehr wie früher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten .und Wohlstand um sich verbreiten. Unser Nationalfonds ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich sind unsere moralischen Erfolge. Daß der Zionismus seinen Bekennem Selbstachtung und Würde gegeben hat, ist eine zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tagen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Händeklatschen), und das ist uns so selbstverständlich geworden, daß es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, daß andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. (Beifall.) In den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht auf ihre Volksbedürfnisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Individualität angemeldet. (Beifall). Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre Geschichte, Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines Ideals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Verschwindens seines ersten Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, daß er, von Personen unabhängig, aus eigner Kraft besteht. (Zustimmung.) Schwere Gefahr drohte dem Zionismus von den zahlreichen mörderischen Überfällen, die die Juden in den Ländern des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht nur, weil unsere unglücklichen Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden andern Gedanken aus ihrem Bewußtsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzreden, durch die bedenkenfreie Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. „Wo war der Zionismus", hörte man spöttische Stimmen rufen, „als entmenschte Horden im Osten die Juden niedermetzelten? Was hat er für die Verfolgten getan? Wie hat er ihnen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?" Zur Ehre unserer schwer heimgesuchten Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Verzweiflung bewahrten sie genug gesunden Menschenverstand, um die Torheit

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