Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- Sep. 2 (15.8.1907)
- Date
- 1907-08-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 =DIE^ geßlicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute über unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Steintafeln gemeißelte Denkmal inschrift klangen: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" . . . „Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuß breit erworbener Kultur aufzugeben" . . „Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen." ... — „Von einein vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück undwerden resorbiert.* Dies sind einige der Kernsätze, die Herzl damals verkündete, und die an Klarheit, _sollte man meinen, nicht zu übertreffen sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Mißverständnisse noch Verständnislosigkeiten, Verdrehungen und Entstellungen. Ein Mißverständnis war es, daß man im Zionismus eine große Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte (Bravo-Rufe). Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in den freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sie glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war es jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Bravorufe und lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht man keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will dem einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung aufraffen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungen auf eigenem Boden und selbstgeschmiedetes Glück zu schaffen. (Beifall.) Die Zionisten aus Mitleid, die den geringen jährlichen Beitrag zur Bewegung, den Schekel, darboten, wie man eine kleine Münze in eine flehend ausgestreckte Bettlerhand gleiten läßt, sind denn auch großenteils abgefallen, als sie ihren Irrtum erkannten, und treu blieben nur die, die sich bewußt waren, daß im Zionismus ein zerrissenes Volk um die Wiedervereinigung seiner umhergestreuten Gliedmaßen und um die Wiedergeburt ringt. Verständnislosigkeit war es, daß man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als eine Absage an den Fortschritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Asiatentum und Ghettoabsperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiß der Zionismus sich vollkommen frei; zu frei, sagen gewisse jüdische Kritiker und Gegner. Er vereinigt Vertreter der Konservativsten und der Freisinnigsten des Judentums in sich. (Bravorufe.) Das Wort Asiatentum macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt (Lebhafter Beifall), daß man sehr wohl Asiate und gleichzeitig höchst fortschrittlich sein kann. (Erneuerter, andauernder Beifall.) Tatsächlich aber sind wir unseres 2000jährigen Europäertums so sicher, daß wir über die Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. (Sehr richtig!) Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute (Heiterkeit), in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden sind. Wir würden uns bemühen, in Vorderasien zu tun, was die Engländer in Indien getan haben, — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft; — wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszucücken. (Andauernder lebhafter Beifall.) Ghettoabsperrung? Man verzeihe uns, daß wir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das;ELT - Sep. 2 Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: My house is my Castle". Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen selbstgebauten Heim Ghettosehnsucht. Wir wissen, daß die allermodernste völkerpsychologische und ethnologische Erkenntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle wie jedes Individuum sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlich gewordenen Eigenart ausleben und es ablehnen, sich durch Druck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmernzm lassen. (Händeklatschen und Beifall.) Wir sind niemals fortschrittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt, als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verdrehungen und Entstellungen haben jede Tat des Zionismus, jede Äußerung und Bewegung seiner Führer verzerrt, verdächtigt und verleumdet. Man hat den leitenden Persönlichkeiten der Bewegung uneingestehbare Beweggründe, Ehrgeiz oder gar nur Eitelkeit, Eigennutz, demagogisches Buhlen um Volksgunst nachgesagt. Der Begründer und bedeutendste Mann der Bewegung, Theodor Herzl, antwortete darauf mit dem Opfer seines Vermögens und seines Lebens, und andere tun es ihm nach, wenn nötig bis zum äußersten. (Beifall.) Man hat das Schlagwort ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewußtsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unserer Staatsbürgerpflichten dürfen wir diese Beschuldigung verachten. (Sehr richtig!) Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischen) Patriotismus nachgesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammeserinnerungen pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Gewiß, ergäbe sich ein Gegensatz zwischen der Interessen des jüdischen Volkes und denen unserer Landsleute dann müßten wir in schmerzlicher Wahl uns für die eine oder dit andere Seite entscheiden. Glücklicherweise besteht ein solche) Gegensatz nicht und wird nach menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit auch nicht bestehen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gesinnungsstarke Staatsbürger bekennen. Außer jüdischen Denunzianten und bedenkenfreier Judenhassern, denen jede Gelegenheit zur Feindseligkeit gegen uns willkommen ist, hat denn auch bisher niemand an diesem Doppelbekenntnis Anstoß genommen. Weit verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, der jüdischen Verzweiflung nach den anderen Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, siel; in Heldenposen zu werfen und Bramarbasreden zu führen. „Ihi Zionisten", prahlten sie, „seid feige Ausreißer, wir dagegen sine tapfere Streiter; ihr ergreifet vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen ihn in unserem Geburtslande bestehen unci die Rüstung nicht ablegen, ehe wir gesiegt haben." Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antisemitismus war höchstens ein Anlaß, er war sicher nicht der Grund des Zionismus. Der Judenhaß hat nur in vielen Juden das ein geschlummerte Stammesbewußtsein geweckt und sie ermahnt, sich auf ihre geschichtliche Individualität zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmenschen und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sie zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist wie jede geschichtliche Bewegung aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schluß-