Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316275--49594-3344538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
16 DJEip ELT No. 32 |fo o o o o o o o o vs:s o NACHRICHTEN ° ooooooooo Falsche Gerüchte über das Ableben Morris Rosenfelds Eine Reihe von Blättern brachte letzte Woche die Nachricht, daß Morris Rosenfeld in bitterster Not gestorben sei, und eine große Zahl jüdischer Blätter hat auch bereits dem Dichter Nekrologe gewidmet, Wir haben, da uns eine Reihe von Details, die der Meldung beigegeben waren, als den tatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechend erschien, von der Verzeichnung der Nachricht selbst als eines Gerüchtes abgesehen, haben aber sofort direkte Erkundigungen eingezogen, die ergaben, daß die Totmeldung Rosenfelds erfreulicherweise eine Erfindung ist. Möge dem — allerdings schwer leidenden — Dichter noch eine lange Lebenszeit beschieden sein, und mögen die von großer Verehrung erfüllten Nekrologe, die man ihm gewidmet hat, wenigstens das Gute zeitigen, daß weite Kreise sich der Pflicht des jüdischen Volkes gegen einen seiner besten Dichter endlich bewußt werden! Nachrichten aus Palästina Aus Haiffa Eine Korrespondenz des „Rasswjet" bringt einige interessante Mitteilungen aus Haiffa. Die erste Entwicklung der kleinen neuen jüdischen Ansiedelung in Haiffa vollziehe sich in erfreulicher Weise. Das beste Kennzeichen dafür sei, daß diese Stadt, die, obwohl Kopfstadt der Provinz Galiläa, von der jüdischen Einwanderung erst in allerletzter Zeit berührt wurde, schon einen jüdischen Kindergarten und einen Abendkurs für Erwachsene erhalten hat, deren Unterrichtssprache die hebräische ist. Die Immigranten schließen sich so dem allgemeinen Zuge an, der auf eine Hebräisierung der jüdisch-palästinensischen Bevölkerung hinzielt. Diese Hebräisierung erfolgt nicht nur auf national-kulturelle Initiative hin, sie ist das naturnotwendige Ergebnis des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenlebens und Ineinandergreifens der differenzierten jüdischen Gruppen. Russische, grusinische, afrikanische, bocharische, jemenitische etc. Juden müssen allmählich zu einer Einheitssprache greifen, die natürlich die hebräische ist. Und die neuen Ankömmlinge passen sich eben den Verhältnissen möglichst an. So war es auch in Haiffa, wo man jüngst sogar schon den Versuch machen konnte, ein hebräisches Stück von Schalom Asch aufzuführen. Darsteller waren die Arbeiter aus der Haiftaer Fabrik der Gesellschaft „Athid". Diese Gesellschaft, die die Einrichtung von Öl- und Seifenfabriken zum Zwecke hat und ihre Entstehung der Tatkraft der beiden Ingenieure Pewsner und Wilbuschewitsch dankt, hat sicherlich für die jüdische Einwanderung in Haiffa in dankenswertester Weise vorgearbeitet. Das Fabrikgebäude, inmitten eines Palmenhaines auf einer Anhöhe an der Bucht von Haiffa errichtet, ist seiner malerischen Lage wegen bereits zu einer Art Besuchsort für die Touristen, insbesondere der jüdischen, geworden, die nicht versäumen, die „jüdische Fabrik" zu besichtigen. Die Gesellschaft „Athid" besitzt übrigens noch eine Fabrik in Beth-Arif. Es ist eine in Rußland eingetragene Gesellschaft mit einem Grundkapital von 100 000 Rubeln, der man eine große Zukunft prognostiziert, da ihre Produkte (Öl und Seife) sehr gangbare Artikel darstellen. Die Fabriken sind ganz aus jüdischer Kraft geschaffen worden. Gesellschafter, Leiter, Beamte und Arbeiter sind Juden. Eine in Haiffa begründete Abteilung für die Erzeugung von Toilettenseife wird zahlreichen jüdischen Mädchen Beschäftigung geben. Im übrigen arbeitet die Gesellschaft zurzeit auch an der Errichtung einer Abteilung für Maschinenbau. Man sieht, hier haben Menschen gearbeitet, und nicht umsonst, denn allen Anzeichen nach wird das Unternehmen, das verschiedenen jüdischen Interessenkreisen dient, auch weiterhin prosperieren und einen guten materiellen Ertrag abwerfen. Samuel Hirszenberg, Lehrer am „Bezalel" Wie uns mitgeteilt wird, wird der hervorragende Maler Samuel Hirszenberger sich nach Palästina begeben, um dort an der Seite von Prof. Boris Schatz als Lehrer zu wirken. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Österreichs R.-R.-Abg. Dr. Gabel hat am 24. Juli an den Unterrichtsminister folgende Interpellation gerichtet: „Die jüdischnationale Studentenschaft Österreichs, die den überwiegenden Teil aller jüdischen Hochschüler dieses Reiches repräsentiert, bemüht sich seit Jahren, die Anerkennung der jüdischen Nationalität bei den akademischen Behörden und bei der Unterrichtsverwaltung durchzusetzen. Die ganze Angelegenheit ist keine Folge nationaler Macht- oder Postulatenpolitik, deren Lösung nur erfolgen kann mit Verletzung fremder nationaler Interessen oder mit einer Belastung des Staatsbudgets, sondern sie ist eine Ehrensache der jüdischen Akademiker, eine durchaus gesetzliche und erfüllbare Forderung, die von natürlichem National- und Ehrgefühl diktiert ist. Die jüdischen Studenten haben nach der bisherigen Praxis die bei der Ausfüllung und dem Rubrikenschema der Nationalia an den Hochschulen geübt wird und in den statistischen Ausweisen der Universität dann falsche Resultate liefert, keine Möglichkeit, ein freies nationales Bekenntnis abzulegen. Sie werden ihres nationalen Selbstbestimrnungsrechtes beraubt und fremden Nationen zugezählt, deren Sprache sie in der Rubrik „Muttersprache" anführen. Aber die Ausfüllung dieser Rubrik, die nicht über Geburt, Rasse und Stammesangehörigkeit, sondern nur über ein äußeres oder zufälliges Moment Aufschluß gibt, kann die nationale Zugehörigkeit der Juden nicht wiedergeben. Sie genügt nicht. Die Rubrik „Nationalität", die hie und da existiert und von der nationalbewußten jüdischen Studentenschaft wahrheitsgetreu beschrieben wird, wird in statistischen Ausweisen ignoriert. Die Juden werden, ob sie wollen oder nicht, anderen nationalen Gruppen zugezählt. Diese selbst wollen vielfach die Juden als Angehörige ihrer nationalen Gemeinschaft, als gleichberechtigt und gleichwertig nicht anerkennen und betrachten sie als Fremdkörper, der die nationale Einheit gefährdet. Die völlige Ausschaltung der jüdischen Nationalität aus allen statistischen Ausweisen unserer Hochschulen fälscht diese und gibt ein entstelltes Bild der nationalen Verhältnisse im Hochschulleben. Diese Praxis widerspricht den Grundsätzen von akademischer Freiheit und der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Ein freies, nationales Bekenntnis ist. das hervorragendste und unveräußerliche Recht, das eine in Österreich lebende Nation für ihre Individuen in Anspruch nehmen kann. Die zwangsweise vollzogene und unnatürliche, vernunftwidrige und ungesetzliche Entnationalisierung der jüdischen Studenten geschieht überall zugunsten der in der Majorität befindlichen nationalen Gruppe: an den deutschen Hochschulen werden die Juden zu Deutschen, an den tschechischen Hochschulen zu Tschechen, an den polnischen zu Polen gestempelt. Diese schrankenlose Durchführung des Majoritätsprinzips ist auch jüdischen Studenten gegenüber, die auf gleiches Recht, auf Schonung ihrer nationalen Empfindlichkeit, auf Schutz ihrer nationalen Ehre wie alle anderen andersnationalen Studenten beharren und vollen Anspruch haben, ein schreiendes Unrecht, eine unerlaubte Vergewaltigung. Die jüdischnationale Studentenschaft kämpft seit Jahren für ihre oberste nationale Forderung, für ihr nationales Grundrecht. Sie tat es stets in der würdigsten Weise, ruhig, sachlich, streng akademisch. Aber es scheint, daß Universitätsforderungen selbst so primitiver Art an den österreichischen Hochschulen ohne laute Demonstration nicht beachtet und durchgesetzt werden können. Die politische Entwicklung der Juden Österreichs führt zu ihrer Nationalisierung. Die jüdische Jugend steht im nationalen Lager