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Die Welt · 1907-08-09 · 32 (9.8.1907) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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und die Frage, ob die Juden eine selbständige Nation oder bloße Religionsgemeinschaft sind, wird nicht mehr ernst diskutiert. Sie ist ein für allemal im nationalen Sinne entschieden. Wenn die Mehrheit der jüdischen Studenten national ist und an ihrer Forderung, nach Anerkennung der jüdischen Nationalität unverbrüchlich festhält, wenn die nationaljüdische Bewegung auch in Bürger- und Arbeiterkreisen immer festere Wurzeln faßt, wenn die Vernunft, die Wirklichkeit, das Recht und Gesetz für jene Forderung ihre Stimme erheben, dann ist es wohl überflüssig, daß die Unterrichtsverwaltung, wie es geschehen ist, erst das Gutachten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde einholt und zur Basis ihrer Entscheidung nimmt. Die Herren der Kultusgemeinde sind antinational und werden selbstverständlich von ihrem politischen Standpunkte aus, der dem Unterrichtsministerium nicht" maßgebend sein kann, die nationale Forderung ablehnen. Der Wiener Kultusvorstand ist weder kompentent, noch unbefangen genug, in dieser nationalen Frage mitzusprechen. Er ist das Exekutivorgan der Wiener Assimilationsjuden, die für die nationale Bewegung im Judentum kein Verständnis und über die von nationalem Selbstbewußtsein diktierte Aktion der jüdischnationalen Studentenschaft kein ungetrübtes Urteil haben. Es ist keine Frage des jüdischen Kultus, die zu lösen ist, sondern eine Frage der nationalen Ehre und nationalen Gleichberechtigung. Die akademischen Senate, die sich mit der Angelegenheft wiederholt befaßt haben, legten politische oder nationale Gründe ihrer Entscheidung zugrunde und sind einer direkten Lösung und Voranstellung von allerlei Kompetenzgründen ausgewichen. Bloß der akademische Senat der Czernowitzer Universität hat in seiner Sitzung vorn 29. Oktober 1906 beschlossen, den Studenten zu gestatten, neben der im Nationale geforderten Angabe der Muttersprache auch ihre Nationalität zu vermerken, welcher Vermerk im statistischen Ausweise anmerkungsweise berücksichtigt werden sollte. Der Beschluß, hieß es in der Rektoratskundmachung, tritt mit dem Sommersemester 1907 in Kraft, wofern nicht bis dahin eine definitive Regelung des Rubrikenschemas seitens des Ministeriums für Kultus und Unterricht erfolgt. Diese Senatsentscheidung, die einer Forderung nationaler Gerechtigkeit entsprach, wurde infolge Erlasses des Unterrichtsministeriums vom 17. Februar 1907, Z. 43.465, suspendiert und eine einheitliche Regelung der Angelegenheit für alle Hochschulen in Aussicht gestellt. Diese Regelung ist bisher nicht erfolgt, obwohl dem Unterrichtsministerium fast 2000 Unterschriften von jüdischen Hochschüiern übermittelt wurden, die der Forderung zustimmen, obwohl die jüdische Studentenschaft aller Hochschulstädte die Forderung nach Anerkennung ihrer Nationalität erhoben und in Versammlungen sowie Resolutionen nachdrücklichst unterstützt hat und obwohl seine Exzellenz der Herr Unterrichtsminister der Deputation jüdischnationaler Studenten die unbefangene, also von einem Wiener Kultusvorstande unbeeinflußte Prüfung der Angelegengeit zugesagt hat. Die jüdischnationale Studentenschaft fordert: 1. die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen; 2. als Ausdruck der Anerkennung die allgemeine Einführung der Nationalitätenrubrik oder zumindest die Gestattung der Nationalitätsklausel bei der Angabe der Muttersprache; 3. Berücksichtigung dieser Eintragung in allen statistischen Ausweisen der Hochschulen. Sie wird sich bei Fortsetzung ihres Kampfes, falls er ihr aufgezwungen werden sollte, an die Worte halten, mit denen der Rektor der technischen Hochschule in Wien, Oberbaurat Hochenegg, den Standpunkt der jüdischnationalen Studentenschaft gebilligt hat: „Die Nation ist ja jedem heilig, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig". Mit Rücksicht darauf, daß die Frage längst spruchreif und ihre Lösung angesichts des bevorstehenden Beginnes der Inskription für das Wintersemester dringlich ist, mit Rücksicht darauf, daß die Forderung der jüdischnationalen Studentenschaft wirklich nur dem Gebote der Vernunft, der nationalen Gleichberechtigung entspricht und im Rahmen der bestehenden Gesetze ohne weiteres erfüllbar ist, stellen die Gefertigten die Anfrage: 1. Ist der Herr Minister bereit, noch im Laufe der Ferien die im Februar dieses Jahres zugesagte Regelung des Rubrikenschemas durchzuführen? 2. Ist der Herr Minister bereit, der jüdischen Nationalität an den Hochschulen die ihr gebührende Anerkennung zu verschaffen und die bisher geübte Praxis, die ein ganz falsches statistisches Resultat zutage fördert und der Selbstachtung der jüdischen Studenten Fesseln auferlegt, ein Ende zu machen? Das Schwarze Hundert als Brandstifter In Imoliany, Kreis Orscha, im Gouvernement Mohilew, steckte eine Bande das Jüdische Viertel in Brand. Eingeäschert sind 114 Häuser der Juden, 5 Synagogen, eine jüdische Schule, ferner 15 Häuser der Christen, 70 Buden und die Bude des Branntweinmonopols mit Branntweinvorräten. Eine Jüdin ist in den Flammen umgekommen. Einer der Täter wurde verhaftet. Verein Jüdischer Studenten an der Universität Freiburg Frei bürg i. Br. Der „Verein Jüdischer Studenten im B. S. C* an der Universität Freiburg kann wiederum mit großer Befriedigung auf das verflossene Sommersemester zurückblicken. Die Semesterantrittskneipe nahm einen glänzenden Verlauf, ebenso das Sommerfest in Littenweiler und der Schlußabend im großen Festsaale des Kolosseums. Besonders erfreulich war es für uns, bei unsern Veranstaltungen weiteste Kreise der hiesigen jüdischen Akademiker und Bürgerschaft begrüßen zu können. — Eine außerordentlich große Aktivitas ermöglichte mehr äußere und innere Vereinsarbeit. Wir beteiligten uns an den Vorträgen der zionistischen Ortsgruppe, veranstalteten in Gemeinschaft mit ihr und der Verbindung im K. Z. V. „Jvria" einen Jungjüdischen Abend, der einen erfreulichen Erfolg hatte, ferner einen Morris-Rosenfeld-Abend. Wir planen auch bereits für den Winter eine Reihe ähnlicher Jüdisch-literarischer Abende. Informationsbureau für Auswanderer in Wien Am 21. d. M. hat die offizielle Eröffnung eines Emigrationsbureaus unter dem Namen: „Hilfskomitee für jüdische Auswanderer", Informationsbureau des Vereins „Machsike Hadath", stattgefunden. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Gründung eines solchen Bureaus ist evident. In Wien allein war bisher keine solche Institution vorhanden, wiewohl der größte Teil der jüdischen Auswanderer infolge der in Deutschland jetzt herrschenden strengen Gesetze gegen Emigranten, seine Reiseroute über Wien nimmt. Hunderte dieser heimatlosen und halbverhungerten Armen sehen wir in den Straßen Wiens rat-und hilflos umherirren: ein erschütterndes Büd menschlichen Elends. Es ist statistisch bewiesen, daß der größte Teil der Emigranten ausgebeutet wird. Unterwegs werden sie infolge ihrer Unerfahrenheit eine leichte Beute von gewissenlosen Betrügern und Schwindlern, die sie unbarmherzig ausbeuten, so daß sie oft im größten Elend unterwegs zurückbleiben müssen. —- Ja, wir können viele Fälle anführen, wo sogar hier in Wien selbst Emigranten in die Hände von gewissen betrügerischen Agenten gerieten und von ihnen um ihr Letztes gebracht wurden. Diesen Zuständen soll durch die Tätigkeit des Bureaus, wie es jetzt vom Verein „Machsike Hadath" gegründet worden ist, leicht abgeholfen werden. Das Bureau erteilt die verschiedensten Auskünfte und Ratschläge in allen Fällen, die sich auf Emigrationsangelegenheiten beziehen; die Emigranten stehen jetzt vom Tage ihrer Ankunft in Wien bis zu ihrer Abreise unter dem Schutze des Bureaus, welches sie, wenngleich einstweilen nicht mit Geld, so doch mit Rat und Tat unterstützen wird. — Au? der Nordbahn in Wien wird bei jedem einlaufendem Zug ein durch sein Abzeichen leicht kennbarer Bureaubeamter sich befinden, der die Aufgabe hat, die Emigranten bei ihrer Ankunft in Wien zu empfangen, ihnen vorerst billige Quartiere anzuweisen und sie vor betrügerischen Agenten zu warnen. Die Emigranten erhalten vom Bureau Aufklärung über die eventuell zu nehmende Reiseroute sowie auch Hilfeleistung bei der Anschaffung von Reisebillets und bei ihrer Abreise von Wien. Die Emigranten werden auch vom Verein unentgeltlich beköstigt werden. Die Adresse des Vereines „Machsike Hadath" ist Wien II, Obere Angartenstraße 40. Dahin wolle man auch freundliche Spenden für die Zwecke des Vereins senden. Aus der Emigrationsbewegung In Warschau wird die Ankunft der amerikanischen Parlamentskommission zur Erforschung der jüdischen Emigration erwartet. Diese Forschungsreise steht in enger Beziehung zum neuen Gesetze über Immigration nach den Vereinigten Staaten und dessen Verhältnis zu den jüdischen Emigranten aus Rußland und Polen. Der amerikanische Gesandte wandte sich an die Ministerien mit der Bitte um Erleichterung der Arbeiten. Briefkasten der Redaktion Ahawath Zion, Nagy-Tapoleseng. Besten Dank! Ihre Anregung war für uns von Interesse, eignet sich aber nicht zur Publikation. Wenden Sie sich gefl. an die Kommission zur Erforschung Palästinas in Berlin.

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