Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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14 DIE^ELT No. 32 schläft. da(3 Klima oder Blut den Südländer zu ewiger Lethargie verurteilen. An Kulturwerten finden wir unten nichts, als etwa eine naive Simplizität, die allem Barbarentum mehr oder minder, wie dem Kinde, eignet. Daß da unten ein Judentum existiere, das auch positive, lebendige Werte aufweist, fällt uns nicht bei; das unsrige fühlen wir als das einzige, wahre, im ernsten Sinne existierende, das aus der Vergangenheit in geschichtsnotwendiger Entwicklung hervorgegangen eine historische Zukunft aus sich heraus gebiert. Wie. wenn nun plötzlich ein Sohn des Südens erscheint, einer jener „schlafenden" Juden, und uns Selbstverblendung und Drnkel nachweist? Der unsere Entwicklung Entartung nennt, und Eigenwerte iiir eine jüdische Zukunft präsentiert? Ibrahim ibu Abdallah, Sohn eines Chacham aus Bagdad, ist der kühne Sephardi, der auf einer Reise durch Europa das Judentum iies Abendlandes genau studiert und das Resultat seiner ebenso eindringenden wie gerechten Forschung seinem Gastfreund mit Freimut offenbart. Das Buch Jacob Obermeyers, Professors an der Lehranstalt für orientalische Sprachen in Wien, ist die Interpretation dieser Beobachtungen geworden. Und mag auch vielleicht die Person Ibrahim ibu Abdallahs nur schriftstellerische Erfindung sein, — unter allen Umständen ist doch das Wesentliche des Buches aus dem Geiste des orientalischen Judentums heraus (Obermeyer hat selbst 11 Jahre seines Lebens an ihm teilgenommen) erzeugt und entwickelt. Das Judentum Europas aber sollte diese Schrift mit Aufmerksamkeit lesen. Schon seit geraumer Zeit' sind keine so treffenden Pfeile gegen es geschleudert worden, und nur dem künstlerischen Ungeschick, welches das Buch mit soviel Nebensächlichem, Allzupersönlichem und Vielzuvielgelehrtem beiastet hat, *vird es zuzuschreiben sein, wenn es nicht blitzartig einschlägt. Ibrahim uniersucht nur das religiöse Judentum; das politische und völkische läßt er unberührt. Ihn beschäftigt die „Lehre", ihre Kultusformen, ihre Institutionen und Organe. Viel Freude erlebt er auf seinen Streifzügen nicht, denn alles, alles erscheint ihm nicht blos anders, sondern auch schlechter, hohler, häßlicher als bei ihm daheim. Die aschkenasische Synagoge — der Reformtempel ist ihm dabei der Prototyp — eine Stätte von viel äußerem Pomp und Glanz, viel Gesang und Spiel, ein dreistes Abbild, eine Karrikatur des einstigen Tempels in Jerusalem, ein falscher Tempel, in dem statt der Leviten christliche Operettensängerinnen sich hören lassen, und eine prunkhafte Frauengalerie die Sinne der Männer kitzelt, eine Stätte der Unterhaltung, des Kunstgenusses, ein Konzert, eine Komödie! Vorn am Almemor, das Herr „Oberkantor", nicht wie einst der Würdigsten, Ältesten der Gemeinde einer, der Bote, der Abgesandte von dem Antlitz Gottes, sondern ein oft sehr jugendlicher, nicht verehelichter und darum sexuellen Betörungen zugänglicher Mann, der des Hebräischen kaum oder wenig mächtig, die heilige Sprache „nach Noten" zerhackt und die inbrünstigen Gebete durch lächerliches Manierieren entwürdigt, der allsamstaglich die gleichen Gesangspiecen nach denselben Melodien herunterhaspelt und die Woche, wenn nicht gerade eine erstklassige Trauung oder Beerdigung vorkommt, im dolce far niente zubringen kann, wofür er von den arg geplagten Gemeindemitgliedern ein fürstliches Gehalt bezieht. Ein treffendes Gemälde, das nur noch an Satire und Lebenswahrheit von dem übertroffen wird, das Ibrahim vom westeuropäischen Rabbiner entwirft Dem Rabbiner wie dem Kantor wird „die Ausnützung der Religion zum Geschäft". Außer ihrer festen Remuneration sind für Einzelleistungen „Geschenke" ihre Einnahmequellen. Der Mammon entscheidet. Für ein Geschenk - das Volk nennt es Trinkgeld, in der Türkei heißt es Backschisch — redet der Rabbiner, singt der Kantor, d. h. hält der Rabbiner die Gelegenheitsrede, der Kantor singt danach. Je nach der Qualität des im voraus eingehändigten, selten kreditierten Geschenkes ist beim Rabbiner die Sonderleistung an Lobhudeleien und rhetorischen Floskeln und beim Kantor die Sonderleistung der Kehle und der frommen Mimik." Das ist allerdings gallbitter. Doch hören wir weiter: „Der Rabbiner von heutzutage ist nicht mehr der Führer, gewissermaßen der Obervorsteher der Gemeinde; er ist blos ein „Meschubbad", ein Untergebener des Gemeindevorstandes. Sein Ideal, sein Streben ist also, sich mit den Vorständen gut zu verhalten. Beziehungen mit den Reichen anknüpfen, das trägt was. Was nützt ihm die Gelehrsamkeit in der Bibel, im Talmud, in den Kommentaren und Gutachten der Gaonen und alten Meister oder gar in den Codices über Ritualvorschriften? Das P. . T. Publikum verlangt dies alles nicht. Was das Publikum verlangt, das ist die Predigt, „die schöne Predigt", und dafür hat er, um sich beliebt zu machen, sein ganzes Können einzusetzen." Wie man solche Rabbiner erzieht, welches das Wesen der modernen Predigt ist, über die Schönheit und innere Wahrhaftigkeit der Gelegenheitsreden, besonders der Leichenpredigten und Traureden erster, zweiter und dritter Klasse — diese köstlichen Kapitel lese man selber.*) Sie geben der Satire etwa von „Willis Werdegang" nicht allzuviel nach. Traurig sind Ibrahims Feststellungen über die religiöse Erziehung des jüdischen Westeuropäers. Der klaffende Widerspruch von Schule und Haus, von Lehre und Leben, ja, zwischen Lehre und Lehrer beschwert nur das Gewissen des Kindes, umdüstert sein Gemüt, macht es unter allen Umständen zum Heuchler, bringt es schließlich zum Abfall. Wie aber sieht in den Augen des Orientalen dieses westeuropäische Judentum selber, das so schmählich vertreten und so unglückselig gelehrt wird, von innen aus? Es manifestiert sich ihm in zwei verschiedenen Formen: dem orthodoxen und dem reformierten Judentum. Obwohl Ibrahim die „Traditionellen" in seiner und der Welt Achtung hoch über die „Liberalen" stellt, sieht er auch ihnen scharf unter den Mantel. Er findet, „der deutsche konservative Jude, besonders der reiche, prahlt gern mit seinem Konservatismus, den er als eine Art Sport betreibt und zur Schau trägt; er hängt am Nebensächlichen. Auffälligen, an dem erst in späterer Zeit hinzugekommenen, dem Mystizismus oder auch dem Aberglauben entlehnten Beiwerk mehr als an dem Wesentlichen; ja, er vernachlässigt ofl dieses zugunsten des Unwesentlichen oder läßt es ganz außer acht. Das zeigt zunächst den Mangel an wirklichem Ernst, gar oft die Folge der geringen religiösen Bildung." Das Reformjudentum aber empört sein heißes südländisches Blut. Er findet außerhalb der Synagoge überhaupt keine Spuren davon, nichts mehr als einen Schall, eine Vortäuschung, eine Lüge. Jenes „allgemeine Judentum", das der Prediger in seinen Zermonen breit tritt, und dessen Apologetik er in komischem Eifer entwickelt, jener Glaube, zu dem er auffordert, der in seiner Unkontrollierbarkeit und Abkehr von aller Werktätigkeit das bequemste und billigste auf Gottes Erdboden ist, läßt sich nirgends in greifbaren Formen entdecken. Und in der Synagoge findet er nur. ein einziges, wa als Inhalt dieses Judentums anzusprechen wäre. Das aber ist dem echten Stammesjuden ein wahrer Greuel: das moderne Judentun; als Totenkultus. Ibrahim ibu Abdallah gräbt hier ins Tiefe. Er enthüllt das wahre Gesicht dieser jüdischen Entartung. Totenkult, geboren aus abergläubiger persönlicher Furcht vor dem Tode, dem einzigen „religiösen" Gefühl, das dem reformierten Juden geblieben ist, da' er trüg^rischerweise Pietät benennt und dem er alle kultformendc Phantasie zuwendet. Sabbat, Heiligkeit der Ehe und Keuchheit. herzliches anspruchsloses Wohltun, Brüderlichkeit, Pietät gegen die Vergangenheit des Volkes und das Land der Väter, der Gebrauch der hebräischen Sprache und Kenntnis .ihrer Kultur, all das is' verloren aus seinem Judentume — nur der Kaddisch, das Toten gebet, das in den öden Synagogen be ahlte „Fromme" oder in Waisenhäusern dafür mit „Legaten" beschenkte Waisekinder murmeln und das „Maskir", das Freudenfeste in Trauerorgien umwände!' und durch öffentliche Verlesung der Namen „eingekaufter" Reiche; zur Blasphemie und durch den dabei entfalteten Prunk der Erschienenen zu einem wahren Korso des Mammons wird, nur diesezwei unjüdischen Reste, ein jüdisches „Rosenkranzein" und „Allerseelen", die sind geblieben. So sieht Ibrahim, der Sephardi, das westeuropäische modernisierte, religiöse Judentum in seiner ganzen nackten Erbärmlichkeil. Und mit knappen, stolzen Worten weist er auf die Sittenreinheh des morgenländischen Judentums, seine einfachen, würdiger Kultusformen, die uneigennützige Tätigkeit seiner Führer um¬ Lehrer, das eifrige Studium der jüdischen und arabischen Wissen schaft, in dem dort die Bildung ihren Ausdruck findet, auf du treue Liebe zur hebräischen Sprache und ihre sorgsame, klassisch', Übung, auf die werktätige Liebe des Einzelnen zu seinem Nächsten und die brüderliche Solidarität unter der Gesamtheit, auf die unver löschliche Liebe zur alten geheiligten Heimat des jüdischen Volkes. Das sind Kulturwerte, mit denen eine jüdische Zukunft positiv zu rechnen haben wird. -- Ibrahim ibu Abdallah, wie Professor Obermeyer gehen nich; den Ursachen all der schlimmen, von ihnen aufgedeckten Entartungserscheinungen der abendländischen Judenheit nach. Sie fühlen es sicher instinktiv, aber sie bringen es sich selbst nicht zur Klarheil, was das orientalische Judentum in zwar einfacher und unentwickelter, aber doch gewisser Schönheit erhalten, und was das abendländische in sich zersetzt hat: die Verschiedenheit des umgebenden Milieus Höhe der umgebenden Zivilisation bedeutet noch nicht Höhe dein ihm lebenden und webenden Judentums. Das Milieu muß dem Juden auch gemäß sein. Wann werden wir es uns schaffen? *» S-itft 75-81.