Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 32 DIE^ELT 13 die wegen des Helsingforser Programms einen Bruderkampf ins Judentum hineingetragen hatten, haben sich schließlich unserm Programm genähert. Obwohl wir Zionisten am wenigsten erwarten, daß unsere nationalen Forderungen im Golus erfüllt werden können, hätten wir doch die kleinste Zurückhaltung in der Ausübung des natürlichen Rechtes, das jede Nation in Hinsicht auf die Reichsveriretung hat, als die größte Beleidigung für unser Volk angesehen. Deswegen halten wir die Anerkennung der nationalen Rechte für die Juden, für eine unbedingte Notwendigkeit und Voraussetzung des Programms eines jüdischen Kandidaten oder Wahlmannes. Eine zweite unbedingte Forderung ist die Anerkennung der ddisch-nationalen Einheit nicht nur während aller Stadien der Wahlkampagne, sondern auch in der Duma selbst durch die Gründung einer jüdisch-parlamentarischen Gruppe, die einheitlich auf dem Gebiete der Judenfrage wirken soll. Wir kämpften für das Prinzip einer jüdisch-nationalen Gruppe mit dem Tage, wo Juden der Zutritt zu der Dumatribüne eröffnet v.'urde. Unsere Brüder in Galizien, die durch die Erfahrung eines hingen konstitutionellen Lebens gelehrt waren, kamen zum selben Schlüsse, und nach einem langen und schweren Kampf ist im österreichischen Reichsrat der „Jüdische Klub" geschaffen worden, — nie Stütze und die Hoffnung der Juden Galiziens und der Bukowina. Die jüdische Vertretung in der russischen Duma war bis heute .ne sehr wenig zweckentsprechende. Das beschämende Schweigen .icr drei Juden in der zweiten Duma hat eine Aufregung in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen. Aber dieses Schweigen war eine unvermeidliche Folge der falschen Taktik der i sten Abgeordneten, die nicht im Namen einer einheitlichen unippe auftraten, sondern zum alten falschen System Zuflucht ü ihmen, indem sie als Bittende und Suchende hinter und bei andern Parteien auftraten. Wir halten es für die Aufgabe der jetzigen Wahlkampagne, in; o dritte Duma würdige und mutige Vertreter des jüdischen Volkes bringen, wenn auch ihre Zahl eine kleine sein wird. Um die indischen Massen zur Zeit der Wahlen zu vereinigen, hat sich das Zentralkomitee der zionistischen Organisation die ganze Zeit bemüht, ( e Existenz des „Verbandes für jüdische Vollberechtigung" aufrecht - erhalten. Das ist aber bis jetzt nicht gelungen. Um aber auf den Fall den störenden Parteikampf der vergangenen Wahlkami 'gne mit ihren traurigen Episoden zu vermeiden, während welcher ' e jüdische Minderheit die Mehrheit unterdrückt hat, schlägt das Monistische Zentralkomitee vor, man möge sofort mit der Gründung Mi städtischen Komitees nach folgendem Modus beginnen: 1. Die vereinigten Komitees müssen nach Möglichkeit alle •ömungen und Gruppen repräsentieren, die im betreffendem Ort rhanden sind wobei die Komitees auf demokratische Grundlage vählt werden müssen oder sich durch die Vereinigung verschiedener tippen bilden sollen. 2. Wenn innerhalb der jüdischen Bevölkerung ein Streit betreffs verschiedener Kandidaten ausbricht, sind die Komitees verpflichtet den Willen der Wähler durch ein Plebiszit klarzustellen und denjenigen Kandidaten zu unterstützen, welcher die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt hat. Im Falle einer Stichwahl dienen die ersten Wahlen als Plebiszit. 3. Die Mitglieder dieser Komitees sind verpflichtet, sich dem Willen der Mehrheit zu unterordnen und dafür zu sorgen, da(3 die jüdischen Minderheiten sich nicht mit nichtjüdischen Elementen gegen die Mehrheit vereinigen sollen. Wir hoffen, daß die Komitees, welche auf dieser Grundlage gebildet sein werden, die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in sich vereinigen werden, zumal sie aus den traurigen Vorkommnissen der vergangenen Wahlkampagne genügend Erfahrung geschöpft hat, um jetzt mit Kraft gegen die antinationale Agitation derjenigen Gruppen aufzutreten, die im vorigen Jahre aus engherzigen Parteiinteressen die jüdischen Blocks gespalten haben. Außer der Bildung einer würdigen nationalen Vertretung in der Duma kann die Aufgabe der jetzigen Wahlkampagne darin bestehen, die Organisation der jüdischen Wahlmänner im ganzen Lande in der Form von ständigen Konferenzen jüdischer Wahlmänner zu schaffen. Bei der immer wachsenden Zersplitterung innerhalb der russischen Judenheit, die zu dem Zerfall der einzigen -umfassenden jüdischen Organisation des „Verbandes für Vollberechtigung" geführt hat, könnte eine solche Vereinigung von Wahlmännern dasjenige Kollegium bilden, das mit Recht auf Autorität bei den jüdischen Massen rechnen könnte. Solche Konferenzen der jüdischen Wahlmänner könnten eine große Bedeutung für die innere Organisation der russischen Juden gewinnen und dadurch allein uns für die * möglichen schlechten Erfolge der jüdischen Wahlen entschädigen. Zum Schluß möchten wir unsere Gesinnungsgenossen zur energischen Arbeit und zur strengen Disziplin ermahnen. Wir erinnern dabei an das Prinzip, das während der Helsingforser Konferenz zur Geltung kam, laut welchem die Zionisten verpflichtet sind, indem sie mit aller Energie das zionistische Programm verteidigen und die erwünschten Kandidaten unterstützen, vor allem die jüdische Einigkeit zu bewahren. Da die Änderungen des neuen Wahlgesetzes in vielen Hinsichten zu neuen taktischen Mitteln führen werden, wird das Zentralkomitee bei der weitern Entwicklung der Wahlkampagne weitere Instruktionen veröffentlichen, nach denen man wird handeln müssen. Vorläufig schlagen wir allen unsern Gesinnungsgenossen und allen Vereinen vor, einen energischen aktiven Anteil an der Wahlkampagnezunehmen und zur Gründung städtischer und Gouvernements- Wahlkomitees beizutragen. Das Zentralkoniitee der zionistischen Organisation RuI31ands! O l( □□□□□cT o o y r> FEUILLETON □ □□□□□ } Modernes Judentum im Morgen- und Abendland*) Von Israel Auerbach, Berlin Die mangelnde Einheit im Judentum, die Zerrissenheit seines »lkskörpers und die Atomisierung seiner geistigen Wesenheit ist mer als der Fluch unserer Lage von uns angesprochen worden, id doch kann es Gesichtspunkte geben, von denen aus betrachtet 't Segen in der Vielheit liegen mag. Ein solcher Gesichtspunkt i die Kritik. Ein in sich beschlossener harmonischer Organismus kommt aim zum Bewußtsein seiner Teile, seiner Abnormitäten niemals, er Selbstbeobachtung muß eine dualistische Selbstentfaltung in 'bjekt und Objekt vorausgehen; der Selbstkritik eine Distanzierung id eine gewisse Entfremdung der Wesensglieder. Erst wenn das ■"wen zum Außen wird, findet die Persönlichkeit Maß und iWeßraum i sich selbst. Die gesunde Wirkung der Kritik auf das Tempo der Aufwärtsewegung alles Kulturellen ist der Moderne eine selbstverständliche; 'kenntnis. Dies zugegeben, muß das Judentum in beneidenswerter 1 -age sein. Warum das doch nicht der Fall ist, und warum gerade '••ei uns die Kritik im argen liegt, ist ein Problem, einer eigenen *) Von Jacob Obermeyer. Wien und Leipzig 1907. Behandlung wert. Hier soll von einer Ausnahme, einer der tatsächlich günstigen, gesprochen werden. Sephardim und Aschkenasim sind eine merkwürdige Brüderschaft. Aus den gleichen väterlichen Lenden hervorgegangen, in gleichen Jugenderlebnissen herangereift, sind sie im Alter plötzlich räumlich getrennt, dadurch historisch geschieden, und so auch wesentlich, nach Typus, Charakter, Sprache und Kultusform auseinander geraten. Heute versteht der „Frank" den Aschkenasi nicht mehr. Und wäre nicht die Neubewegung des okzidentalen Juden zurück nach dem Osten, die sie im Erwerbsleben wieder einander nähert und besonders ihre Jugend durch gemeinsame Erziehung nivelliert, so wäre kaum eine Hoffnung mehr, aus diesem Golus-Doppelwesen noch einmal eine neujüdische Einheit zusammenzuschweißen. Bis auf weiteres freilich ist die Zweiteilung scharf wie je; der eine beobachtet den anderen erstaunt wie ein fremdes Wunder, einer den anderen scharf und kritisch, wie nur ein Feind. Wir von unserem westlichen Flügel her, den wir als den einzig zivilisierten zu betrachten pflegen, sind der allgemeinen Sünde des Abendlandes anheimgefallen, „von oben" auf den Orient herabzusehen. Für uns stolze Westler steht es einmal fest, daß da drunten alles sumpft und