Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ländern die Intelligenz und die liberalen Berufe ein Monopol der Christen sind, daß diese die geistige und mehr und mehr auch die pekuniäre und agrikole Herrschaft für sich in Besitz nehmen. Will man die Juden desMorgenlandes i n teile k tu eil und materiell heben und mit Griechen, Armeniern und Syriern konkurrenzfähig machen, so muß man zu demselben Mittel greifen, das diese anwenden: Fortbildungsbezw. Sekundär- und endlich Hochschulen." Die Grundsätze der erwähnten amerikanischen Colleges, die in 20 schweren Jahren gesucht und erarbeitet worden sind und die für sich die beste Verteidigungswaffe: den Erfolg! geschmiedet haben, habe ich in „Altneuland" No. 10 auf Grund der darüber in den „Preußischen Jahrbüchern" veröffentlichten Studien ausführlich besprochen. Ich kann jedoch nicht umhin, einige Sätze aus diesem Artikel hierher zu setzen, weil sie uns den ganzen Ernst unseres Themas andeuten können. Erstens: „Die Amerikaner, d. h. die vor allem maßgebenden Leiter des „Syrian Protestant College" in Beirut und des „Robert College" in Konstantinopel, meinen: in erster Linie solle man sich bemühen, aus den fatalistischen Völkern des Orients die besten Elemente^ herauszufinden, um ihnen durch gute S chule die westliche Kultur zu übermitteln. Zweitens: Aus dieser Elite (dieses Wort unterstreichen die Amerikaner) der Orientalen müsse man Pioniere machen. Zu diesem Zweck solle man sie in praktischen Dingen ausbilden: Man mache sie zu Ärzten und Apothekern, denn der Orient schreit nach Ärzten. Man mache sie zu Lehrern, denn die Schulen der Türkei haben Mangel an gebildeten orientalischen Kräften. Man mache sie zu Kennern der modernen Landwirtschaft, denn die fruchtbaren Äcker des Orients werden heute von Barbaren bestellt. Man mache sie vertraut mit Handel und Industrie, denn der Verkehr der Levante hat eine Zukunft." Dieses Netz amerikanischer Bildung ist vor sechs Jahren durch die Errichtung der School of Commerce als Abteilung des Syrian Protestant (!) College weiter gesponnen werden. Und die Folge: In allen Hauptplätzen des orientalischen riuidels sind ehemalige Schüler der Colleges zu püden, also Männer, die genau wissen, was der Orient braucht und ■\vas der Okzident liefern kann, und die den Amerikanern näher stehen als irgendeinem andern Kulturvolke . . . In der erwähnten Studie der „Preußischen Jahrbücher" heißt es Anleitend: Die wenigen, welche die Türkei wirklich kennen, versichern, daß diese darniederliegenden Länder sich einst zum blühenden Garten entfalten werden. Wer soll der Gärtner sein? Nun, wir Zionisten zumindest sind uns nicht im Zweifel darüber, wer hier der Gärtner sein soll. Wir wissen, daß es jetzt unsere welthistorische Aufgabe ist, für den Orient Vermittler der Kultur ■'.ii sein; die nötigen Modifikationen zu finden, um, wie sich Prof. War bürg ausdrückt, die Errungenschaften der westlichen Nationen an denen wir redlich mitgewirkt haben) dem Orient mundgerecht :u machen." Und um so ernster erscheint unsere kulturelle Mission, ,<e mehr wir die Verschiedenheit der hier angestrebten Ziele bedenken. Denn während die andern Völker im „nahen Osten" nichts weiter als die Erschließung noch eines Gebietes für ihre emporstrebende Industrie suchen, bedeutet für uns der palästinensische Länderkreis das „Ein und Alles", mit dem wir nun einmal dauernd verknüpft werden sollen. Und trotz alledem ist für die Realisierung unserer kulturellen Aufgaben in Palästina nur blutwenig geschehen, und auch die Gründung eines Gymnasiums in Palästina wäre noch lange Zeit ein frommer Wunsch geblieben und ad Calendas graecas hinausgeschoben worden, wenn nicht dieser Gedanke einen Vertreter gefunden hätte, der sich ihm in stiller Arbeit schon seit Jahren widmete. Es ist dies Herr Dr. Jehudah Metmann, der nach einer mehrjährigen pädagogischen Tätigkeit in Rußland die Berner Universität bezog, um sich für die eventuelle Gründung eines Gymnasiums in Palästina vorzubereiten. Nach beendigten Studien ging er gleich nach Palästina, übernahm zunächst einen Lehrerposten in dem nahe an Jaffa liegenden Rischon-le-Zion, um so die lokalen Verhältnisse studieren und für seine Idee im stillen werben zu können. Es fehlte auch nicht an Aufmunterungen ausländischer Zionisten und im Tischri 5666 (September 1905) konnte er bereits an die Verwirklichung seines Gedankens schreiten. Es fanden sich nämlich Eltern, die ihm ihre Kinder übergaben, um den Versuch der Gründung des Gymnasiums zu unternehmen. So wurde denn in stiller würdiger Weise das Gymnasium mit 14 Schülern eröffnet. Allmählich wuchs die Zahl der Schüler. Beim Schluß des ersten Jahres gab es bereits 47 Zöglinge. Dabei zeigte es sich gleich, daß es erforderlich sei, im Anschluß an das Gymnasium eine Elementarschule zu eröffnen, um so die Schüler direkt für den Gymnasialunterricht vorzubereiten. Das Programm des Gymnasiums erschien nach dem ersten halben Jahre und regte die im Auslände studierende Jugend dazu an, sich zum Teil für die Unterrichtserteilung an dem hiesigen Gymnasium vorzubereiten. Indessen ward es für Herrn Dr. Metniann begreiflicherweise immer schwerer, alle Angelegenheiten des Gymnasiums allein zu besorgen, und es war der Zeitpunkt gekommen, wo er das Institutder jüdischen Öffentlichkeit übergeben sollte. Es wurde daher der „Verein des hebräischen Gymnasiums in Palästina"' ins Leben gerufen, der das Gymnasium in Besitz und Verwaltung übernahm und zugleich für die materiellen Bedürfnisse der Schule — mit Ausschluß der Besoldung der Lehren die bloß vom Schulgeld bestritten wird — zu sorgen hat. Im Statut des Vereines heißt es: „Der Verein übernimmt die durch Herrn Dr. Metmann gegründete Schule „Hebräisches Gymnasium" in seinen Besitz, übernimmt deren Unterhaltung und verpflichtet sich, sie zu vervollkommnen nach Muster der europäischen Mittelschulen, unter Berücksichtigung der Ortsverhältnisse und der nationalen Forderungen." Mitglieder des Vereins sind hauptsächlich Eitern der Schüler und bildungsfreundliche Zionisten, von denen jeder den Gründerbeitrag von 250 Frs. gezeichnet und teilweise auch bereits voll eingezahlt hat. Nun hat das Gymnasium zwei Unterrichtsjahre hinter sich, zwei Jahre schwerer Mühe und unablässigen Ringens, aber auch steten Wachstums und sichtbaren Fortschreitens. Man kann getrost sagen: es wächst eine Schule mit ihren größeren Zielen. Im ersten Jahre wurden die drei Elementarstufen und die erste Klasse des Gymnasiums eröffnet, an denen 3 ständige Lehrer und 1 Hilfslehrer wirkten. Das Budget betrug 7500 Frs. Im zweiten Jahre wurde die zweite Klasse eröffnet- Es waren jetzt 4 ständige Lehrer und 5 Hilfslehrer tätig: Dr. Bogratschoff, Dr. Metmann, Harrari, Abunadir, Osermann, Mühhnann, Frl. Simchen, Fr. Metmann. Als Gymnasialarzt fungierte Frl. Dr. Beikind. Die Schülerzahl betrug 67. Das Budget betrug 13 000 Frs.*) Im Programm des Gymnasiums, das inzwischen in zweiter Auflage erschienen ist, sind die Unterrichtsgegenstände jedes Jahres sowie die Stundenzahl für jeden Gegenstand genau angegeben. Hier sei nur bloß darauf hingewiesen, daß in Anbetracht des Umstandes, daß im Lande überhaupt keine Mittelschule vorhanden ist, daß anderseits viele Schüler nicht in der Lage sind, das Gymnasium ganz zu absolvieren, ist es als geboten erschienen, den Lehrplan so einzurichten, daß in den 5 Klassen des Untergymnasiums mehr die realen, kommerziellen Verhältnisse berücksichtigt werden und der Lehrkursus etwa dem der Einjährig-Freiwilligen in Deutschland gleichkäme. Alte Sprachen, die für den Absolventen des Untergymnasiums nur von illusorischem Nutzen sein könnten, bleiben daher im Untergymnasium ausgeschaltet. Im Obergymnasium hingegen tritt eine Zweiteilung ein. In der einen Abteilung wird für die Universität, in der andern für den Besuch eines Polytechnikums vorgebildet. Selbstredend gibt es auch im Obergymnasium Unterrichtsgegenstände, in denen beide Abteilungen zusammen unterrichtet werden können. Arabisch wird im Unter- *) Für die nach den Ferien zu eröffnende dritte Gymna.sialklas.se ist bekanntlich Herr Dr. Ernst Müller aus Wien gewonnen worden.