Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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A.-C.-Mitglieder nötig? Ist diese Siebenzahl nur wegen ihres mystischen Wertes gewählt oder entspricht sie dem Bedürfnis der Partei? Ich würde meinen, wir hätten vier Hauptfragen, die das Programm des Zionismus erschöpfen: Palästina-Kolonisation, zu der auch die diplomatisch-politischen Aktionen (also äußere Politik) mitrechnet, da ohne Politik auch keine gedeihliche Kolonisation vor sich gehen kann, dann innerpolitische Fragen der Juden in den betreffenden Ländern, zu denen ich vor allem die Kulturfrage rechne — und schließlich die Finanzfrage (also Bank, Nationalfonds, Schekel usw.). Nehmen wir nun die „politique generale", d. h. die an kein bestimmtes Gebiet gebundene, und doch überall richtunggebende, alle verbindende Politik hinzu, dann haben wir vier Ressorts, von denen das letztgenannte das des Präsidenten des A. C. sein müßte. Auf diese Weise würde ein viergliedriges Aktionskomitee vollständig ausreichen, was nach vielen Richtungen vorteilhafter wäre. Man könnte mir einwenden, was es denn eigentlich schade, daß das A. C. ein siebengliedriges sei, fallen sie doch — so würden die „Materialisten" sagen — der Parteikasse nicht zur Last. Aber das ist es gerade. Was man an Extensität gewinnt, verliert an Intensivität! Und dann dürfen wir uns noch nicht den Luxus erlauben, Amateurpolitiker zu tfaben. Bei allen Gefahren, die die Berufspolitik in sich birgt, hat sie doch den Vorzug, daß sie Pflichten auferlegt. Ein besoldeter Politiker fühlt sich eo ipso bewogen zu arbeiten. Unter den jetzigen Umständen können wir ja nicht einmal über das A. C. streng zu Gericht sitzen. Arbeitet es doch nur der Sache zuliebe, nur „Fschem mizwa"! Wir müssen die Möglichkeit bekommen, ein Aktionskomitee zu haben, das nicht in den Höhen der Opferwilligkeit und der uneigennützigen Hingebung thronen würde. Um reale Politik zu treiben, müssen wir auch reale Mittel anwenden. Der Berufspolitiker ist kein beneidenswerter Mensch, aber er ist unentbehrlich. Der Amateurpolitiker aber ist oft durch die dicke Wand seiner Position, seines Berufes, seiner Gesellschaft, von der Not des jüdischen Volkes getrennt und oft gar nicht imstande, das Leben der Juden genau zu kennen. Manche kamen ja schon kraft ihrer Lebensumstände zu uns wie Frennie aus einer anderen Welt, die mit anderen Augen sehen und anders die Eindrücke aufnehmen als das Gros der Juden. Gewiß, : e widmen sich selbstlos der Volkssache — aber viel verlangen kann man, darf man von ihnen nicht. Utra posse nemo tenetur. U;:d gerade wir müssen von unserem Aktionskomitee eine fieberhafte, gewaltige Arbeit verlangen. Das Leben drängt uns. Wir müssen vorwärts, sonst bleiben wir hinter dem Leben zurück und vi - Heren jede Bedeutung. Ein Aktionskomitee darf nicht immer nach von anderen und oft gegen seinen Willen getaner Arbeit kommen — und sage*: „Es ist gut". Es muß auch „Nein" sagen können. Dann geschieh eines von den beiden. Das „Nein" wird befolgt oder das A. C. demissioniert. So verlangt es die Grundlage jeder Verfassung. D; > Prestige der Leitung muß behalten werden. Aber die erste Bedingung dafür ist, daß die Leitung auch immer den Verhältniss';i adäquat sei. Kann, um nur ein Beispiel zu wählen, das A. C. c! e Verantwortung für die innere Politik der Zionisten in Rußland übernehmen? Ist nicht ein innerer Widerspruch zwischen dem Prinzi ). das der „Brüsseler Konferenz" zugrunde lag und dem von „Helsin - fors"? Ich glaube, der Widerspruch besteht. Man wird sage:;: Die Hand, die gab, kann auch zurücknehmen, aber wo sind (k- Gründe dafür? Oder darf, um das Beispiel zu Ende zu bringe!, bei uns jede Landsmannschaft auf ihre eigene Faust handeln? Dann sind wir aber keine Volksbewegung, keine zukunftbildende Partei. Ich könnte meine Kritik noch weiter fortsetzen, aber ich glaubt* bereits zur Genüge bewiesen zu haben, daß die „Sache" und che „Personenfrage" aufs engste zusammenhängen. Einen neun Geist möchte ich die Partei beleben sehen — und als Statthalter dieses Geistes, Siegelbewahrer der großen Idee der jüdischen Renaissance eine „Aristokratie des Geistes". „Wir müssen mehr Weisheit haben, die uns regiere, wir müssen durch die Weisesten regiert werden, wir müssen eine Aristokratie des Talentes haben" . . . P. Almogy. DAS HEBRÄISCHE GYMNASIUM IN JAFFA*) Von Jehoschua Radler-Feldmann, Jaffa In den aufstrebenden, entwicklungsfähigen Elementen der palästinensischen Judenheit ist in den letzten Jahren immer mehr der Wunsch rege geworden, eine Schule zu schaffen, die neben einem gediegenen hebräisch-nationalen Unterricht auch die allgemeinen Kenntnisse eines europäischen Gymnasiums ihren Jünglingen vermitteln soll. Dieser Wunsch ist bei einer Bevölkerung von 75 000 bis 80 000 Seelen schon an sich ein natürlicher. Denn die landläufige Annahme, die in der palästinensischen Judenheit nichts weiter als eine kompakte Masse von Schnorrern, Chalukah-Nehmern und Augenverdrehern sieht, gehört längst in das Reich der Fabel. Schon der stets steigende Im- und Export, der doch zum guten Teil in jüdischen Händen ist, legt ein beredtes Zeugnis davon ab, daß sich ein frischer, reger Geist zu entfalten beginnt. Aber anderseits wird auch namentlich in Handelskreisen das Fehlen von gebildeten jüdischen Männern, die auch die Kenntnisse der Landesverhältnisse und -Sprachen besitzen, sehr empfindlich vermißt und bitter beklagt. Außerstande, in den europäischen Bildungsgehalt bis in seine Tiefen einzudringen und für die westlichen Errungenschaften die nötigen lokalen Modifikationen zu finden, hilft sich der Palästinenser mit jenem Dilettantismus, der, um mit Windelband zu reden, „von allem den Schaum abschöpft und den Gehalt liegen läßt". Dieser Dilettantismus ist komisch, wo er sich in geselligen Gesprächen breit macht; aber wo wir ihn als Signatur des öffentlichen und beruflichen Lebens wiederfinden, ist er tragisch. Man sah ein, daß es notwendig ist, die Halbbildung und den Dilettantismus durch eine bessere, tiefere Ausbildung zu bekämpfen. So waren viele Eltern in den Städten, besonders in dem voranschreitenden Mit Rücksicht darauf, daß sich der Kongreß voraussichtlich mit den Fragen der Erziehungsarbeit in Palästina eingehender beschäftigen wird, hielten wir es für angezeigt, noch vorher über das neue Lehrinstitut in Jaffa eine zusammenlassende Darstellung zu bringen. Wir möchten jedoch der Vollständigkeit halber nicht verfehlen zu bemerken, daß, bei aller Anerkennung der hingebungsvollen Arbeit der Begründer des Gymnasiums, von anderer Seite auch manche kritische Bedenken, insbesondere in Hinsicht auf die allgemeine Höhe des Unterrichts und den Lehrplan, laut wurden. Die Red. Jaffa, genötigt, ihre Kinder entweder in die Anstalten der Missen oder^ins Ausland zu schicken. Ebenso pflegen die wohlhabende Kolonisten ihre Söhne nach Beirut,. Konstantinopel oder ins Ausland zu senden. Die ins Ausland wandernde Jugend war abor meist für Palästina verloren und bedeutete einen schweren Ädert!) für das mit Mühe sich emporhebende Land, eine schmerzlich: Einbuße für die materielle und geistige Wiedergeburt der palästinensischen Judenheit. Es kam hinzu, daß mehrfach Leute w-n Besitz und Bildung, die nach Palästina übersiedeln wollten, letztni Endes durch das Fehlen einer Mittelschule, die ihre Kinder besuchen könnten, sich abhalten ließen. Eine statistische Erhebung der hiesigen Schulverhältnisse erg: daß in Jaffa 113 Familien 175 Kinder in irgendeine der hiesigen Schulen schicken und außerdem ihnen Privatunterricht geben lassen, für den sie monatlich 10 bis 15 Frcs. zahlen. Rechnete man no;i Eltern anderer palästinensischer Städte und der Kolonien hinzu, i! >.; ihre Kinder gern nach Jaffa in ein hebräisches Gymnasium schick, i würden, so hatte man ein stattliches Kontingent von Eltern, d; 1 materiell für die Kosten des Gymnasialunterrichts woM aufkommen könnten. Wie es sich später zeigte, war auch d;>. Annahme nicht unbegründet, daß selbst im Auslande wohnem Eltern ihre Kinder hierher ins Gymnasium schicken würden. Diese und ähnliche Gesichtspunkte sind auch oft in der jüdisci westeuropäischen Presse geäußert worden. Dr. H. Lö we hat mehrmals in beredten Worten auf die Schulverhältnisse in Palästina Aufmerksamkeit gelenkt und auf deren Vervollkommnung gedränc Prof. M. Philippsohn, der sich ebenfalls im Orient umgesehe» schrieb im Jahre 1905 wie folgt: „In Beirut haben sowohl d > Jesuiten wie die amerikanischen Protestanten je eine Universitär errichtet, an denen europäische und amerikanische Gelehrte doziere;: und die von zahlreichen orientalischen Christenjünglingen besucht werden. Die Folge dieser Einrichtungen ist, daß in allen diesen