Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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n'o. 32 irdischen Organisationen und Einzelpersonen in Verbindungen zu ceten, sie zum Mitschaffen heranzuziehen und soweit als möglich ii:re Schöpfungen, Mittel und Einfluß unserer Idee dienstbar zu ii achen, wird in einem gewissen Sinne als unmittelbare Agitation ii v:ht zum Zionismus, sondern zu dem Ziele unserer Palästinah, strebungen angesehen. Unscheinbarerweise kann so die Sphäre des zionistischen Einflusses noch bedeutend vergrößert werden. Bald wird die Diskussion zahlloser Einzelner zur Diskussion des Kongresses werden! Möge aus tiefstem Wissen und Wägen, aus feinstem Verständnis der gegenseitigen Meinungen, aus den sich durchsetzenden Gedanken der Berufenen und den Beschlüssen der Vertretung unseres Volkes ein segensreiches Schaffen werden! ZUM ACHTEN KONGRESS III. Als ich im vorigen Artikel (vgl. „Welt" Nr. 28) von der „Sache" i ach im Gegensatz zur Frage der „Person", so wollte ich nicht;< verstanden sein, als ob die Personenfrage eine nebensächliche i; 1 unbedeutende wäre. Nichteinen Gegensatz zwischen „Person" r,l „Sache" wollte ich konstruieren, sondern den inneren Zusatnr; nhang, der uns verloren gegangen zu sein scheint, wiederher- M,:ien. Gerade weil ich nicht an die immanente Notwendigkeit Idee glaube, gerade weil ich überzeugt bin, daß das ganze pseudoa -senschaftliche Gerede vom „Prozesse der jüdischen Wirklichkeit", l i der „Entwicklung aus den Prämissen" usw., das zum Rüsta ig unserer politischen Dialektiker gehört, eben ein Gerede sei, ade weil ich, ich möchte fast sagen, politischer Voluntarist bin, ist für mich die Personenfrage eine sehr wichtige. Personen m d Ideen in Wirklichkeit umgesetzt, gewordener Wille Sie ver- ■:: <i;en das rollende Rad manchmal aufzuhalten, manchmal sogar h einer neuen Richtung zu lenken. Ungeeignete Personen t>e- :,,en Fehler, die ihrerseits zu Faktoren der Entwicklung werden.;. ■ oft sagen wir uns: „Hätte diese oder jene geschichtliche!' -sönlichkeit nicht diesen oder jenen Schritt getan, die Geschichte ■■'le einen anderen Lauf genommen!" Ich möchte hier einige Worte des alten Donnerers Carlyle zitieren, : meinen Gedanken anstatt meiner ausdrücken sollen: „Wenn i i elend ist, was tut man da :;uerst? Beklagt man sich über .i sen oder jenen Menschen, über diese oder jene Sache? — Durchgeht, gerade das Gegenteil. Alle Moralisten raten, nicht Menden, noch Dinge, sondern sich selbst anzuklagen. Der Unglücki e soll die Wahrheit erkennen, daß er unglücklich deshalb ist,!1 er — und nur er — unklug gehandelt hat . . . Nicht anders it es im Grunde um Völker. . . Den alten Anführern der Völker, i pheten, Priestern oder wie sie heißen mögen, war dieses wohl aißt, und ziemlich weit herunter bis gegen unsere Zeit lehrten es und schärften es ein . . . Wenn ein Land im Elend ist,; ist dieses Land sicherlich irregeleitet worden ... Wir müssen iu-'ir Weisheit haben, die uns regiere, wir müssen durch die Wei- - ien regiert werden, wir müssen eine Aristokratie des Talentes Ii. ien" . . . Bs war immer die typische Eigenschaft der Propheten, über j!i Leitung der Gemeinschaft zu klagen, weil sie ihr Ideal immer er setzten, immer weiter steckten, weil die Leitung immer das <; nentan obsiegende Prinzip verkörpert, die Propheten aber das sahen, weil jede Leitung einen Kompromiß eingehen muß, die i pheten die absolute Forderung aufstellen. Man darf der proi '.'iischen Geschichtsphilosophie nicht allzusehr trauen. Und ich "de den oben zitierten Satz Carlyles: „wenn ein Land im Elend so ist dieses Land sicherlich irregeleitet worden" nicht bedingslos unterschreiben. Aber ein Stück tiefe Weisheit liegt darin. - weiß, wie es mit dem jüdischen Volke jetzt bestellt wäre, ■ii seine Leiter und Lenker die geschichtlichen Ereignisse rich-; r bewertet, besser beurteilt hätten. Wer weiß, ob wir nicht Mii jetzt ein freies Volk wären, wenn nicht der orientalische ' ilismus uns geleitet hätte. Und vielleicht hätten wir einen ganz oren Platz in der Weltgeschichte erobert, wenn die „Leuchten Diaspora" die Zusammenhänge unserer Kultur mit der Weltair besser begriffen und das jüdische Volk nicht so sehr isoliert, sehr erstarren lassen hätten. Aber lassen wir diese „Vielleicht- : 'iosophie" für ein anderes Mal. Was von einem Lande nur be- ■4 gelten kann, gilt mit größerer Gewißheit von einer Partei, 'menschliche Wille und die menschlichen Fähigkeiten reichen für das Ganze aus, gehen auf einen Teil aus und umfassen auch i einen Teil. Aber eine Partei ist auch kein Ganzes. Es ist tSn ein Teil, aus dem Ganzen herausgegriffen, noch nicht in sich schlössen. Und gerade deshalb bedeutet die Person für die : " tei so unendlich viel. Ich möchte das Carlylesche Wort urn- J'igen und sagen: „Wenn eine Partei im Elend ist, so ist diese utei sicherlich irregeleitet worden." Irregeleitet heißt nicht veritet, sondern nur irr, wirr, schlecht geleitet. Wo die Leitung :^in festes, starkes Prinzip hat, wo die Leitung nicht in den Händen der „Aristokratie des Talents" ruht, da kann man nichts Gutes erwarten. Leitende Persönlichkeiten müssen nicht „Aristrokraten des Geistes" sein, sie müssen nicht große Denker und originelle Köpfe sein. Aber sie müssen eben „Talente" sein, stark nach irgendeiner Richtung, machtvoll, individuell, — ausgeprägt. Die zionistische Partei hatte einen solchen Leiter in der Person Herzls. Man mag seine Persönlichkeit bewerten wie man will, er war eine Persönlichkeit. Ich glaube, jemand hat ihn den ersten jüdischen Staatsmann genannt. Ich habe die Empfindung, daß diese Charakterisierung unrichtig ist und dem Wesen Herzls absolut nicht entspricht. Wenn man unter „Staatsmann" einen „Mann des Staates", den ruhig überlegenden, weitausblickenden, alles erwägenden, Energien sammelnden Mann versteht, so war Herzl kein Staatsmann. Er war ein Baumeister Solneß, der ganz allein — und niemand außer ihm — auf den von ihm geschaffenen Turm steigt, dessen Gipfel sein Ende ist. Latente Energien sammeln, verborgene Kräfte fördern, eine „Aristokratie des Talentes" innerhalb des Zionismus schaffen, — das ist Herzl noch nicht geglückt. Ein für den Bestand seines Geschlechtes, für das Gedeihen seines Hauses vorsorgender Vater erzieht sich seine Erben, die Fortsetzer seines Werks. Herzl war durch seinen allzujähen Tod verhindert, diese Erziehungsarbeit zu leisten. Und als er starb, da mußte der die ganze Partei beseelende Geist entweder übertragen oder aufgeteilt werden. Und da sich der „Geist" nicht übertragen läßt, so mußte die zweite Eventualität eintreten. Aber eine Persönlichkeit kann man nur „verteilen", wenn man ihre „Funktionen" verteilt. Was Herzl in einer einzelnen Person vereinte, mu(3te jetzt durch ein Kollegium ersetzt werden. Das war auch der Grundsatz, von dem sich der VII. Kongreß bei seiner Wahl des engeren A. C. leiten ließ. Aber dabei wurde ein Fehler begangen. Die Verteilung ging nur numerisch, nicht funktionell vor sich, d. h., jedes von den Mitgliedern des engeren A. C. war nicht als ein Teil der Leitung, sondern gewissermaßen als die Leitung gedacht. Oder, um mich genauer auszudrücken, man hat nicht ein Kabinett gewählt, mit „Ressort-Chefs", wobei jedem Kabinettsmitglied ein bestimmtes Fach, in dem er der tüchtigste von allen ist und am besten Bescheid weiß, zugeteilt wurde, sondern ein Kabinett aus lauter „Ministerpräsidenten". Auf diese Weise ist es auch möglich geworden, daß alle sieben Mitglieder des A. C. fast in sieben verschiedenen, voneinander sehr entfernten Ländern wohnen — was ein politisches Unding ist Demselben künstlichen System ist es auch zuzuschreiben, wenn das Zentrum der Bewegung nicht in einem weltpolitischen Zentruni, sondern in einen für unsere Ziele unbedeutenden, vom Kontakt mit der jüdischen Öffentlichkeit abgeschnittenen Ort gelegt wurde. Manch Unentwegter unter uns wird mir sagen: „Ach, das sind ja Kleinigkeiten! Ist doch die ganze zionistische Arbeit hier nur ein Sprungbrett, eine „Vorhalle" für die künftige Arbeit in Palästina". Darauf möchte ich die Antwort geben, die einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit einer meiner Bekannten erteilte. Dieser klagte nämlich einmal sehr bitter über seine schlimme Lage. Da erwiderte ihm ein anderer: „Wozu sich grämen und Sorgen machen. Denk' dir, die Welt ist ein großes Krankenhaus. Im Saal drinnen sitzt der große Arzt und heilt alle Kranken und Beladenen. Und im Vorzimmer sitzen und warten die Kranken. Wer wird da verlangen, daß das Vorzimmer bequem und wohl eingerichtet sei. Wenn nur der Arzt dich heilen wird. Und das Leben ist ja ein Vorzimmer". — „Ja", sagte mein Bekannter, „du hast vielleicht recht, aber, weißt du, wenn ich schon im Vorzimmer warten muß, so will ich wenigstens in einem weichen Lehnstuhl sitzen" . . . Und sollte auch unsere ganze zionistische Tätigkeit allhier — ich gebe diesen Gedanken m it gewisser Einschränkung zu — nur eine Vorhalle sein, der Lehnstuhl soll wenigstens bequem sein .... Was wir auf dem VII. Kongreß versäumten, können wir jetzt nachholen. Das A. C. muß unbedingt reorganisiert werden — und zwar schon im Prinzip. Anstatt einer numerischen Einteilung eine qualitative, der wirklichen Notwendigkeit entsprechende, ressortmäßige. An Stelle eines Direktoriums ein Kabinett Ich möchte z, B. eine Frage vorlegen: Wozu sind sieben