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Die Welt · 1907-08-09 · 32 (9.8.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIBBELT No. M scheint es die Aufgabe des Kongresses zu sein, das Mannigfaltige, Geschiedene, ja selbst manches Zerfahrene von einer Einheitsstimmung aus zu umfassen und die einheitliche Direktive der tausendfältigen täglichen Arbeit zu geben. Eine gewisse Einheitsstimmung der Zeit wird dadurch bezeichnet, daß man hie und da von einer Art Palästinakongreß spricht —- das will sagen, daß diesmal nicht die indirekte Methode, der Weg zum Wege, sondern der Weg selbst im Vordergrunde des Interesses steht. Die beschleunigte Palästinaeinwanderung der letzten Jahre, die eigenartige Entwicklung der Verhältnisse in Palästina, für welche das gesteigerte Vordringen aller kolonisierenden Mächte und jüdischerseits noch eine gewisse Mischung von Trägheit und Überhastung charakteristisch zu sein scheinen, stellen uns vor neue entscheidende Aufgaben. Freilich kann gerade eines* nicht Sache der zionistischen, nicht Sache einer Organisation überhaupt sein: die natürliche Entwicklung, — denn würde es in Palästina nicht endlich ein Wachstum des Lebens von innen her geben, durch Kräfte, welche selbst organisiert werden müssen, dann wäre sowohl das idealste Streben als auch die praktischste Betätigung von außen her ziellos. In jenen Grenzen aber, in welchen wir zugleich fördern und selbst arbeiten, reale Schöpfungen mit idealem Inhalt beseelen und idealem Streben reelle Mittel schaffen können — kann die Lenkung der Entwicklung auch durch unseren Willen mitbestimmt sein. Vielleicht werden gerade in den nächsten Zeiträumen die prinzipiellen Fragen nicht des jüdischen Nationalismus, nicht der Volks- und nicht der Palästinanotwendigkeit, sondern die der realen Palästina- und der Volksmöglichkeiten in den Vordergrund des zionistischen Bewußtseins treten müssen. Das würde eine grundlegende Vertiefung bedeuten, wenn auch deren zeitliche Tragweite noch nicht übersehen werden kann. Aber auch die praktischen Notwendigkeiten drängen von allen Seiten nach prinzipieller und organisatorischer Vereinheitlichung. Die weitere Entwicklung der Kolonien und die weitere Kolonisation wird sich nicht neben uns vollziehen. Wenn allerdings die Einzelinitiativeein wichtiger Faktor der Kolonisation ist, so wird anderseits unsere Organisation durch Stützung des Bestehenden und Werdenden allmählich unmittelbaren Einfluß auf die Entwicklung gewinnen und dort wirtschaftlich und sozial überhaupt zu vereinheitlichen trachten, wo Zersplitterung Energieverlust und das Umsichgreifen zerstörender Tendenzen nach sich zöge. Soll aber die zionistische Partei überhaupt praktisch eingreifen können, dann muß der Weg, einen Teil seiner Arbeitspläne nach Palästina zu verlegen, noch entschiedener und einheitlicher fortgesetzt werden. Vielleicht sollte die Palästinakommission nur den Mittelpunkt bilden einer größeren speziellen Palästinaorganisation, die weniger durch Direktiven von außen her, als durch stete Berührung mit allen Tatsachen und Faktoren der Entwicklung die Brücke bilden würde zwischen unserer noch ziemlich unpalästinensischen Organisation und dem mangelhaft organisierten palästinensischen Leben. Worauf es vor allem ankommt, das ist die Aufsuchung, Erforschung und Ausnützung aller fördernden Wirklichkeiten und Möglichkeiten nicht nur technischer, sondern auch wirtschaftlicher und im weitesten Sinne sozialer Natur, die Beherrschung des Emigrations- und Immigrationsproblems, soweit Palästina in Betracht kommt, die Detaillierung der Statistik und Information, die Übersicht über jede neue Gründung und die Methode jeder neuen wirtschaftlichen oder kulturellen Gründung. So werden sich auch scheinbar rein theoretische Untergründe der sozialen Entwicklung der Diskussion nicht gänzlich entziehen können. Auch das spezifische Problem des Sozialismus gehört hieher, und es wird zu einer gewissen prinzipiellen Klarheit gebracht werden müssen, noch ehe die Meinungsgegensätze proletarischer und bürgerlicher Richtungen es von seiner ungeheuren Bedeutung für die Umerziehung des Volkes und die Umgestaltung seiner Lebensbedingungen gerade auf einen künstlichen dogmatischen Gegensatz ablenken können. Denn es wird sich darum handeln, ob der Klassenkampf, so wie, er implizite unser industriales Wirtschaftssystem voraussetzt, o-Jer die harmonische Umgestaltung unseres Volkslebens in gesunde* n in sich geschlosseneren, wenn auch primitiveren wirtschaftlich t, Bedingungen, unser soziales Grundproblem bedeutet. Diese Fn;e hängt aber mit manchen grundlegenden Dilemmen zusammen - >b agrarische oder halbindustrielle Siedlung, ob unternehmerische o ei genossenschaftliche Siedlungsform, ob kolonisatorischer Ausbau inner dem Zeichen der Groß- oder Kleinkolonisation — ebenso mit e-n technischen Fragen der für das Volkswohl gedeihlichsten Bod iausnutzung und mit den physischen und moralischen Eignuiu n der Einwanderer. Möge es der Ernst dieser Notwendigkeiten : :it sich bringen, daß innerhalb der Grenzen freier natürlicher Hntwicklung ein gewisses Minimum prinzipieller Einigung geschafk-n werde, welches vor allem für die Unternehmungen der 1 in zionistischen Institutionen, aber auch für die zionistische Mitarbeit an allgemeinen jüdischen Palästinaunternehmungen und für k,le individuell-zionistische Aktion richtunggebend wäre! Vielleicht wird auch das politische Problem des Zionismus, kr welches neue Werte und eine neue Form gesucht werden, in enge.vn Konnex mit der faktischen Entwicklung treten. Nicht mehr um die ausschließliche Vorarbeit für umfassende Zukunftsbedingungen haiuklt es sich, sondern um die stete Sicherung des Werdenden — und Hand in Hand damit darum, das öffentliche Völkerbewußtsein kr die Beseitigung jener Schranken zu interessieren, welche ein heimatloses Volk hindern, seine alte Heimat selbst mit dem Pfluge kr Arbeit zu erobern. Außer rein sachlichen Fragen wird auch das Parteileben selbst einige Rückschau erheischen. Auf vielen Punkten wird ein Hinströmen jüngerer Kräfte, vor allem eine richtigere Benützung «kr vorhandenen Energien einsetzen müssen. Allmählich muß auch zionistische Arbeit etwas mehr bedeuten, als sie dem grolkn Teil der Anhängerschaft annoch bedeutet. Die einfache Überlegne über das ungeheure Mißverhältnis zwischen dem zu Leistend n und der vorhandenen materiellen, gar der sonstigen aktiven Teilnahme der Zionisten muß allenthalben ein ernstes Verantwoiilichkeitsgefühl wecken. Mag es vielleicht in der Entwickln der Zeit liegen, — in dem Vordringen des reinen Palästinaproble> i> und in dem Weitergreifen eines gewissen nichtzionistischen Nat - nalismus, — daß zwischen zionistischer und nationaler Arbeit, a;; derseits zwischen Arbeits- und Syrnpathiezionisten ein größei r sachlicher Gegensatz sich herausbildet, -— vielleicht müßte in / kunft von den zionistischen Organisationsgruppen ein größeres M;k wirklicher Arbeit gefordert werden. All dies ist bedingt durch d; . was man als „innere Agitation" bezeichnen könnte, - ein Mehr n innerer Aufklärung, Gewinnung der Gewonnenen, Mitarbeit uk dreimal Mitarbeit! Daß man dabei auch der Erziehung der Jugei J. der werbenden Kraft kultureller Interessen nicht vergesse, die nu k nur Agitationsmittel, sondern geistige Richtungen der Agitation bilden sollten! Notwendig wären auch tiefergehende, objektksachliche und zugleich volkstümliche Aufklärungsschriften! Unter den Parteifragen wird gewiß auch die der „inner, n Politik" ihre Erörterung finden. Da die Bewegung aus äußer n Bedingungen spontan erwachsen ist, so wird unabhängig von Erfc u und Mißerfolg eine Verständigung darüber platzgreifen, ob dk Bewegung, die zweifellos ein Agitations- und Erziehungsmittel zi. Nationalismus darstellt, auch immer die Grenzen wahrt, welc zwischen zwei Fragen bestehen und nicht vielmehr dem außen, n Scheine des Zionismus Energien beider Richtungen zum Opi bringen könnte. Handelt es sich hier nicht um eine allgemein Judentumsfrage, innnerhalb deren die zionistische Organisation nur einen, wenn auch einen entscheidenden Faktor darstellt? Von einer anderen Seite hat das Übergreifen der zionistischui Arbeit über die Grenzen der Partei eine auf Palästina gerichtet Bedeutung. Mit allen an der Palästinabesiedlung interessiert n

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