Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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PRESSESTIMMEN ZUM ACHTEN KONGRESS Im „Joodsche Wächter", dem Organ der holländischen Zionisten, schreibt Isidore Hen u. a. folgendes: Man hat den bevorstehenden Kongreß einen Arbeitskongreß genannt. Darin liege eine Unterschätzung der früheren Kongresse, Von denen jeder ein bestimmtes praktisches Resultat von größerer Bedeutung gebracht habe, und eine Überschätzung unserer gegenwärtigen Leistungskraft. Man erwarte vom Kongreß diesmal ein nichtprinzipielles Werk. Aber Verfasser ist nicht der Meinung, daß der achte Kongreß eine stille, einfache „Ja-und Amen-Sage-"Versammlung darstellen werde. Gewiß: eine belangreiche antipalästinensische Strömung sei nicht zu gewärtigen. Fast alle Landsmannschaften haben sich bereits vorher für praktische Palästinarbeit ausgesprochen. Und wenn Mitglieder der Leitung von Unternehmungen der Bank usw. in Palästina momentan abrieten, so geschähe das nicht eigentlich aus prinzipiellen Gründen, Es wäre daher sehr verwunderlich, wenn sich der „versteinerte Charterismus" noch durch eine ernstlich in Betracht zu ziehende Minorität vertreten zeigen sollte. Die Befürchtungen des Verfassers sind anderer Art: Die vorgesehene Organisations-Debatte mit ihren unvermeidlichen Amendementsdiskussionen und dem Hervorfluten verschiedener Strömungen könnten — ganz abgesehen von dem Ballast des Vielsprachlichen --- einen „Statutenkongreß" zeitigen, — und das wäre eine unangenehme und lästige Sache. Dann könnten vielleicht auch die einzelnen Landsmannschaften, wenn auch nicht mit prinzipiellen, so mit praktischen Vorschlägen kommen, die sich der Beurteilung des Kongresses entziehen. Österreich z.B. wolle dasOppenheimersche Siedlungsprojekt vorbringen. Verfasser will nicht darüber sprechen, ob das geplante Unternehmen auf Erfahrung basiere oder einem prinzipiellen Versuch darstelle. Aber was alles sei zur Beurteilung des Planes nötig! Kenntnis 'der landwirtschaftlichen und der speziellen palästinensisch-agrikulturellen Verhältnisse, der Rechtslage in Palästina, volkswirtschaftliches Wissen, kaufmännischer Verstand, um Praktisches von Utopischem zu scheiden. Dazu seien natürlich Vorstudien zu machen. Aber wer habe dazu Zeit? Soll man sich nicht ängstlich hüten, seine Stimme in die Wagschale zu werfen, wo jede mißglückte Unternehmung in Palästina uns meilenweit zurückwirft auf dem Wege, Palästina wirtschaftlich zu erobern und damit die politische Gewinnung zu ermöglichen. Amerika würde kommen mit dem Vorschlag, das Geld des Nationalfonds für landwirtschaftlichen Kredit zu verwenden. Auch hier seien, wenn man nicht nur „ein großes Wort gelassen aussprechen wolle", nur die befugt mitzureden, die über eine Fülle einschlägiger juristischer, finanzieller und volkswirtschaftlicher Kenntnisse verfügten. Diese und ähnliche Fragen, die die Landsmannschaften vorzubringen gedächten, gehörten vor ein Parlament, das die Möglichkeit der Spezfalstudien habe. Der Kongreß sei kein solches Parlament. Er könne nur prinzipielle Direktiven geben, die Ausführung solle dem Aktionskomitee übertragen werden. Resultate werden auch jetzt erreicht werden. Ob sie aber vielen allzuhochgespannten Erwartungen genügen werden, wer könne das sagen? Es genüge, wenn die Leitung das Vertrauen habe und daß wir alle wissen, daß sie an der Wiederaufrichtung Palästinas arbeiten werden. Auf eine solche Leitung vertrauend, können wir frohen Mutes dem Kongresse entgegengehen. Das Organ der österreichischen Zionisten, die „Jüdische Zeitung", schreibt in einem Kongreßartikel u. a.: „ . . . . Der kommende Kongreß wird dieser Arbeit gewidmet sein. Er wird ein j\rbeitskongreß im vollsten Sinne des Wortes sein. Neues und Überraschendes kann er nicht bringen. Denn die zionistische Entwicklung erfolgt nicht sprunghaft, sondern organisch. Der Kongreß kann keine Strömung „schaffen", er ist nur das Kampffeld der vorhandenen Meinungen und Parteien. Diese wiederum sind das Produkt der Entwicklung des Volkes und der Partei. Der achte Kongreß wird nun einiges Neue vorfinden. Seit dem siebenten hat sich bei der überwiegenden Mehrzahl der Zionisten die Auffassung betreffs der Mittel, die zum Ziele führen sollen, gegen die früher herrschende bedeutend geändert. Einerseits wird gegenüber der rein diplomatischen Aktion, dem Charterismus, Notwendigkeit und Wert einer von politischen Gesichtspunkten aus geleiteten praktischen Arbeit in Palästina immer mehr erkannt, anderseits hat sich immer mehr die Überzeugung. verbreitet, daß ohne Nationalisierung der Massen auf dem Wege realer, ja selbst innerpolitischer Tagesarbeit kein Vorwärtskommen möglich ist. Der Kongreß wird sich vorwiegend mit dem Programm für praktische Palästinaarbeit zu beschäftigen haben. Da die einzelnen Landmannschaften auf ihren Parteitagen so ziemlich gleiche Beschlüsse gefaßt haben, ist ein Kampf um die hauptsächlichsten Forderungen kaum zu gewärtigen. Die „Nur-Politiker" und „Reinen Charteristen" bilden nur mehr ein kleines Häuflein. Bezüglich der Frage der innerpolitischen Betätigung der Zionisten ist zu erwarten, daß der Kongreß es ablehnen wird, allgemeine Direktiven zu geben, sondern dies den einzelnen Föderationen überlassen wird. Die soziale Frage wird durch das Erscheinen einer starken Gruppe zionistischer Sozialisten (hauptsächlich Poale Zion) aufgerollt werden. Der Kampf wird sich wohl vornehmlich um die Siedlungsgenossenschaft drehen, weshalb wrir dieser Frage in unserem Blatte die eingehendste Erörterung widmen. Es ist auch möglich, daß die extrem marxistischen Anschauungen der russischen Poale Zion zu Reibungen führen werden. Jedenfalls werden die österreichischen Delegierten wohl daran tun, dem Parteitagsbeschluß gemäß das Projekt Oppenheimers zu unterstützen. Die Organisationsfrage wird den achten Kongreß kaum beschäftigen. Haften auch unserer Organisation viele Mängel an, so ist es doch besser, nicht wieder eine kleine Flickarbeit zu leisten, sondern die Frage einem späteren Kongreß vorzubehalten. Ein zwingender Grund zur Änderung liegt nicht vor, und die gemachten Vorschläge sind alle noch nicht genügend durchdacht und gereift. Was die Wahl der Leitung betrifft, so werden die Delegierten sich wohl auf den Standpunkt stellen, den der innerösterreichische Distriktstag eingenommen hat, daß es nicht wünschenswert ist, Personen von diametral entgegengesetzten Anschauungen ins engere A.-K. zu wählen. Die Leitung muß eine einheitliche und damit auch eine feste sein. Die Frage des Territorialismus, welche auf den letzten zwei Kongressen die Gemüter bis zur Siedehitze erregte, wird am achten Kongreß keine Rolle spielen. Ein Beweis, wie weise die Entscheidung des siebenten Kongreßes war. Der Territorialismus, den man als eine Art oder Abart des Zionismus angesehen hatte, hat inzwischen, seit er selbständig geworden ist, aller Welt geoffenbart, daß er nichts ist als eine Wohlfahrtsbestrebung, die man gutheißen kann oder nicht, die aber gar nichts mit dem nationalen Gehalt und den politischen Zielen des Zionismus zu tun hat Der achte Kongreß hat eine Fülle schwieriger Aufgaben zu lösen. Wir wünschen und hoffen, daß seine Beratungen und seine Haltung den Worten entsprechen, die unser großer Führer am ersten Kongresse gesprochen: „Unser Kongreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, niemandem zum Trutz, allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon fern, aber unvergänglich ist!" Im Anschlüsse an eine Abhandlung Dr. Franz Oppenheimers über „Genossenschaftliche Kolonisation von Juden in Palästina" schreibt S. Kaplanski-Kaplan im „Jüdischen Arbeiter", dein Organ der Österreichischen Poale Zion, u. a. folgendes; „ . . Es kann keine gesunde Kolonisationspolitik sein, wenn man nur die palästinensischen Städte mit Juden anfüllt, auf dem Lande aber im besten Falle nur eine Kategorie von Großgrundbesitzern schafft. Es kann auch nicht den Zweck einer gesunden proletarischen Politik sein, es geschehen zu lassen, daß zionistischerseits Mittel gesucht werden, um eine Klasse von Zwergbauern heranzuzüchten, die von ihrem Boden allein nicht leben können und darum noch arbeiten müssen auf dem Boden irgendeines benachbarten Großgrundbesitzers. (Vgl. den Artikel D;\ Heinrich Loewes über Agudath Nethaim.) Wir können schon eine sozialistische Politik fuhren. Wir können verlangen, daß der Boden des Nationalfonds an Genossenschaften jüdischer Arbeiter in ewige Pacht vergeben werde. Die höhere Form des landwirtschaftlichen Betriebes, die sozialistischen, bringt die Erdarbeit den modernen Produktionsarten näher, an die wir gewöhnt sind, und macht den Übergang vom „Schwitz"-Arbeiter zum proletarischen Landarbeiter möglich . . . ." In seiner Fortsetzung der „Kongreßprobleme" in „Jewrejskaja Mysl" beschäftigt sich M. Ussischkin auch mit dem Nationalfonds. Er schreibt u. a.: Am meisten unklar ist noch die Frage der Beteiligung der Gelder des Nationalfonds an der Arbeit in Palästina. Man behauptet, daß der Fonds unantastbar bleiben muß, bis er viele Millionen gesammelt haben wird. Dabei wird aber außer Acht gelassen, daß die Einkünfte des Nitionalfonds fast eine konstante Größe ■— 120000 Rubel jährlich — erreicht haben und sich für die Zukunft zweifellos vermindern werden, da sich auch andere zionistische Unternehmungen in Palästina entwickeln werden, die dann die Besteuerungen für den Nationalfonds schmälern dürften. Auf diese Weise wird man noch Jahrzehnte warten müssen, bis der Nationalfonds