Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 31 DIB ELT 21 tun? Fragen Sie ihn selbst, und er wird dagegen protestieren! Er hat's mir einmal gesagt, als ich ihn in seinem Atelier im Haag aufsuchte: „Ich bin kein jüdischer Maler" — sagte er mir, „ich bin ein holländischer Künstler ... Ich male auch Juden — ja, weil ich interessante, schöne, malerische Typen unter ihnen finde.. Rembrandt hat auch Juden gemalt".. . Und wenn Sie dieses kleine; alte „Judehe" in diesem Augenblicke gesehen hätten, wenn Sie ihn nicht als* Einzelerscheinung, sondern im Zusammenhange mit der ganzen holländischen Kunst genommen hätten, Sie hätten sich sagen müssen, daß er recht hat. Er ist ein holländischer Künstler, weil er die Technik der Holländer, die Stimmung der Holländer hat. Um so mehr Max Liebermann. Was ist an diesem jüdisch? Er ist nicht deutsch, das ist wahr. Keine Spur von Idealismus, von Sentimentalität. Er hat nicht das Große der deutschen Künstler — ihre himnielragenden Träume, ihre wunderbaren Konzeptionen, ihr tiefes Lebenspathos. Er schafft keine Ewigkeitswerte. Und darum glaube ich, wird er kaum unter den größten deutschen Künstlern Platz finden — als Ebenbürtiger, als Weiterentwickler, Aber er ist auch nicht Jude. Was ist Jüdisches an ihm? Wo sind die Momente der jüdischen „Seele" in seinem Schaffen? Und bevor Sie mir eine Antwort auf diese Frage geben — und ich weiß, um Antworten sind Sie ja nicht verlegen, — frage ich weiter: Was ist diese jüdische Seele? Worin äußert sie sich, was ist ihre Formel? Schauen Sie sich einmal die Bilder von Liebermann, Israels, Ury, Pissaro, Lewithan an, — ich greife nur zufällig diesen oder jenen Namen heraus — und sagen Sie mir — aber sans phrase — was ist ihnen gemeinsam? Wie können Sie für den Impressionisten Pissaro, den Maler der „roten Dächer", des „verregneten Brügge" und die Lewithanschen Landschaften eine gemeinsame Formel finden? Bildende Kunst ist ja nichts Losgebundenes, vom ganzen Kulturleben Abgeschiedenes, Voraussetzungsloses. In jedem Künstler klingt eine i^anze, oft sehr reiche, komplizierte Welt nach. Haben Sie denn iür die jüdische Kultur schon die Formel gefunden? Wissen Sie denn ^chon, wo ihre Eigenart beginnt? Ich konnte mich zu dieser Erkenntnis nicht durchringen. Ich weiß es nicht —, und sage es offen und ehrlich. Ein holländischer Anthropologe, ich glaube Steinmetz hieß er, sagte einmal anläßlich der berühmten Rassen- Kulturformeln Chamberlains: Bevor man solche allgemeine kulturpsychologische Sätze aufstellt, muß man zuerst die differentielle Psychologie festgesetzt haben. Mit andern Worten: wir müssen zuerst wissen, was eigentlich das Wesen der „jüdischen Seele" sei, um dann Werke jüdischer Menschen auf ihren jüdischen Gehalt zu prüfen. — Also bitte — kein Lieberman und . . . Wir haben genug daran!" ... Da dieses Thema einmal zu den Lieblingsstoffen meines kritischen Wahrheitsfreundes gehörte und ich die Litanei schon so ziemlich auswendig kannte, hörte ich seinen weiteren Ausführungen nicht mehr zu. Ich fand es auch nicht für nötig, mich in eine Diskussion über das Thema einzulassen. Aber böse war ich ihm dennoch. Denn, obwohl er mich durch seine Gründe nicht überzeugt hat, meinen Enthusiasmus hat er nichtsdestoweniger gedämpft, meinen so schönen Plan zerstört. Meine ganze kunstpsychologische Betrachtung ist ins Wasser gefallen. Ich wollte ja nicht bloß konstatieren, daß Max Liebermann ein Jude ist. Das wäre wahrlich nicht besonders geistreich und originell. Der Schluß aber — er ist ein Jude, folglich ist seine Kunst jüdische, folglich ist das Wesen der jüdischen Kunst so und so geartet — wäre ja eine „petitio prineipii". Und gerade dies ist die Methode aller, die über jüdische Kunst und Kultur sprechen. Es ist auch anders nicht möglich. Unsere differentielle Psychologie ist noch zu unentwickelt, wir vermögen noch nicht, sämtliche Erscheinungen des jüdischen Schaffens irgendwie zu subsummieren, in eine Einheit zu bringen. Und wenn wir eine „Einheit" gefunden zu haben glauben, da kommt bald der kritische Gedanke und sprengt sie entzwei. So ist es auch mir passiert. Ich glaubte einmal zu wissen, was jüdische Kultur sei, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht ist diese Verneinung nur eine Vorstufe einer höheren Bejahung — vielleicht ist die neue, die wirkliche Wahrheit „en marehe". Vielleicht . . . Einstweilen mußte ich mein schönes Vorhaben, über Max Liebermann und seine Beziehung zur jüdischen Kultur zu schreiben, aufgeben. Ich begnüge mich bloß damit, daß ich mich aJs Mensch an seinem Schaffen freue, als Jude aber mich ihm seelisch näher fühle, wenn ich nicht weiß warum. Vielleicht sagt uns einmal der Künstler selbst, was für ihn das Judentum sei, welchen Anteil die „jüdische Seele" an seinem Schaffen hat. Vielleicht bringt er uns selbst die inneren, heimlichen Zusammenhänge vor Augen — nicht durch Worte — denn diese sind nur „flatus vocis", sondern durch Werke, durch seine lebendige Kunst. Louis Corinth sagte neulich von Liebermann, in diesem Sechzigjährigen seien noch neue Möglichkeiten geborgen. Vielleicht ist eine von diesen der Weg zu seinem Volke, zu seinem Rassen-Ich, ein Weg, auf dem er Ewigkeitswerte entdecken könnte ... Criticus. ooooooo^l o o o o o o o J) AUS DER BEWEGUNG ff O O O I o o o o o o o ZEHNTE JAHRESKONFERENZ DER AMERIKANISCHEN ZIONISTEN IN TANNERSVILLE (Schluß) Von Rabbiner Reines war eine hebräische Begrüßung eingelaufen. Von Professor War bürg wurde ein ausführlicher Bericht verlesen, in dem die Unterstützung des Agrarfonds, des Herzlwaldtonds und des Pflanzungsvereines gefordert wurde. (Die Ausführungen des Herrn Professor Warburg decken sich im wesentlichen mit seinen hier öfters niedergelegten Anschauungen, es erübrigt daher, seinen Brief an die Konvention hier zu publizieren.) Hierauf wurde der von dem zurzeit in Palästina weilenden Herrn Dr. Magnes verfaßte Bericht verlesen, der lebhaften Beifall fand. Der Bericht verzeichnet mit Genugtuung das Wachstum und den Fortschritt der Bewegung in Amerika im letzten Jahre. 21 neue Vereine wurden gegründet, die Federation umfaßt jetzt insgesamt 208 Vereine. Das Einkommen war größer als je zuvor, obgleich vom Schekel für die Zwecke der Federation kein Abzug gemacht wurde. Es wurde lediglich mit Erlaubnis des A.-C. ein Abzug gemacht, um eine alte Schuld der Federation an den N.-F. zu decken. Diese Schuld ist jetzt vollständig getilgt. Die amerikanische Federation zählt insgesamt ca. 12 000 Schekelzahler. Dem Nationalfonds wurden im Berichtsjahre 4725 Dollars gesandt gegenüber 2148 Dollars im Vorjahre. 2022 Dollars wurden für das Goldene Buch gespendet gegen 903 im Vorjahre. Zum erstenmal zeigt die Kasse der Federation, die lange Jahre unter einem Defizit zu leiden hatte, einen Überschuß. 4418 Dollars wurden eingenommen, die Ausgaben betrugen 4163 Dollars einschließlich 700 Dollars, die für Zahlung alter Schulden verwandt wurden. Die Sitzung endete mit Berichten der verschiedenen Kommissionen, von denen insbesondere der des Jewish Colonial Trust-Komitees hervorzuheben ist, der Vorsitzende dieses Komitees, Herr Poinsky, berichtete über die Anstrengungen, die gemacht würden, eine Filiale der Kolonial- Bank in New-York zu errichten. Vorbedingung ist, daß von dem