Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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20 DIE 3| als Niederlassungsort, so stößt man da auf gar keine Hindernisse^ Man kann beliebig viel Grund und Boden erwerben, braucht es nur zu umzäumen, und ist der Verpflichtung zum Anbau und zur Steuerzahlung einer Reihe von Jahren überhoben. So liegt die Sache, und die angeblichen Erschwerungen beruhen auf eitel Geschwätz. Ich wäre erbötig, einem jeden, der nicht als Schnorrer, sondern mit genügenden Mitteln dorthin kommt, zur Erreichung seiner Wünsche zu verhelfen. Grundsätzlich aber darf nicht alles sich auf das flache Land und die Kolonisation werfen. Die Stadt bietet dem jüdischen Gewerbefleiß und technischen Geschick alle möglichen Chancen: er kann da leicht zu einem bedeutenden politischen Einfluß gelangen und verhindern/ daß beispielsweise die Eisenbahnen in unerwünschte Hände gelangen. Die jüdischen Seifensiedereien zu Haifa und Ludd prosperieren sehr gut. Die I. C. A. erfreut sich keines besonderen Rufes in Palästina. Die Kolonisten sehen nicht so glücklich aus wie die Kolonien. Sie fühlen sich nicht als Eigentümer des Landes, schwer lastet auf ihnen die Abhängigkeit von der Administration. Sie fragen sich: Wie lange mag der Spaß dauern? Dies alles ist nur ein Experiment, das ein Jahr länger oder kürzer andauern kann. Die Vertreter der Administration in England sind durchaus gegen die Palästinaarbeit; lediglich dem Willen des Barons verdanken wir diesen Versuch der Kolonisation im Lande. Dies ist tötliches Gift für jede Freude an der Arbeit und muß alle Energie zu Schanden machen. Dagegen wird Herrn Baron Edmund vonRothschild das höchste Lob gespendet... Auf palästinensischem Boden befinden sich jetzt zweiunddreißig jüdische Kolonien. Die daselbst Ansässigen fühlen sich heimisch und wohl, ein neuer Geist ist im Aufleben, der das zionistische Werk mächtig fördern helfen wird. Die Regierung ist den Juden sehr freundlich gesinnt. Eines Abends gehe ich über die Straße, was sehe ich? Eine Schar aus der Bezalelschule heimkehrender Knaben zieht singend um die achte Abendstunde durch die Straßen, und was sangen sie? Od lo owdo tikwothenu! Wie anheimelnd! Will einer das Minchagebet verrichten, so braucht er nur an irgend einer Straßenecke Jerusalems Posto zu fassen, und er ist sicher, da ein Minjan zu finden. Das Golusjoch ist im Heiligen Lande gänzlich verschwunden, das :E LT No. 31 / Hebräische eine Volkssprache geworden. Will eine Mutter sich mit ihren Kindern verständigen, so ist auch sie gezwungen, diese Sprache zu erlernen. So wundervoll gestalten sich die Dinge. Nun ein Wort vom verachteten jüdischen Schnorrer! Es gilt als feststehendes Dogma, daß jeder aus Jerusalem kommende Reisende ein Bettler ist. Aber liegt denn die Sache bei den Christen anders? Auch sie kommen nach Europa, um für ihre Hospitäler und sonstigen Institutionen Sammlungen zu veranstalten, und werden als Missionäre respektvoll behandelt. Dagegen ist der Jude, der für gleiche Zwecke umherreist, der allgemeinen Verachtung preisgegeben und als Schnorrer gebrandmarkt. Welch' schweren Unrechts machen wir uns da schuldig! Und von dem einen, — es ist kaum ein Prozent, das in gedachter Weise zu uns kommt, — schließen wir auf ganz Palästina und sprechen da von lauter Bettlern. Dennoch liegt der gesamte Handel und die Industrie in den Händen von Juden. An Armut und Elend fehlt es freilich nicht. Ich bedauere es lebhaft, die seltsame Münze „Kobak", die in Jerusalem zirkuliert und an der Klagernauer verteilt wird, nicht mitgebracht zu haben und vorweisen zu können. Sie ist aus Zinn und mit der hebräischen Namensschrift des Gabbai Zedakah versehen. Mit solchen Kobaks und Halbkobaks lebt das Volk, und nun stellen sie sich vor, wie reich es ist! Zu Bethel und Jericho besitzen die Christen großartige Etablissements, um Fässer mit dem ihnen heiligen Jordanwasser zu füllen und zu verladen, Rosenkränze und Kreuze herzustellen. Sie tragen jüdische Inschriften, die ihnen einen reißenden Absatz, zumal in Amerika, verbürgen. Wenn aber ein Jude eine gepreßte Blume von der Saron-Ebene oder dem Jordanstrand oder einen aus Olivenholz gefertigten Gegenstand feilbietet, dann heißt es gleich, das ist Schnorrerei. Unser Volk ist kein Schnorrervolk. Mau gebe einem Juden nur Arbeit, und er wird mit beiden Händen zugreifen! Größere Armut und ein größeres Elend ist wohl in der ganzen Welt nicht anzutreffen als bei den jemenitischen Juden in Jerusalem. Sie sind äußerst fromm und stellen z. B. am Freitag nach 12 Uhr jede Arbeit ein. Sie suchen fast sämtlich als Steinhauer ihr Brot und arbeiten, da der Lohn äußerst gering ist, so übermäßig, daß ihnen ein frühzeitiges Grab winkt. (Schluß folgt.) tr=- sre FEUILLETON ==^3 <Po □□□□□ , P----- 3§ MAX LIEBERMANN Ich war im Begriff, meiner Journalistenpflicht und — Gewohnheit huldigend, über Max Liebermann zu schreiben. Anlaß — sein sechzigjähriger Geburtstag, der in der deutschen Künstlerwelt gefeiert wird. Anknüpfungspunkt — die berühmte Copula, das über alle Klippen hinweghelfende „und"! Max Liebermann — und . . . die jüdische Kunst, hatte ich schon aufgeschrieben, und wollte den Faden weiterspinnen. Jüdischer Geist, jüdische Seele in der Kunst Liebermanns, sein „Nicht-Deutschtum" — die Form ist ja schon gegeben. Aber — es sollte nicht sein. Aus meinem schönen Vorhaben ist nichts geworden. Kaum war ich nämlich mit dem Niederschreiben des Titels fertig, als mein guter Freund, mein böser Genius, der gerade dabei saß, mir über die Achsel schaute. Behüte einen der Himmel, sarkastische, kritische, wahrheitssuchende Freunde zu haben. Besonders die Wahrheitsmenschen. Sie vergällen einem das bißchen Dasein, zerstören jede Illusion, lassen kein noch so schönes Wort gelten — und hast du dich in einem Ideengange häuslich eingerichtet, fühlst du dich behaglich in deinem Wortgebäude, dann kommen sie und stürzen alles um — mit ihrer ungeschlachten, wahrheitsdicken Faust . . . „Was", brüllte mich mein Phrasenfeind an, „schon wieder! Schon wieder ein „und". Was wollt ihr nur von den Leuten? Was haben die euch getan, daß ihr bei jeder Gelegenheit an sie herankommt, sie am Ärmel zupft und sie wie eine Art Eigentum betrachtet? . Kaum spricht jemand draußen von einem Juden, der was geleistet hat, da kommt ihr hinter ihm und sagt: Na, was sagst du, Welt, nicht wahr, wir Juden sind ein patentes Volk; Was wir nicht alles haben! Willst du Dichter — haben wir aui Lager; willst du Künstler — schau dir mal diesen an, — kurz alles da. Ihr kommt mir vor, wie der Schneider, der einem Bräu tigam einen Hochzeitsfrack leiht. Natürlich erscheint er zur Hoch zeit, folgt dem von ihm Befrackten auf die Spuren — und ist der Bräutigam in rechter Hochzeitsstimmung, dann macht er sich ai ihn heran — bürstet ihm den Frack — seinen Frack — und zeig* mit einem Augenzwinkern jedem, der es nur wissen will, daß nur Dank seiner Kunst der Bräutigam ein so schmucker Kerl geworden ist. Da habt ihr nun den Liebermann r Ich bin überzeugt, daß irdiesem Augenblick in allen jüdischen Redaktionen über „Liebermann und . . ." Tinte vergossen wird. Ich erinnere mich noch von der Zeit der „Renaissance" — ich meine die vom „Alrnanacrr und der „Jungjüdischen Kunst", wie man Israels und Liebermann, und alle Künstler, die überhaupt etwas geleistet haben, zu „jüdischen' Künstlern gestempelt hat. Man meinte es ehrlich damit — icl weiß es. Man wollte eine Formel finden für die jüdische Art zi schaffen — man glaubte, sie gefunden zu haben. Aber ich glaube; die Enthusiasten von damals haben sich auch schon überzeugt daß ihr Bemühen ein eitles, wenigstens ein verfrühtes gewesen ist. Jozef Israels — ein jüdischer Künstler? Warum? Nur etwa weü Jozef Israels ein kleines „Judehe" ist, weil er, so lange seine Mutter lebte, nur mit bedecktem Haupte seine Mahlzeit einnahm, und sogar, wenn ich nicht irre, die Tischgebete sprach, weil er ein „jüdisches Herz" hat? Aber was hat das mit der Kunst zu