Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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zweifellos sind auf diese Weise die herrlichsten Schöpfungen, z. B. diejenigen Raphaels, Michel Angelos, Corregios usw. entstanden. Aber nicht die Wahl der Motive ist das wirklich Charakteristische, sondern alle Kunst erblüht zunächst und vor allem aus nationaler Auffassung. Trotz großartiger Meisterwerke christlichen Inhalts bedeutet das Wiedererwachen der Kunst eine Auflehnung gegen den mittelalterlichen, ultramontanen Sozialismus, dessen Wesen nicht zum mindesten in der Entfremdung vom Weltlichen, in der Askese, in der Vernachlässigung griechisch-römischer Bildung bestand. Die Renaissance dagegen zeigt das Aufleben italienischen Geistes, und als sie sich nach Deutschland fortpflanzte, nahm sie die Formen deutschen Wesens an. Ersichtlich ist sie auch hier ein Protest gegen die damals herrschende Kirche. In diesem Sinne ist sie eine Vorfrucht der Reformation. Vergegenwärtigt man sich nun, daß die Juden, wie wir bestimmt wissen, spätestens seit dem neunten Jahrhundert den Verkehr von China bis Frankreich vermittelten, und daß der Handel den mächtigsten Hebel aller Kultur bilde!, so begreift sich leicht, daß unsere Vorfahren auf Verbreitung und Beschaffenheit von Kunst und kunstgewerblichen Gegenständen wesentlichen Einfluß übten. Dagegen konnten Kunstschöpfungen in Zeiten, wo sie sich ihres Lebens, ihrer Gesundheit, ihres Besitzes keinen Augenblick sicher fühlten, nicht von ihnen ausgehen. Es ist nicht zufällig, daß eine jüdische Renaissance, ein Aufleben der Künste, in allerneuester Zeit mit politischem Erwachen unseres Stammes zusammentrifft. Es ist ein wichtiges und erfreulich aufrichtendes Merkmal für das Heranreifen jüdischen Volkstums. Erschließung der Ghetti, verhältnismäßige Sicherung einer Existenzmöglichkeit mußte voraufgehen. Kaum war dies geschehen, so erfolgte eine richtige Sturm- und Drangperiode. Nach wenigen Jahrzehnten finden sich in allen künstlerischen Gebieten Juden, die Hervorragendes leisten. Anfänglich schlössen sie sich mit ihren Arbeiten den bestehenden Methoden und Formen an. Es zeugt aber von besonderer Kraft, daß ungeachtet der Bestrebungen, die Milderung des auf den Juden lastenden Druckes neuerdings aufzuheben, nicht etwa ein Verfall des jungen Kunstaufschwungs eintritt, sondern nun erst recht und ganz ausdrücklich eine jüdisch-völkische Ästhetik sich entfaltet. Sie erringt ihre Triumphe in der Literatur, im Theater, in der Musik, in der Malerei, in der Bildhauerkunst und berechtigt zu den größten Hoffnungen. Eine Volksbewegung kann ihre Forderungen nicht einfach damit begründen, daß sie sich von anderen unterscheide; sie muß ein ethisch-ästhetisches Programm haben. Sonst wird sie keine dauernden Erfolge aufweisen; sie wird sich nicht durchsetzen können. Das Programm Judas mochte in dieser Hinsicht anders lauten, als z. B. ich es auffasse und im Laufe der Jahre verschiedentlich verkündete und eben jetzt wieder verkündet habe. Aber daß die zionistischen Kundgebungen keine derartigen Zukunftsaufgaben klar entwickelten, betrachtete ich als einen Hauptmangel. Immerhin, man mochte seine Gründe habe*«, mit solchen Erklärungen noch zurückzuhalten. Ich habe aber schon vorhin erwähnt, daß vor zehn Jahren das damals eingeleitete Vorgehen mir verfrüht und taktisch nicht richtig erschien. Den Ausspruch ferner, meine eignen Bestrebungen und die meiner engeren Freunde, hielt ich damit für zeitweilig durchkreuzt, vermag ich mit wenigen Worten zu erläutern. Ich will mittels eines Beispiels einleiten. Im Jahre 1848 gab es in Deutschland zwei starke Stömungen. Die einen erklärten, vermittels der Freiheit zur Einheit kommen zu wollen; die anderen gedachten durch Einheit zur Freiheit durchzudringen. Ähnlich schien mir die Sache zu liegen, als Herzl seinen Feldzug begann. Er setzte seinen Plan in die Welt, die Stammesgenossenschaft zu jüdischer Politik zu einigen. Im Stammlande müßte eine autonome Heimstätte geschaffen werden. Auf dieses einzige Ziel sei alle Kraft zu richten. Alles übrige, — soziale, ethische, wirtschaftliche Kulturinteressen . müßten beiseite stehen. Man hätte sich erst dann darum zu bekümmern, wenn die * politischen Absichten erreicht seien. Meinerseits ging ich von anderem Standpunkte aus. Ich war <jler Meinung, daß man mit einer zu Massenarmut und Massenelend herabgedrückten jüdischen Minderheit in Osteuropa nicht zur selbständigen politischen Freiheit durchdringen, sie nicht siegreich behaupten könne. Es müsse gesucht werden, das wirtschaftliche und gesellschaftliche Niveau zu heben, weltliches Wissen und Gesittung zu verbreiten. Erst ein wirtschaftlich starkes, körperlich gestähltes, in Gesittung erprobtes Volk könne daran denken, sich durchzusetzen, vermöchte aller Gegnerschaft ungeachtet politische Ideale zur Verwirklichung zu bringen. Ich sah, wie die europäischen Völker vorwärts gekommen waren. Nach der Auffindung des Seewegs nach Indien, nach der Entdeckung Amerikas waren sie reich geworden,- und als sie reich waren, kam die Renaissance auf, erhob sich die Reformation, ' glückte die Revolution. Soviel in meinen Kräften stand, habe ich mit gleichgesinnten Freunden im Sinne dieser Auffassung die Arbeit aufgenommen und zur Entwicklung zu bringen gesucht. Ich will übergehen, was z. B. für das osteuropäische .Rettungswerk, was zur Landseßhaftmachung der Juden, was in einer Unzahl von Einzelaufgaben unternommen wurde, die sämtlich aus einheitlicher Erfassung erstanden und auf das gemeinsame Ziel gerichtet waren. Es wird einleuchten, daß, da nach meinem Dafürhalten die politischen Forderungen den Abschluß bilden sollten, das plötzliche Aufrollen dieser Forderungen, die in den Vordergrund geschoben wurden, mich eigentümlich berühren mußte. Ich hielt die Maßnahmen für verfrüht. Auch wenn man ohne weiteres den politischen Aufmarsch antreten wollte, hätte man nicht so ziemlich unvermittelt an die breite Öffentlichkeit, an die großen Massen sich wenden sollen, sondern gut getan, zuvor sorgfältiger sich seiner Kampfesmittel zu versichern. Ich war in Steinscher und Bismarckscher Schulung aufgewachsen und hielt infolge davon das Vorgehen, staatsmännisch betrachtet, sowohl diplomatisch als wirtschaftlich für verfehlt. In politischen Dingen darf man nur Vorschläge machen, wenn einem nicht das bekannte Wort entgegengehalten werden kann: Was kannst du armer Teufel bieten? — Umsoweniger darf man sich von nationalökonomischen Interessen abwenden, wenn man es auf politische Erfolge abgesehen hat. Aber weshalb erwähne ich dies hier überhaupt? Nicht um nachträglich meine Meinung gegenüber der anderen aufzuspielen! Das wäre angesichts vollendeter Tatsachen kleinliche Kritikasterei. Was vor geraumer Zeit geschehen, was geschichtlich geworden, hatte geschichtlich seine Probe zu bestehen. Es ist erfreulich, daß wir erklären dürfen, der zionistische Gedanke hat außerordentliche Fortschritte gemacht. Es ist ihm nach ursprünglicher erstarrender Einkapselung gelungen, Fühlung auch mit andersartiger Gesinnung zu gewinnen. Man befreundete sich mit der Gegenwartsarbeit und beteiligte sich daran. Das ist eine glückliche Wendung. Denn nur dem gehört die Zukunft, der über sehnsuchtsvolle Schwärmerei hinausschreitet und in unermüdlichem, mühseligem Schaffen keinen Augenblick der Vorbereitung versäumt. Weil ich dies an der jungen, jüdisch-politischen Bewegung beobachtete, konnte ich die nunmehr längst überwundene Zurückhaltung aufgeben. Ihre Schilderung schien mir an dieser Stelle deshalb nützlich, weil ich dem Bewußtsein zum Ausdruck verhelfen wollte, daß wir noch eine wichtige Einkehr zu halten haben. Zur Anerkennung ihrer politischen und sozialen Volkspersönlichkeit durch andere Nationen bedarf die Judenheit noch gar sehr der inneren Einheit. Als Folge dieses Mangels entbehrt sie noch der ausreichenden Verfügung über die eignen Kräfte. Es tut not, daß man die Bekämpfung im Innern zurückdränge, und daß eine jüdisch-staatsmännische Auffassung Platz greife. Diese würde die verschiedenen Strömungen auszugleichen suchen. — Ich bekenne, daß derartige Erwägungen mir zur Richtschnur für jahrzehntelanges Verhalten dienen. Es ist bekannt, daß ich während dieser ganzen Zeit einzuwirken suchte auf die Zuführung der Stammesgenossen zum genossenschaftlichen