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Die Welt · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIE^ELT No. 30 nationalen Ideengängen erwartet, unerwartet ins Fahrwasser der Antizionisten kommt und durch seine Behauptung, daß bei Verminderung des Antisemitismus der Jüdische Klub, der Kulminationspunkt der jüdisch-nationalen Bewegung, eine überflüssige Sache wird, jenen seichten Beurteilern recht zu geben scheint, die den jüdischen Nationalismus durch die Judenfeindschaft entstanden wähnen, während wir doch sicher wissen, daß lange vor dem Auftauchen des modernen Antisemitismus es jüdisch-nationale Bestrebungen in großer Anzahl gab. Doch Dr. M. E. läßt sich weiter vernehmen: „Ist der weitgehendste Fortschritt einmal erreicht oder annähernd erreicht, dann allerdings verliert der Jüdische Klub seine Existenzberechtigung; denn wenn das Programm erfüllt ist, dann ist jeder Kampf fürs Programm überflüssig. Ähnlich erginge es ja allen Parteien, wenn sie ihr Ziel erreichen. Im Zukunftsstaate gäbe es ja ebensowenig Sozialisten, als Zionisten in Zion." Ist aber mit dem „weitgehendsten Fortschritt" wirklich das oft zitierte goldene Zeitalter gekommen, ist dann wirklich schon alles vollbracht und alles errungen? Wir glauben es nicht. Dann sind erst die kulturwidrigen Hemmungen beseitigt, die der freien Entwicklung des jüdischen Volkes entgegenstehen, dann ist erst der negative, defensive Teil unseres Programmes durchgesetzt, und es beginnt die positive kulturschöpferische Arbeit auf allen Gebieten des menschlichen Lebens und Strebens. Nichts anderes hat Theodor Herzl uns bedeuten wollen, als er kurz vor seinem Hinscheiden den goldenen Satz niederschrieb: „Der Zionismus ist ein endloses Ideal." Noch auf ein Betätigungsgebiet des Jüdischen Klubs' hat Dr, M. E. hinzuweisen vergessen; doch will ich ihm daraus keinen Vorwurf machen, da meines Wissens bisher noch niemand darauf die Aufmerksamkeit gerichtet hat. Ich meine die hohe und verheißungsvolle Aufgabe, die unsern Abgeordneten bei der Unterstützung der zionistischen Politik, besonders aber der praktischen Palästinaarbeit zufällt. Die jüdisch-nationalen Deputierten Österreichs, dessen Herrscher mit Stolz den Titel „König von Jerusalem" führt, eines Reiches, dessen Handelsinteressen und enge Nachbarschaft es auf den nahen Orient hinweisen, sind am ehesten sowohl zur Unterstützung der praktischen Palästinaarbeit in der Gegenwart geeignet, als auch der zionistischen Endziele in einer hoffentlich nicht zu fernen Zukunft. Daß Österreich an der Entwicklung des jüdischen Volkes im Orient ein hohes Interesse nimmt, beweist nebst vielen andern Dingen der Besuch des österreichischen Flottenkommandanten in der Lämelschule zu Jerusalem, wie auch besonders das den jüdischen Kolonisten bewiesene werktätige Interesse der österreichischen Levantepost. — Mannigfach und verantwortungsvoll sind die Pflichten unserer Abgeordneten; aber wir vertrauen ihnen und hoffen, daß von den vielen Wegen, die nach Zion führen, einer über das Parlament am Wiener Franzensring geht — und wie uns dünkt, kein schlechter und aussichtsloser. r?~ o if □□□□□□ o v- FEUILLETON C^=: □ G □□□□"!) O ------JJ o Ein neues Buch von Schalom Asch Von Dr. Hugo Bergmann (Prag) . . . „Und der einzige Trost ist nur, daß eben nicht ein jeder nach seiner Wahl ein Pomeranzen- oder Palmenbaum werden kann. Je früher aber der Mensch herausfindet, in welche Klasse er nach Linne oder Buffon gehört, desto besser ist es für ihn und desto schneller kommt er zur Ruhe und zur Zufriedenheit mit seinen Zuständen. Solange er es noch nicht heraus hat, spuckt er Gift und Galle in den schönsten Sonnenschein und macht Brüderschaft mit dem Schneegestöber und Winterwind. Ich halte das auch für eine Philosophie" .... Diese Worte des abenteuerlichen Obersten Agostin Agonista aus Wilhelm Raabes Erzählung „Zum wilden Mann" kamen mir oft in den Sinn, wenn ich Schalom Aschs Entwicklung in den letzten Jahren verfolgte. Asch, der versonnene Träumer, der mit so liebevollen, weichen und so ruhig-sanften Augen in die Welt schaute, hatte sich entschlossen, das harte und erbarmungslose Schicksal des Dramatikers auf sich zu nehmen. Schon, als wir es erst gerüchtweise vernahmen, tat es uns weh, daß wieder einer weniger werden sollte von den wenigen, ach allzuwenigen jüdischen Bichtern, die nicht an ihrem Judenschicksal litten, die unser Leben sehen konnten, ohne zu verzweifeln, die eine jüdische Welt offenbaren konnten, in der man nicht klagen, in der man goldene Träume spinnen durfte .... Seitdem sind Aschs Dramen bekannt geworden, und nicht alle, die seine Erzählungen geliebt hatten, konnten mit ihnen Freundschaft schließen. Nun hat der Berliner S. Fischer-Verlag kurz nacheinander sein Drama „Der Gott der Rache" und eine Auswahl von Erzählungen „Bilder aus dem Ghetto"1") veröffentlicht und so auch dem deutschlesenden Publikum den Dichter in seinen zwei Gestalten vorgeführt. Und ich zweifle nicht, auch diesmal werden viele von denen mit Freuden dem Erzähler lauschen, die gegen den Dramatiker Einwände hatten. Das Charakteristische Aschs läßt sich vielleicht in den zwei Worten sagen: er ist ein Poet des Seienden, nicht des Werdenden, der Statik, nicht der Dynamik. Das Dynamische im Leben, das Keimen von Leidenschaften, den Kampf, den Sieg und den Untergang wird der nicht mit gleicher Meisterschaft wiedergestalten können, dem wir uns gerne hingeben, wenn er mit den Bäumen am Wegerand und mit den Tieren des Feldes und mit den Menschen in der Gasse traute Zwiesprache hält. Doch ist Asch auch nicht ein Meister der Idylle. Dazu ist er doch zu sehr Sohn der Judengasse. Und wer Tschernichowskis „Idylle", „Lewiwoth mewuscholoth" kennt, weiß, wie die Idyllen in der Gasse endigen .... Aber Asch ist durch und durch Lyriker. Was er zeichnen soll, das muß *; „Bilder aus drin (ihetto" \>>n Schalom Asch. ( I >ert ra^iiiii; von Stel'ani.i Goldenrinj;. S. Fischer, Berlin 1907. Mk. 3. leben, — wie könnte ein Dichter seine Gefühle in ein Ruhende?. Lebloses hineintragen? Aber doch wieder nur so, daß keine Handlung und keine Konflikte aus diesem Leben hervorgehen. Denn da ist dem Lyriker seine Grenze gezogen. So läßt er die schlafende Welt nur so weit erwachen, daß das Lied, das nach Eichendorff? schönem Worte in allen Dingen schläft, erwacht und in ihm und in uns weiterklingt. Ich will nicht mit Paradoxen spielen, sonst würde ich sagen, Aschs Gestalten bewegen sich und stehn zugleich; freuen sich und jubeln nicht, ängstigen sich und haben keine Furcht. Ich denke da etwa an die „Alten Leute". Nicht eine Spur von Handlung ist in dieser an Schönheit reichen Geschichte einer Fischerfamilie. Zwei Fischersleute, die sich verschwägern, ein junger Fischer, an dem Hopfen und Malz verloren scheint, und der durch diese Verehelichimg ein Mensch wird. Aber wie das vor uns steht, wie das alles lebt und leibt von den Balken und Krön leuchtern in der guten Stube an bis zur altehrwürdigen, ausgedienten Nähmaschine — das ist eben Asch, wie wir ihn lieben und wie er uns als Künder eines Neuen erscheint, da seit langem kein jüdischer Dichter ein so inniges Verhältnis zur Natur gefunden hat wie er. Und indem Asch die Natur verlebendigt, schafft er Bilder von wirklicher dichterischer Kraft.' DerWes des Einsamen ist todesstumm. der Regen ist gleichgültig, die Felder sind ahnungslos, und der Himmel muß sich um sie bekümmern. Himmel und Wolken spielen Verstecken mit einander, ja selbst die langweiligen Chausseesteine haben ihre Sprache, und der Dichter versteht sie. . . . Der Künstler, der so gut zu schauen vermag, muß freilich auch die Tragik des Ghettolebens sehen und kann nicht achtlos an ihr vorbeigehen: er muß sie mit abbilden. Aber der Lyriker hat genug getan, wenn er die Probleme aufzeigt, nicht löst. Ein wahrhaft tragisches Problem ist der Klassengegensatz innerhalb der Gasse, wie er zwischen den groben, von ihrer Hände Arbeit lebenden Juden und den gebildeten, altgesessenen Bürgersleuten besteht. Das „Kolaer Gäßchen" erzählt uns, wie tief dieser Gegensatz zwischen dem „Verein der 3 F" (Fischer, Fleischer, Fuhrleute) und den Juden des Bethausgäßchens, dem Rabbiner, Schächter und den Gelehrten, ist, die doch nur von den Spenden leben, die das Kolaer Gäßchen herübersendet, damit bedingungslos sich der Herrschaft der Geistesaristokratie unterwerfend. Und „Aus vornehmer Familie" erzählt noch meisterhafter von dem Seelenkampf des Emporkömmlings, des reich gewordenen Fuhrmanns, der des angesehenen und gelehrten Reb Jankel Goldmann Tochter heimführt. Zugleich lernen wir Menschen kennen, von denen nicht viele wissen, jüdische Menschen, von einer robusten Kraft, die von Rohheit nicht weit entfernt ist. Der brutale Note aus dem „Kolaer Gäßchen" steht geradezu im

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