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Die Welt · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Mächtig ist nur das nicht angekränkelte, heroische, kühne Geühl. Nur wer sein Volk ohne Argumente liebt, ist sicher undtat- :räftigi Seine Hände sind frei und sein Geist klar. Sein Volk edarf keiner Schönfärberei; er hat es nicht wegen etwaiger Tugenen gewählt. Seine Beziehungen zu seinem Volkstum und zu seiner alten Heimat sind elementar und geheimnisvoll, wie die Beziehungen eines Liebhabers zu seiner Geliebten. Ohne Voraussetzungen und ohne Rücksichten. Wir haben die Freude an unserem Sein, einen dunklen, unbezwingbaren Trieb zu einem vollkommenen Dasein. Das ist das Sicherste. N. S. 11 Hauptstraße von Rischon Häusergruppe der Kolonie Zur jüdischen Politik in Österreich (Eine Antwort an Dr. Mayer Ebner) Von Paul Diamant, Wien Der Zionismus ist eine eminent freiheitliche Bewegung, freiettlich im Sinne derer, die die Freiheit wünschen, um ungehindert on hemmenden Fesseln den Weg des Fortschrittes zu gehen, doch icht im Sinne jener, die Freiheit mit Zügellosigkeit verwechseln, -ine der schönsten Eigenschaften ist daher der vollständige Mangel n Dogmen, die noch jede, wenn auch anfangs noch so ideale Idee emmten und die freiheitlichsten Bewegungen zur Verknöcherung rieben. Dem Zionismus ist dies erspart geblieben, im Gegenteil, ein Siegeslauf gleicht dem Laufe eines jungen Baches, der ins Tal strömt und in seinem immer größer werdenden Bette alle Quellen ereinigt und sie dem fernen Ziele, dem Meere zuführt. DerZionisnus, ursprünglich eine halbmystische Schwärmerei von Romantikern, vurde in seiner modernen Entwicklung eine mächtige Volksbewegung, ie jeder Seite des jüdischen Lebens ihren Stempel aufdrückt. Urprünglich bloß, darauf bedacht, in kürzester Zeit auf diplomatischem :Vege eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heinistätte zu erlangen, ahen sich die Zionisten bald genötigt, Gegenwartspolitik zu treiben nd in Ländern, wo die Juden ein starkes Kontingent der Bevölkeing stellen, vor allem in Rußland und Österreich, die Frage der innerolitischen Tätigkeit-in Erwägung zu ziehen. Nur schüchtern und elten waren im Atifang die Stimmen derjenigen, welche sich für ine innerpolitische Tätigkeit aussprachen; den Lesern der früheren 'ahrgänge der „Welt" dürfte noch die interessante Polemik zwischen ■>r. Mayer-Ebener und Dr. Philipp Menczel in Erinnerung sein, in er die Frage der jüdischen Landespolitik gründlich erörtert wurde, achdem durch einen Artikel des ersteren über „Jüdische Realpolitik in Österreich" das Thema zur Diskussion gestellt worden var. Umsomehr mußte es uns wundernehmen, daß Doktor Mayer- •bner jetzt, nachdem seine Hoffnungen und Forderungen sich zum - roßten Teile erfüllt haben, in seinem jüngsten Aufsatze in Nr. 28 •'ter „Welt" vom 12. Juli 1907 zu Folgerungen gelangt ist nd Behauptungen aufstellt, die in mehr als einem Punkte nserer Meinung nach der Entgegnung bedürfen. Vor allem beantwortet er die Frage der Außenstehenden nach einem Programme der jüdisch-nationalen Partei dahin, daß sie ein olches nach der Schablone der andern Völker nicht habe, 'a, wer hat denn das auch verlangt? Es ist doch klar, daß die •■luden, eine Nation sui generis, die in so mancher Beziehung anders sind als die übrigen Völker, auch ein anders gestaltetes Programm aufstellen müssen als jene. Die Jüdisch-Nationalen sind auf Grund des „Basler Programmes", das die Organisierung des lüdischen Volkes in den Ländern der Diaspora befiehlt, in den Wahlkampf und in die österreichische Reichspolitik eingetreten und haben sicherlich durch ihre Erfolge zur Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins das ihrige getan und so zur Erfüllung eines andern Punktes des Basler Programmes beigetragen. Durch einen, dem jüdischen Kulturkämpfer Mathias Acher in Paranthese erteilten Seitenhiebe, will uns Dr. M. E. auch deutlich machen, daß es eine jüdische Sprachenfrage in Österreich nicht gibt. Ja, vergißt er denn gänzlich, daß der überwiegende Teil des jüdischen Volkes in Galizien sich nicht der deutschen und polnischen, sondern der jüdischen Sprache bedient, deren Wichtigkeit für das jüdische Kultur- und Geistesleben in so vielen seiner flammenden Aufsätze Mathias Acher nachgewiesen hat? Übersieht er die tatkräftige Organisation der „Separatisten" in Galizien, deren engere Gesinnungsgenossen, die im „Bund" vereinigten jüdischen Sozialdemokraten Rußlands, in ihrem Programme fordern, daß das jüdische Volk das Recht habe, in allen staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen neben der Staatssprache sich seiner Sprache zu bedienen? (Proklamation des Bundes. „Arbeiterzeitung", Wien 2. II. 1905.) Ist aber wirklich die Hoffnung ganz ausgeschlossen, daß durch Wiederbelebung des hebräischen Schul Vereins eine Generation von hebräisch sprechenden, denkenden und fühlenden Juden erwachse, die dem Hebräischen seinen gebührenden Platz verschaffen wird, da es doch wirklich ein beschämender Zustand für die Sprache der Bibel'und der Propheten ist, wenn — um nur ein besonders markantes Beispiel zu wählen — irgend ein altes Gesetz den Gebrauch des Hebräischen in den Geschäftsbüchern verbietet, während jede andere Sprache zugelassen wird? Wir meinen nun, an obigen Beispielen nachgewiesen zu haben, wie übereilt und unrichtig die Behauptung Dr. M. E. ist, daß es keine jüdische Sprachenfrage in Österreich gebe. Hören wir aber, was Dr. M. E. weiter über die eigentliche politische Tätigkeit sagt. — „Wenn die Juden im Staate (Österreich) ungefähr dieselbe Stellung hätten wie die Juden in Italien sie haben oder die Juden in England sie hatten, dann wäre die Gründung eines Judenklubs im Parlament eine überflüssige Sache. Solange man aber von einer Judenfrage zu sprechen gezwungen ist, solange wir Bürger zweiten Grades sind, — solange die Juden der Bukowina und in Galizien unter einem unsagbaren wirtschaftlichen Elend leiden, — solange ist es notwendig, daß wir Juden eigene Vertreter haben". Es berührt einen eigentümlich, wenn ein Mann wie Dr. M. E., von dem man klares, logisches Festhallen an den jüdisch-

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