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Die Welt · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 t)|E3 den. Alles in Palästina zu Unternehmende müsse prinzipiell gesellschaftlichen und keinen philanthropischen Charakter tragen. Verliehene Gelder, z. B. beim Agrarkredit, müssen garantiert sein. Man muß sich vor Augen halten, daß Wohlstand nicht durch Kapital, sondern durch Arbeit erzeugt wird, die durch Kapital gefördert wird. Unser Nationalfonds darf daher bloß als Mittel zur Hilfe dienen, muß aber in seinem Bestände unberührt, nicht an einzelne Personen in Form von Bodenanweisungen ausgeteilt werden. Der zweite Punkt, die Kolonialbank, stehe leider nicht auf der Tagesordnung. Das müsse, da die Bank ein Institut des Kongresses sei, nachgeholt werden. Die Londoner Bank verdiene wenig und sei bedeutungslos. Es erhebe sich daher die Frage, ob es nicht rätlich sei, das Kapital der Bank ganz oder wenigstens zu einem erheblichen Teil nach Palästina zu bringen und damit die Position der Anglo-Palestine Company zu stärken. IE .LT NO..30 Die dritte Frage sei die der Reorganisation der Zentralan sta 11 e n. In dieser Hinsicht beruft sich -'der Verfasser auf den Inhalt des (von uns auszugsweise wiedergegebenen) Artikels von Dr. Lury. Endlich aber sei eine neue Frage da, die Beziehung zwischen zionistischer und national-politischer Arbeit. Nach einer längeren Charakterisierung dieser Arbeit und ihrer zionistischen und nichtzionistischen Gegner kommt der Verfasser zum Ergebnis, daß der Kongreß, wenn er sich mit der Frage beschäftige, keine bestimmten Resolutionen fassen, vielmehr im einzelnen Falle die Stellungnahme den einzelnen Landsmannschaften überlassen solle, zumal es sich bei der nationapolitischen. Arbeit um ein Mittel, nicht um ein Ziel handle. VOR DEM KONGRESS (Gedankensplitter) Eine große und unmittelbare Begeisterung für das Volk brauchen wir auch für praktische Zwecke. Man halte dies fest: eine laue, „anständige" Stimmung genügt nicht einmal für praktische Zwecke. Außergewöhnliche Anstrengungen muß man machen, um Gewöhnliches zustande zu bringen. Die ganze Menschenwelt besteht aus Tatsachen, die diese Wahrheit erhärten. Vielleicht ist auch die Aufführung jener riesigen Wohltäter der Menschheit, unserer Väter und Mütter, gewissermaßen ein diesbezügliches Beispiel. Sie und ich wären gewiß nicht die glänzenden öffentlichen Denkmäler, die wir sind, würden unsere Väter und Mütter uns nicht nur mehr Hingebung geschenkt haben, als wir verdienten, sondern auch mehr, als es nach irgend einer wissenschaftlichen oder erfahrungsmäßigen Methode erforderlich war. Nun war aber diese übermäßige Aufmerksamkeit notwendig, um die allermäßigsten Resultate zu erzielen; das Kind Tosco muß um so besser als es ist behandelt werden, damit es ihm nicht so schlecht gehe, als es ihm gehen könnte. Es muß wie ein Gott beginnen, um möglicherweise als Mensch zu enden. Wie ein zukünftiger Messias muß es gepflegt werden, damit es einst, wenn es groß wird, vielleicht als Kommis in einem Warenhaus mit 100 Mk. monatlichem Gehalt angestellt werde. So ist es in allen menschlichen Angelegenheiten. Zehn Riesen müssen daran arbeiten, einen guten Grashalm aus dem Boden herauszukriegen. Ich glaube auch, daß es besser ist, wenn Leute in den Besitz kleiner Grundstücke, die sie ihr eigen nennen, gelangen, als daß sich ihre proletarische Existenz verlängern und sogar etwas verbessern würde. Eine Lohnarbeiterklasse ist und bleibt eine Klasse der Dienenden; sie tut die Arbeit, die verlangt wird. Menschen, die ihre eigene Grundstücke haben, scheinen mir hingegen ein gewisses Schöpferbewußtsein zu besitzen, weil sie mehr tun, als von ihnen verlangt wird. Das zionistische Ideal, wenn die Ausführung in Palästina richtig gehandhabt wird, scheint mir deshalb höher, als das sozialistische Fabrik-Proietarierideal zu sein. Aber für diese Kleinarbeit ist großer Enthusiasmus erforderlich. Sollen wir in Palästina mehr als die andern machen, so müssen wir begeistert sein. Organisiert — ist noch gar nichts. Auch für die kleinsten lokalen und momentanen jüdischen Angelegenheiten in der Diaspora ist als Grundtrieb und Leitidee eine große und unmittelbare Begeisteruug für das jüdische Volkstum notwendig. So lange wir uns in der Kehillah in bestimmten Statutengeleisen bewegen und die Dinge machen, wie sie „durch die gegenwärtigen Zeitverhältnisse geboten sind", müssen wir vom Herrn Syndikus Löwental regiert werden. Um eine solche Regierung zu entthronen, genügt eine armselige Sorte von philisterhafter Begeisterung nicht. Um jüdische Dinge leidlich-mäßig-jüdisch zu verwalten, muß man übermäßig-enthusiastisch-jüdisch empfinden. Die Entstehung des Zionismus war die Überwindung des Alltäglich Praktischen. Alltäglich-praktisch ist der Ghetto-Kleinmut und die Goluth-Verzagtheit. Dem Zionismus die kühne Begeisterung rauben, das hieße ihm klipp und klar das Daseinsrecht absprechen. Eine Aufwallung des Empfindens hat den Zionismus erzeugt, und nur fortgesetzte Aufwallungen des Empfindens können ihn weiter erhalten und entwickeln. Und hat man begriffen, daß für Volksarbeit eine große Begeisterung die unentbehrlichste Vorbedingung ist, so drängt sich die Frage auf: welcher Art soll die Begeisterung sein? Man kann für die Fortdauer und für eine Sonderexistenz des Volkes in der alten Heimat (als sicherste Gewähr dieser Fortdauer) verschiedenartig begeistert sein. So gelangen wir zum Kern der Frage: empfinden, oder rationalistisch grübeln? Man kann für das jüdische Volk in transzendentaler Weise begeistert sein — mit dem Gefühle eines Andächtigen, der einen Gott anbetet, weil er es so will, weil er es so muß. Man kann das jüdische Volk, als sein Volk, ohne jeden Vernunftsgrund, lieben. Das Merkwürdigste bei der Sache ist, daß diese grundlose Liebe auch für praktische Zwecke der allergewöhnlichsten Arbeit der sicherste und nützlichste Grund ist. Die Liebe mit Argumenten bedeutet nationalen Ruin. So paradox diese .Behauptung auch erscheinen mag, sie ist doch absolut richtig. Knüpct man die Volksliebe an irgend ein Argument, so läuft sie Gefahr, mit dem Argument auch zu fallen. Nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse der Delitzschen Ausgrabungen begegnete ich einem der trefflichsten deutschen Juden, den Hamurabi ganz krank gemacht hat. Er mußte die Echtheit fiamurabis ankämpfen. Ich kannte einen andern, der außerordentlich auf die Hypothesen der Rassenmischungen, die in den ethnographischen Journalen gedruckt sind, empfindlich war. Und die „Mission" und die „Essenz des Judentums" machen eine Apologetik notwendig. Und die Juden müssen die Besten sein. Der Gedanke, daß die Juden die Besten sind, soll uns ebenso fern liegen, wie die Voraussetzung, daß alle Juden neun Fuß hoch sein müssen. Ich möchte auch nicht für Palästina diese wissenschaftliche Vernunftsliebe zur Geltung kommen lassen, um das Große nicht vom Zufälligen abhängig zu machen. Ein neues Buch, eine neue statistische Tabelle wäre imstande, die Vernunftsliebe zu zerstören. Oder was noch schlimmer: es entwickelt sich dann eine Tendenz, das Sichausschweigen über das Unbequeme, die Verdrehungen usw.

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