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Die Welt · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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s als Umgangssprache, bedienen. Sicher gehört sie zum Grundock des nationalen Schatzes. Als Weltvolk aber bedienen wir uns es Eigentumsrechtes an unsern Muttersprachen, am Deutschen, manischen, Holländischen, Arabischen, am Yiddith, Russischen, olnischen, Englischen, Französischen. Aber mehr als andere :>lker vermittelst der Sprache sind wir durch starke Strömungen nigeren Zusammenhangs verbunden. Blut ist ein besonderer ift. Die Inzüchtvdie stammesgenössische Auslese hat uns zusammenschweißt; sie hat die Wirkung der Geschichte und Überlieferung rvielfacht, den Komplex unserer Volksfamilie hat sie mit Hinbungs- und Aufopferungsbewußtsein lebenswirksam erfüllt und .stärkt. Das gilt für unsern innerjüdischen Zusammenschluß, ebenso ■er auch für unsere Stellung als Weltvolk. Für unser Verharren 's solches ergibt sich eine zwingende sittliche Notwendigkeit: Weist e immer umfassender sich vollziehende Tennung der Kirche vom aate und die Geisterrevolution in den katholischen Bevölkerungen irauf hin, so bietet die evangelische Theologie, wie sich zu r die Mehrzahl, die hervorragendsten und berufensten ihrer ertreter in neuerer Zeit bekennen, noch deutlichere Anzeichen dar. •enn sie gibt ihre Dogmen der Reihe nach preis, so: die Göttlichkeit liristi, die Dreieinigkeit usw. — Da nun die menschliche Gesellchaft den Standpunkt des „Jenseits von Gut und Böse" als Wechselirkung des Verhaltens nicht benutzen kann, so bleibt nichts anderes, s das erhabene Sittengesetz des praktischen und sozialen Judennis übrig. Nun ist mit ihrer Ethik — das wird viel zu wenig gewürdigt — e jüdische Idee keineswegs erschöpft. Es ist nicht wahr, daß lein auf den sozialen Tugenden und auf Gesittung: Bau, Wesen, eschaffenheit des Menschengeschlechts gegründet sei. Nicht nur e Pflichten der Liebe, auch die Ansprüche des Ichbewußtseins igen nach Erfüllung. Jene müssen mit diesen, diese mit jenen ■rschmolzen sein, damit das Richtige erstehe, wachse und gedeihlich ifwärts strebe. Das Psychische, Seelische setzt sich ebensowohl s zwei Grundformen und Bedingungen zusammen, wie das aller ■rperlichen Lebensarten. Man spricht heutzutage in der Wissenhaft von Doppelgeschlechtlichkeit und versteht darunter, daß alles Sinnliche ein gut Teil weibliches, und umgekehrt alles weibliche Hches von männlichen Eigenschaften in sich trägt. So etwa winte man in übertragener Anwendung von den beiden charakteriisehen Trieben menschlichen Seins, Wollens und Vollbringens •rechen. Ich pflege sie begrifflich zu unterscheiden*) und bezeichne it Zivilisation: die Rücksichtnahme der Menschen aufeinander, die iiidigung der Leidenschaften, die Milderung der Sitten, die Gleichheit, 1 Gleichwertung, die gegenseitige Anerkennung dessen, was enschenantlitz trägt, also alles, was aus dem sozialen Gedanken rvorgeht und ethisches Gepräge zeigt. Dem sozialethischen Errdernis gleichwertig ist der Freiheitsdrang des Menschen, also;s individualistische Prinzip. Aus ihm geht hervor: Geltendmachung nd Durchsetzung des Willens der Einzelpersönlichkeit, persönliche eiheit, ihre Festigung, aber auch Begrenzung vermittelst des Rechtstes, Forschung, Wissen, Kunst. Der Freiheitsdrang ringt aus -rknechtung, Askese, Barbarentum nach Unterwerfung der Natur, ich ihrer Ausnutzung, nach Befriedigung der Sinne durch schöne »rmen, demnach nach Ästhetik. Diesen Gesamtbegriff erfasse ich it dem Ausdruck: Kultur. Die Glaubens- und Sittenlehren der eligionen wollen nach ihren Grundanschauungen und Endabsichten vilisation verbreiten; Griechentum, Humanismus, neuzeitliches treben sind auf Kultur gerichtet. Man redet von Kopf und Herz, weist ihnen, abgesehen von körperlichen Verrichtungen, besondere Eigenschaften zu und weiß doch, um mit Lessing zu sprechen, daß „bald der Kopf das Herz und bald das Herz den Kopf muß spielen." Nicht richtig dabei aber ist, ,^<|as eine mit dem andern als in einem gewissen Gegensatz begriffen j|u betrachten. „Sie stehen nicht über- und nicht untereinander, .sondern sie ergänzen sich nach dem Bilde Ephraims, wie die zwei |flügel an dem Leibe einer Taube." Gefühl und Verstand bilden in Mirem Zusammenhang erst ein Einheitliches, nenne man es: Charakter ||der Seele. Setzen wir nun für Gefühl und Verstand, vom einzelnen ffüf. die menschliche Gesamtheit bezogen: Sozialismus und Individualismus, oder Ethik und Ästhetik, oder Zivilisation und Kultur, so begreift sich leicht, daß unbedingt jedes System, das nur auf einen Teil, auf eine Seite der Dinge abzielt, unvollkommen wirken und die wahre Entwicklung zurückhalten wird. Tatsächlich beweist <Jie Geschichte des Menschengeschlechts unzweideutig, daß Sozialismus, sei er nun seiner Natur nach autokratisch, imperialistisch, kirchlich oder proletarisch, in uferloser Verelendung mündet. Individualismus, ob er auf Oligarchie, Latifundienwirtschaft, Trusts oder Kapitalwirtschaft sich gründet, endet in Vernichtung. Wir beobachten diese Erscheinungen bei den verschiedenen historischen Systemen oder Bewegungen, die entweder ein sozialethisches oder kulturell-ästhetisches Gepräge tragen. Israel dagegen darf sich des Vorzuges rühmen, daß es von jeher bestrebt gewesen ist, der Zivilisation und der Kultur gleichmäßig zu dienen, in richtiger Bemessung beide innig zu verbinden. Menschentum wurde von unsern Urvätern verbreitet, am Sinai in Gesetzesform gebracht und für alle Zeiten den Völkern übermittelt. Und ebenso nimmt mit der Erhebung in Ägypten der große Freiheitszug durch die Jahrtausende seinen Anfang. Er findet seine Fortsetzung in dem Protest und in dem Kampfe gegen griechische Oligarchien und römischen Cäsarismus. Zwar bezahlen die Juden, was sie hierbei für die Menschheit erringen, mit dem Bestehen ihres Staats. Allein, bildet ihre Zertrümmerung etwa für sie ein Hindernis, überall dort im Vortreffen zu erscheinen, wo es gilt, Fackeln des Geistes zu schwingen, der Forschung und dem Persönlichkeitsbewußtsein Gassen zu bahnen? Mit nichten! Vielmehr erscheinen sie als wichtigste Kulturelemente unter den Völkern des Morgen-, wie unter denen des Abendlandes. Sie sind die ersten in der Erfassung der Gedanken, die zur Entdeckung neuer Weltteile führen; sie bringen die Mittel auf zur Durchführung dieser Gedanken und stehen an der Spitze der dafür ausgerüsteten Expeditionen. Und so wie es zweifellos ist, daß die ultramontane Form des Sozialismus durch die Reformation zurückgewiesen wurde, so ist es auch zutreffend, daß die Triebkraft hierzu aus dem Streit um jüdisches Schrifttum hervorgegangen ist. Wohl wurde der Golus als schmachvoll empfunden; wrohl wurden die Opfer des Martyriums in der Zeiten Flucht schier endlos dargebracht. Indes so hoch mußte der Preis eingesetzt sein, auf daß unsere Stammesgenossenschaft sich die Krone als Weltvoik erringe, dem die Vermittlung zwischen Sozialismus und Individualismus zufällt. Freilich erst dann wird das, was als Erniedrigung gegolten, als Erhöhung umgewertet, gefühlt und unbedingt anerkannt werden, wenn über die Tragweite dieser Dinge überall Klarheit geschaffen ist. Kann unsere Stammesgemeinschaft ihren Aufgaben genügend gerecht werden, solange sie sich nicht auf eine öffentlich rechtliche Heimstätte stützt? Sie vermag es nicht, weil sie ohne diese Vorbedingung die hervorragenden Züge ihrer Eigenart nicht rein zur Geltung bringen kann. — (Schluß folgt) *) Ausführlicheres schrieb ich darüber in: „Leitgedanken sozialethischer und llietischer Natur", „Volkstum und Weltsendung" usw.

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