Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Die Kellereien von Rischon Lezion ZUR JUDENFRAGE Von GUSTAV TUCH (Hamburg) In den Spalten der „Welt" bin ich nur einmal mit einem größeren Beitrag erschienen. Der aber betraf einen literarischen Gegenstand, den Nachweis, daß der gesamte Goethesche Faust, das größte Kulturwerk der deutschen Literatu* von seinem Verfasser in unbedingte Beziehung zum jüdischen Schrifttum innerlich und äußerlich gesetzt ist. —Man wünschte, daß ich auch über andre Dinge über solche, die die Judenheit in der Gegenwart unmittelbar betreffen, in diesem zionistischen Organ mich ausspreche. Ich halte den Augenblick hierfür nunmehr für gekommen. Ich will nicht damit zurückhalten, daß zu der Zeit, als die jüdisch-politischeBewegungunsererTage zuerst urbietorbi, nach innen und nach außen hin ihre Fahne entfaltete, ihr Programm verkündete, dies unliebsam von mir empfunden wurde. Aus mehrerlei Erwägungen! Wohl habe ich mit dieser Bewegung von vornherein sympathisiert; auch habe ich (ohne die breitere Öffentlichkeit davon zu unterrichten; ich kann auch hier nicht auf die Sache eingehen), soweit es an mir lag, Steine des Anstoßes ihr aus dem Wege geräumt. Allein, ich wurde tief berührt, am wenigsten noch dadurch, daß meine eignen Bestrebungen ganz plötzlich und unvermittelt durchkreuzt wurden. Die Notwendigkeit selbstbewußter jüdischer Politik hatte auch ich erkannt. Aber die zionistische Politik genügte mir nicht; sie galt mir als nicht umfassend genug und einseitig, und ihre Aufrollung für verfrüht. Die Ansprüche Judas auf das Stammland sind unveräußerlich. Nun und nimmer dürfen sie preisgegeben werden. Aber es bestehen für uns noch andere, geschichtlich begründete Rechte, die wir mit nicht minderer Festigkeit und Zähigkeit durchzusetzen haben. Juda war das Stammvolk der Ethik, die von allen zivilisierten Völkern übernommen wurde und heutigentags über die ganze Erde verbreitet ist. Von und mit einzelnen ging die Erkenntnis aus; sie wurde zum Familienbewußtsein, zum Patriarchat, und gestaltete sich zur Nationalerrungenschaft. Nicht aber um hierbei stehen zu bleiben, sondern damit alle Völker der Erde ihrer teilhaftig werden! Das ist sowohl das unmittelbare, als auch das mittelbare Ergebnis im Entwicklungsgange der jüdi- Anm. d. Red. Wir freuen uns außerordentlich, einen Beitrag von so geschätzter Seite durch unser Blatt einer größeren Öffentlichkeit vermitteln zü können. Die Persönlichkeit Gustav Tuchs ist über die Grenzen Deutschlands all denen bekannt und wert zugleich geworden, die sich jüdischen Angelegenheiten ernsthaft widmen. Auf dem engeren Wirkungsgebiete deutsch-jüdischer Tätigkeiten wird man nicht leicht eine einigermaßen bedeutende Sache finden, an der Gustav Tuch nicht — und das trotz seines Greisen alters — mit Rat und Tat beteiligt ist. Das „Credo" eines solchen Mannes, dessen Urteil ebensosehr von warmer, seelischer Anteilnahme wie von einem durch reiche Erfahrung geschärften Blicke eingegeben ist, verdient es, mit liebevoller Aufmerksamkeit gelesen zu werden, — auch da, wo sich seine Gedankengänge nicht durchaus mit denen des Lesers decken. — Wir selbst werden gerne auf diese Ausführungen eingehender zurückkommen. sehen Idee. Die Aufrechthaltung und Steigerung dieses Ergebnisse zum Heile der Menschheit bildet für unsere Stammesgenossenscha 1 einen mehrtausendjährig geweihten, unantastbaren Rechtsanspruch, ebenso den Inbegriff ihrer Pflichten. .Das ist die Folgeerscheinur: der Zerstreuung und des langen Martyriums. Es wäre schier u; denkbar und unmöglich, diesen allumfassenden Segen zu eine Sondergut zurückzugestalten. Auch wenn wir auf staatliche Organisationen oder auf öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätten ur-* stützen dürften, ja, dann erst recht müßten wir der gewaltigen, uts überkommenen Aufgabe eingedenk sein, daß überall in der Wt r die Juden die Sendung fortzusetzen haben, die ihr geschichtlich s Erbteil bildet und in den Worten ausgedrückt ist: Du sollst e i Segen sein — für alle Völker. Diese Aufgabe ist so groß, d: um ihretwillen die stete Fortdauer Israels inmitten der Nation* gewährleistet werden muß. Wir würden der Ausführung der Ar gäbe uns entfremden, wenn wir nicht zum Wesen der Völker, unte denen wir leben, in innigste Beziehung treten, ohne jedoch restlc darin aufzugehen. Und zwar dürfen und müssen wir die Träg? der Überzeugung sein, daß wir, ohne nach materieller Macht un äußerer Würde zu streben, zur Führung in Gesittung und Kultberufen sind. Wir unterscheiden uns von den Völkern der Vergangenheit ur. ebenso von denen der Gegenwart dadurch, daß erstens der völkisch Gedanke nirgends und zu keiner Zeit so entschieden zum Ausdruck g bracht wurde, als durch Israel. Dafür zeugt, daß es bis in die Tage dt neuzeitlichen Emanzipation von der ganzen Welt als Volk betraeht' wurde, sowie, daß es ungeachtet Verbannung, Vergewaltigung, Ve folgung, Zerstreuung, ungeachtet des an ihm allzeit geübten Massei mordes und der Beraubung, als solches fühlte und jährlich am B freiungsfeste zu diesem Panier in aufrechtem Zuruf sich bekenn Wir unterscheiden uns ferner dadurch, daß wir außerdem ieigentümlicher Weise ein Weltvolk bilden. Solange dieses in dt Ghetti unter Tiefdruck gehalten wurde, war der „Zaun um die Tora ihm ein gewaltiges Erhaltungs- und Bindemittel. Seitdem ihm nie! länger vorenthalten zu werden vermochte, sich außerhalb & Zwinger auFFrei-Land zu entfalten, vermag es bis an die Grenzt der Assimilation zu reichen und doch das Berechtigte seiner Eiger art zu bewahren. Es blieben diese charakteristischen Unterschied aufrechterhalten, obgleich wir bis in die neueste Zeit vom Besi des Bodens abgetrennt wurden. Wir haben diesen, auch jetzt noc nicht, in organisierter Weise zu eigen, und die Sprache unser Vorfahren bildet längst nicht mehr das Gemeingut eines übe wiegenden Teiles der Stammesgenossenschaft. Den Boden werde wir wiedergewinnen und die hebräische Sprache ist keineswegs e storben, sondern zu kräftigem Leben erstanden. Alt und neu zi gleich ringt sie nach Anerkennung weit über die Kreise hinaus, di sich gegenwärtig ihrer, sei es als Gelehrten- oder Erbauungs-, sc