Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Boden gewinnt und unter breiteren Volksschichten Verständnis findet, Auch sonst hat der Zionismus in vielen Kreisen Sympathie gefunden... Was Herzl erreicht hat, wurde uns erhalten, und wenn nichts neues' geleistet worden ist, so ist niemand daran schuld. Die Dinge müssen' sich entwickeln, bis sie aktionsreif sein werden. Nicht nur in christlichen Privatkreisen, sondern auch in Regierungskreisen hat der'' Zionismus neue Freunde gewonnen. Das Wohlwollen machte sich auch auf türkischer Seite mehr bemerkbar und wenn die Zionisten ihre Pflicht tun werden, so werden sie ihr Ziel erreichen (Beifall). Ich besuchte, wie Sie wissen, in diesem Jahre Afrika. In Afrika, — einem freien Lande — ist die Bewegung so stark geworden, daß mir dort klar geworden ist, daß, wenn unsere Brüder in Rußland' emanzipiert werden, der Zionismus unter ihnen nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt werden wird. Ich brachte auch in Palästina sechs Wochen in zionistischer Arbeit zu. Ich fand alles zufriedenstellend, insbesondere die Anglo-Palestine Company, die beste Anstalt, die die Zionisten geschaffen habe. Auch sonst liegt im allgemeinen kein Grund zu klagen vor. Es wäre aber verkehrt, die Hände in die Taschen zu stecken und zu sagen: „Alles geht gut." Man muß arbeiten. Man muß Ziegel an Ziegel zum großen* Bau herbettr.igen. ... Herzl glich einem Adler. Er flog hoch über die Berge und erreichte die Wolkenhöhen. Wir sind keine Adler und müssen auf der Erde Schritt für Schritt gehen. Wenn es jetzt Leute gibt, die den Herzischen Plug nachahmen wollen, so möchte ich sie zur Vorsicht warnen. Sind die Schwingen nicht stark genug, so droht ein schwerer und schmerzlicher Sturz (Beifall). Daß der Zionismus politisch bleiben muß, ist eine Selbstverständlichkeit. Redner begreift nicht, wie man daran zweifeln könne. Nur wegen der Mittel können Meinungsverschiedenheiten manchmal vorkommen. Kein vernünftiger Kaufmann, kein Politiker kann im voraus sagen, welche Schritte er im gegebenen Augenblicke machen wird, um sein Ziel zu erreichen. Man muß sich immer den Grundgedanken gegenwärtig halten, aber die Mittel ändern sich im W?ndel der Zeiten. Zu diesen Mitteln gehört auch dasjenige, was man gewöhnlich praktischen Zionismus nennt. Es wird doch kein Mensch daran zweifeln, daß Dr. Herzl ein politischer Zionist war. Hat er ja den politischen Zionismus gegründet, und doch ist alles Praktische, was unserseits in Palästina gemacht worden ist, entweder durch seine Initiative oder mit seiner Bewilligung entstanden. Die Anglo- Palestine Company wurde unter Herzl gegründet. Die ersten Grundstücke, die für den Nationalfonds erworben worden sind, sind auf Herzls Antrag gekauft worden. Die Projekte der Versuchsstation, der Farm, der Siedlungsgenossenschaft sind unter seiner Leitung bewilligt worden. . . Und was ist noch außerdem Großes unserseits an praktischer Arbeit in Palästina geschehen? Herzl war also zugleich ein politischer und ein praktischer Zionist! Denn er war kein Prinzipienreiter, kein bloßer Theoretiker. Das Programm der Zionisten ist ja klar: Eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina. Diese können wir nur auf politischem Wege erlangen. Wir müssen der türkischen Regierung gegenüber loyal sein. Wir werden uns nicht wie die D;ebe in Palästina einschleichen, wir bedürfen der Erlaubnis der türkischen Regierung. Das ist unser unverrückbarer Standpunkt. Das ist unsere Thorah. Aber die Thorah hat auch Mephorschim (Kommentatoren) und jeder hat seinen eignen Peirusch (Kommentar) (Heiterkeit). Einer der Mephorschim meint, daß die Weigerung, sich einzuschleichen, bedeutet: daß wir mit Pauken und Trompetengedröhne unseren Einzug ins Land halten sollen! (Heiterkeit.) Andere meinen, daß „sich nicht einschleichen" schon bedeutet, wenn die türkische Regierung der Einwanderung keine Hindernisse in den Weg legt. Ich glaube, Zangwill war es, der einst in einer Polemik gegen die Orthodoxen gesagt hat, daß, wenn Moschiach einst nach Palästina kommt, er es gewiß nicht übel nehmen wird, wenn die Juden für ihn bereits alle Einrichtungen getroffen haben. (Heiterkeit.) Und ich glaube, daß es auch keinem politischen Zionisten unangenehm sein wird, das Land vorbereitet zu finden, wenn wir einmal die erstrebten politischen Garantien erlangen. Es wird gewiß kein Fehler sein, wenn wir inzwischen die Verhältnisse des Landes genau kennen wenn wir eine eigene Bank vorfinden werden, die uns unser Geld nach dem rechten Kurs einwechseln wird (Heiterkeit), wenn wir inzwischen die Privatinitiative fördern usw. Aber praktisch muß die Arbeit sein. Man darf die Mittel nicht vergeuden. Man hört jetzt oft, Palästina eigne sich gut für Privatinitiative. Gewiß, Privatpersonen können zumindest ebensogut nach Palästina wie nach Galveston gehen (Heiterkeit). Ein Removal- Committee wurde für die Ablenkung der Emigranten von New York errrichtet. Wahrscheinlich wird binnen einiger Jahre auch für Galveston ein Removal-Committee notwendig sein (Heiterkeit). Aber Palästina hat nicht nur Raum genug, auch Antisemitismus ist dort weniger zu befürchten, als in New York oder in Galveston (Beifall). Weshalb sollte man gegen die Einwanderung von Privatpersonen nach Palästina sein? Ganz so wie man die Auswanderer nach Galveston unterstützt, müßte man zumindest die Auswanderer nach Palästin i unterstützen. Nur müßte die Unterstützung eine rationelle sei-. Es soll kein Almosen sein — aus zwei Gründen: erstens besitze i wir keine Mittel dafür, und zweitens, wir haben wirklich keine Mittel (Heiterkeit). Redner hatte während seines Besuches in der palästinensischen Kolonie „Sichron Jakob" eine Unterredung m t Beamten der Ica, die ihm sagten, welch ein Segen die Angl. Palestine Company für die Kolonisten sei. Auf die Frage, wozu die Kolonisten sich Geld von der Anglo Palestine Company ausborgen müßten, da sie doch die Ica zur Verfügung haben, eru derten die Herren: Ja, aber das Geld, welches wir ihnen geben, zahle i sie uns nicht wieder (Heiterkeit). Die Anglo Palestine Compan gibt also das Geld für die Kupas Milwah .(Darlehnskasse der Kok nisten) und die Ica trägt lieber zu den Zinsen bei, als daß sie dz,; Kapital selbst vorstreckt. Das ist praktische Arbeit, und solch: praktische Arbeit setzen wir kräftig vor, indem wir neue Filiale i im Lande gründen. Und es gehört , mit zur Charakteristik diese; Arbeit, daß sie auch der türkischen Regierung genehm ist — den ihre Behörden in Palästina machen selbst Geschäfte mit der A. P. ( . Redner glaubt, daß Privatinitiative in Palästina viel gutes schaffe 1 und daß man in Palästina Geld verdienen kann. Nur muß mv \ praktische Erfahrung haben. In der zionistischen Bewegung, meinte der Redner, sind manclo Fehler zu bemerken, und er möchte nur auf einen der wichtigste 1 und folgenschwersten aufmerksam machen. Die Leute verstehe i es nämlich nicht, ihren richtigen Platz einzunehmen. Oft m\sc \ sich ein Dichter in Geschäftsfragen und ein Geschäftsmann sud t den Dichterlorbeer (Heiterkeit). Ein Bankier spricht über Erziehung fragen und ein Lehrer über Finanzen, ein Freidenker über Religie i und ein Geistlicher über profane Dinge. Redner möchte nicht mißverstanden werden. Der Gedanke liegt ihm fern, Prüfungen n t Befähigungsnachweis einführen zu wollen. Er selbst wurde nici.i in seiner Jugend zu einem Führer der zionistischen Bewegung e zogen. Er mußte sein Brot verdienen und hatte keine Zeit, sie i zu dieser Stellung studienmäßig vorzubereiten. Aber er wurde b rufen, und wenn man berufen wird, ist es Pflicht, dem Rufe; i folgen (Beifall). Und bis ein Besserer gefunden wird, sei er verpflichtet, seinen Posten innezuhalten (Lauter Beifall). Nur sind i viele da, die leiten möchten. Nicht alle Zionisten können Führ r sein. Sie müssen zu den Führern der Bewegung Vertrauen habe Es war sehr schwer, Bankiers für die Bewegung zu gewinnen, ni::i aber dürfen diejenigen, die die Finanzinstitute verwalten, nicht b i allen Kleinigkeiten gestört werden. Es ist auch nicht notwendig-, in öffentlichen Versammlungen darüber zu diskutieren, was gepflan i und welcher Boden gekauft werden soll. Es ist nicht Kaufmann art, über Geschäfte, die zu machen sind, Reden zu halten (Heiterkeit). Eine Arbeit aber gibt es, die alle Zionisten zu machen habe;. Mit einem Herzl'schen Satze ist es zu sagen: Der Zionismus ist d Rückkehr zum Judentum. Dazu gehört z. B., daß man die hebräisci; Sprache pflegen solle. Man läuft Gefahr, von den Kindern in Pai stina ausgelacht zu werden, wenn man ihnen gegenüber nicht : i gutem Hebräisch Rede stehen kann (Heiterkeit). Zionisten müsse i ihre Kinder im jüdischen Geiste erziehen. Eine Hauptarbeit jedo-;i muß jeder Zionist verrichten: Schekel sammeln und Schekel zahlcr denn dieser Massenbeitrag ist die Grundbedingung der Organisation Kann sich doch das Aktionskomitee von lauter Reden nicht erhalte* ' Die Erhaltung der Organisation ist Volkspflicht. Fände man einem reichen Mann, der die Hunderttausende aus eigner Tasche gebri würde, er würde das Geld ein Jahr lang geben, das zweite Ja! geben, aber würde er es zum drittenmal tun, so wäre er ein Na r und würde sich kaum zum Leiter der Bewegung eignen (Heiterkei Redner steht auf dem Standpunkte, daß man Schekel von all ' annehmen soll, auch von Nichtjuden. Jeder Jude soll d i Schekel zahlen, aber das aktive und passive Wahlrecht I den Kongreß, die Möglichkeit, die zionistischen Angelegenheit' * zu beeinflussen, soll an die Bedingung der Zugehörigkeit zu ein / organisierten zionistischen Ortsgruppe geknüpft sein. Und noe' eins möchte der Redner hervorheben: Es ist behauptet worde i. es sei ein Hindernis, daß die Leitung aus ^Vertretern verschieden r Richtungen besteht, und daß es im Interesse einer größeren Arbeu - fähigkeit wäre, die Leitung aus einer Partei zusammengesetzt; i haben. Diese Phrase hat etwas Bestechendes für den ersten Auge blick. Tatsächlich ist aber das Gegenteil davon wahr. Die Abgabe des Zionismus besteht eben darin, die verschiedenen Richtung! zusammenzufassen und zu einem gemeinsamen Zweck in Einkla;; zu bringen. Ist doch der Zionismus keine Chewra, sondern ei;■ ■- weltumspannende Bewegung, die ans den verschiedenen Kräfte ' ein Großes und Ganzes machen soll. Würde sich die Leitung n;: auf den Kreis einer einzigen Richtung beschränken, so wäre die Gefahr nahe, daß sich, wenn auch keine förmliche Spaltung eintriir. doch manche Kräfte fernhalten, und das wäre ein Schaden für c!;e