Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 29 DIE3BXE.LT; Kehilloth und Parnessim, Kalphe (Wahlurne) und „Memunim" (Aufseher) — hatten wir seit jeher. Und jedeKehilla hatte ihren Pinkos (Chronik) und es wimmelte von Organisationen. Wer kennt sie und was nutzten sie? Die Lehre, der Gedankeninhalt, die Träger des Geistes haben das Judenvolk erhalten. Das ist es, was wir Kultur im Zionismus nannten. Nicht quälerische Grübeleien, sondern Verinnerlichung. In der Unruhe des ersten Werdens sehen viele dies nicht deutlich genug. Man ergriff tausend Dinge zuerst, bevor man das ergriff, dessentwegenwir überhaupt etwas suchen: den nationalen Gehalt. Es graut mir 13 vor dieser Erkenntnis, daß wir auch jetzt vor unserer eigentlichen Aufgabe fliehen — eine Flucht vor sich selbst! Denn vor allen Dingen steht dies fest: Gehoben müssen wir werden! Die Einrichtungen, die Statuten, und wie die Dinge alle heißen, sind nur Worte, Worte, Worte! Unser Geist muß genährt, gestärkt und gehoben werden, und — täuschen wir uns nicht über unser Elend! — in dieser Beziehung haben wir noch blutwenig geschaffen. Wir bedürfen deiner, du jüdischer Denker, in der Mitte der steingewordenen Institutionen, damit du sie mit deinem Geiste belebest! N. S. o o o o o o o C 1 ooojj AUS DER BEWEGUNG ff o o o o o o >) in o o o o o Ein Vorkongreßmeeting in London Anläßlich der Anwesenheit des Präsidenten des A. C, Herrn David Wolffsohn in London, der in Angelegenheiten des Jewish Colonial Trust mehrere Tage daselbst weille, veranstaltete die Federation ein Meeting, das sich eines massenhaften Zuspruchs erfreute. Der Redner des Abends war Herr Wolffsohn. Dr. Gaster, der Präsident der Federation, begrüßte als Vorsitzender der Versammlung Herrn Wolffsohn aufs herzlichste und betonte, daß sie mit Rücksicht auf den bevorstehenden Kongreß die Äußerungen des Präsidenten des A.C. mit besonderer Spannung erwarteten. Herr Wolffsohn, der mit lauten Beifallsrufen empfangen wurde, erklärte zunächst, er sei, wie die Versammlung bereits aus dem Munde des Dr. Gaster erfahren habe, nicht nach London gekommen, um dort Reden zu halten. Er betrachte es überhaupt nicht als seine spezielle Aufgabe, im Zionismus oratorisch zu wirken; nichtsdestoweniger wäre er froh gewesen, als er die Einladung bekommen habe, auf diesem Meeting eine Ansprache zu halten, und dies besonders mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Zeitpunkt, der es als rätlich erscheinen läßt, viele Mißverständnisse und Irrtümer, die in der Bewegung herrschen, zu zerstreuen und die Dinge ins richtige Licht zu rücken. Es sei ihm besonders angenehm, wiederum mit Dr. Gaster, dem verehrten Präsidenten der Englischen Zionistischen Federation auf einer Platform zu erscheinen. Manche glaubten, daß zwischen ihm und Dr. Gaster Zwistigkeiten herrschen. Er möchte festgestellt wissen und durch das gemeinschaftliche Erscheinen es den Leuten anschaulich machen, daß keine Zwistigkeiten bestehen. (Beifall.) Sie arbeiteten beide nicht für die Verherrlichung ihrer Person. In der zionistischen Bewegung ist kein Raum für persönliche Ambitionen vorhanden. (Beifall.) Mögen wir auch manchmal vorübergehenden Aufregungen zugänglich sein, so sind doch diese Störungen nur ganz oberflächlicher Art, ohne die zugrundeliegende Einheitsidee zu beeinträchtigen . . . Als ich vor zwei Jahren die Führerschaft der zionistischen Bewegung übernommen hatte, war die La.ge sehr schwierig. Wir hatten unseren Führer verloren, den Mann, der die Bewegung geschaffen und geleitet hat. Der erste Kongreß nach Herzls Tod zeigte schon, daß der Zionismus ohne Herzl nicht wie der Zionismus mit Herzl war. Der Kongreß war nicht einig, und eine Spaltung trat ein. Männer, die an unserer Seite mitgearbeitet hatten, trennten sich von uns und versuchten es, eine neue Bewegung zu schaffen. Kaum hatte ich das Bureau der Bewegung nach Köln verlegt, da kamen plötzlich die Schreckensnachrichten aus Rußland. Um das Fürchterliche dieser Nachrichten kurz zu bezeichnen, wird es genügen, wenn man sagt: es waren Pogromnachrichten. Eine Zeitlang war die Bewegung ausschließlich von dieser Katastrophe beherrscht. Unsere Bemühungen gipfelten bekanntlich in der Brüsseler Konferenz, zu der-auch andere jüdische Körperschaften zur Mitwirkung eingeladen worden sind. Die Konferenz hat nichts Bedeutendes ergeben. Aber wir haben alles getan, was in unserer Kraft lag ... . Die Pogrome haben die Bewegung in Rußland zeitweilig ge lähmt; die dortigen Zionisten sind in den Wirbel der Ereignisse hineingerissen worden und konnten sich nicht in demselben Maße wie früher der Propaganda widmen. So mehrten sich die Schwierigkeiten. Wenn also dem Aktionskomitee der Vorwurf gemacht wird, daß es wenig geleistet hat, so ist dies ein ungerechtfertigter Vorwurf. Es bedurfte der größten Anstrengung, das Bestehende zu erhalten. Man verlor den Mut und war der Verzweiflung nahe, als man die sich häufenden Schwierigkeiten und den Mangel jeglichen Fortschritts sah. Aber das Aktionskomitee verzagte nicht. Es richtete seine Blicke in dieser Not auf die jüdische Geschichte und sagte sich: „En kol chodosch tachas haschemesch" — auch dies war nicht ein Neues. Als unser erster Führer Moses das Volk aus Ägypten geführt hatte, dauerte es gar nicht lange, und die Begeisterung, die beim Auszug geherrscht hatte, begann abzuflauen. Die Leute hatten ihren Mut verloren. Einige wollten sofort nach Palästina, ohne die Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen, zu berücksichtigen. Sie waren ungeduldig. Andere sagten — und man darf nicht glauben, daß es böse Menschen waren—: „Was nützt uns ein Zukunftsland? Unsere Kinder schreien nach Brot. Warten wir nicht auf Palästina, sondern „laßt uns umkehren nach Mizraim!" Es ist eine Utopie. Die Großmacht Amalek und das Riesengeschlecht des Og Melech Habasan wird es niemals zugeben, daß Palästina den Juden gegeben wird." Diese Ungeduld mußten sie mit schweren Opfern büßen: 40 Jahre Wüste. Diese Generation war zu klein für die große Aufgabe. Und als endlich das Volk sein Land hatte und sich zu einem Königreiclventwickelte mit einem Salomo an der Spitze, da genügte es, daß der große König starb, um wieder Ungeduld, Spaltung und Zwistigkeit im Volke hervorkommen zu lassen. Und als Rechabeam mit einer unvernünftigen Erklärung — oder wie wir heute sagen würden, einer „Resolution" — seine Regierung eröffnet hatte, da trat wieder ein großer Teil des Volkes gegen ihn auf und gründete eine neue Partei mit einer eigenen Regierung unter Jerobeam ben Newot. (Dr. Gaster: Hear, Hear! und Heiterkeit.) Ein Bruderkrieg brach aus, und Judäa wurde geschwächt. Fünfsechstel des jüdischen Volkes trennten sich ab. Man weiß noch heute nicht, wo sie geblieben sind. Man sucht sie in allen dunklen Winkeln der Welt. Aber der kleine Teil — Judäa — ist geblieben. (Lauter Beifall.) Der einzige Grund ihrer ununterbrochenen Fortdauer war ihre Treue zum Lande. Sie hielten an Zion fest. Das war die Stätte, wo sie sich entwickelten, und das ist die Stätte, wo sich das jüdische Volk auch jetzt noch entwickeln kann. Was soll man aus der Geschichte lernen? Daß man nicht die Irrtümer der Väter wiederholen soll. Man soll die Sache weder durch Übereifer noch durch Verzweiflung verderben. Die Juden werden verfolgt, die Not ist groß, und in einer so sorgenvollen Zeit darf kein Bruderstreit herrschen (Beifa'l). Man soll zusammenhalten und sich nicht infolge der Unzufriedenheit wegen eines Beschlusses trennen und eine Spaltung herbeiführen. Ich hoffe, daß die große Masse des Volkes begreifen wird, daß man nur durch Einigkeit etwas erreichen kann. Trotz der Enttäuschungen ist die zionistische Bewegung, die zionistische Idee, nicht zurückgegangen. Es war kein Niedergang im Laufe des Jahres zu bemerken. Wohl ist es wahr, daß infolge der erwähnten Schwierigkeiten weniger Schekel verkauft worden sind. Allein — der Schekel ist zwar wichtig, doch er ist nicht alles. Der Zionismus hat sowohl nach innen, wie nach außen Fortschritte gemacht. In Österreich besteht jetzt eine jüdische Partei im Reichsrat. Ich bin zwar nicht für die Vergeudung der Kräfte der zionistischen Organisation in innerpolitischen Angelegenheiten. In Rußland und in Österreich haben die Wahlkämpfe die ganze Kraft der Zionisten in Anspruch genommen, so daß unsere Sache infolgedessen vernachlässigt worden ist. Aber die Folge dieser Erscheinung ist der Umstand, daß die jüdische Nationalidee neuen