Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Mit welcher höllischen Freude erwarten sie seine wilden Reden, damit sie sie vor den Augen des zivilisierten Europa ausbeuten können durch ihre europäische Presse, die sie fast durchweg beherrschen. Jede Stimme, die Cuza gegeben wird, ist gegen die Demokratie abgegeben, denn er ist ein Reaktionär, der nur den Demokraten spielt. Jede dieser 'Stimmen ist ein Verrat am Volke, denn es ist die Ermutigung einer Haltung, die eine Frage ins Rollen bringt, die verschwiegen und versteckt werden wuß." VOR DEM KONGRESS (Gedankensplitter) seit dem ersten Einem „ausdauernden" Genossen Kongreß ins Stammbuch! Mein Bruder, zähle nicht die Wegziehenden und nicht die Angekommenen! Klage nicht ob der Gehenden und freue dich nicht über den Zuwachs! Zürne niemandem, schmeichle niemandem! Sei dessen eingedenk, daß viele das Lager verlassen und daß sich viele andere ihm anschließen werden. Ganze „Blöcke" werden zerschellen, und ihre Reste werden im Weltenraum wie die Scherben zertrümmerter Himmelskörper meteorartig herumirren. Bei manchem wirst du diese Wahrnehmung machen: heute lodernde Begeisterung, morgen Mattigkeit, Überdruß, Verzweiflung. Gestern noch ein Himmelsstürmer, ein Glühender, ein Apostel, — heute ein Verglimmender, das müde Haupt auf dem weichen Kissen der Alltagsbequemlichkeit. Gestern noch ein Cherub mit Adlerflug, heute ist der Cherub dick geworden. Hingebungsvolle Aufopferungsfreudigkeit gestern, heute kleinliches Nörgeln und kühle Verärgertheit. Mein Bruder, kennst du doch die großen Versammlungen und die gewaltigen Eindrücke! Mancher wird augenblicklich hingerissen; doch kaum hinausgegangen, wird er wiederum das, was er früher war. Er gleicht dem Frommen, der in der Jom-Kippurnacht an der Fensterscheibe seines Nachbars pocht, mit dem er sich erst am Erew-Jom-Kippur, dem Brauche gemäß, ausgesöhnt hatte, ihm zurufend: „Nun bleibt wieder alles beim alten!" Ihr Männer der Wiedergeburt! Kennt ihr die Frühlingskunde? Eine Welt von Duft und Harmonie, von Wonne und Herrlichkeit. Aber ins Freie hinaus, — und da ist noch Kälte und Schmutz und Winterfäulnis, und die Regentropfen' stechen wie die Nadeln und dringen tief ins Fleisch. KenntihrdieSchmerzender Wiedergeburt? Im Laufe der Bauarbeit steigen, infolge des Abreißens der alten Ruinen, Staubwolken auf, die alles ringsumher verdunkeln. Und dieser Staub wirkt oft schwächend, störend und einschläfernd auf die Arbeitsleute. Und hört ihr nicht in diesem Staube das Volk, das zu euch spricht, und hört ihr nicht die Stimme der sprechenden Toten, die Stimme der Geschichte, das Säuseln der wehmutsvollen Sage, und fliegen nicht die Geister der Ahnen, wie die Adler, über euren Häuptern, so sage ich euch: Ihr werdet vor diesem Staube fliehen! Es ist aber ganz gleich, ob ihr fliehet oder bleibet. Das Volk, nachdem es in die Wiedergeburtsperiode eingetreten ist, kann nicht mehr zurück. Nur die Vorposten lösen sich ab; die einen gehen, die andern kommen. Und hinge es von einzelnen Menschen ab, so könnte eine Katze auf ihrem Schweife unseren nationalen Besitzstand wegtragen. Jeden Tag schafft sich die Wiedergeburt siebenundsiebzig Feinde, und siebenundsiebzig Feuersäulen von Enthusiasmus erlöschen. Hartherzig ist die Bewegung; sie kennt keine Menschen; ach, oftmals kennt sie auch keinen Dank. Sie ist wie eine Mühle; sie verarbeitet und zermalmt. Die Müden werden hinausgeworfen, und andere kommen, um vielleicht einmal auch hinausgeworfen zu werden. Aber das Ganze bleibt. Wir haben Baufälliges und Festes, aber des Festen mehr als des Baufälligen. Der Saft im Baume ist stärker als der Wind, der die Blätter abreißt. Deshalb wird die Wiedergeburt gelingen. Einem Grübler! Sie spitzen Ohren und Bleistift und fragen: Welche neuen Thesen sind geschaffen worden? Lieber Freund! Genug des Grübelns! Sie kommt nicht vom Kopfe, sondern vom Herzen, die Wiedergeburt! Genug des Spinnens der armen Gedanken, über die Sie sich freuen, wie der Bettler über seine Fetzen. Es sind ja nur Fetzen, die schon andere getragen haben. Ein reicher Mann wird vorbeigehen, einen Blick werfen, hier einen Riß, dort eine zusammengeflickte Naht zeigen. Haben Sie einen siegreichen Gedanken erzeugt? Wird Ihnen irgendein Bücherwurm nicht nachweisen, daß Ihre Ideen schon gedacht worden sind? Wird er Sie nicht mit Zitaten steinigen? Fürwahr, alle Ideen wurden schon gedacht, die Ideen über den Geist des Volkes und über das Volk des Geistes, über die Lehre der Tradition und über die Tradition der Lehre, über die Mission und über die Propheten, über die Gewalt des Genius, über die „Sechsunddreißig Gerechten", die die Welt erhalten, über die Vergangenheit und über die Zukunft! Wählen Sie sich ein Thema, schreiben Sie ein Buch darüber, und Sie werden Rezensionen erleben. Es wird mit Posaunengedröhne zwanzig Forscher aufscheuchen. Und bilden Sie sich ein, daß Sie etwas entdeckt haben, was viele Gelehrte, die vor Ihnen gelebt, geforscht und gestorben, nicht ahnten. Ich will es gerne zugeben. Aber nicht davon wird die Wiedergeburt des Volkes kommen. Sie wird kommen von den großen Taten und von den Herzen. Treten Sie an diesen Herd heran, er bringt Wärme. Aber schleudern Sie keine Eisflocken in die Flamme! Es war einst ein großer Held, der in der Stunde des heißen Kampfes den grobianischen Ruf erließ: In die Mitte mit den Gelehrten und den Eseln! Denn hingekommen waren die Gelehrten, um die Altertümer zu erforschen und die Natur zu beobachten und seltene Pflanzen zu sammeln; sie hinderten jedoch den vorwärtsschreitenden Zug, - und auch die schwerfälligen Esel hinderten ihn. Hat jener Held die Gelehrten beleidigt? Hatte er sie ja selbst gebeten, seinem Zuge zu folgen und pflegte er ja ehrfurchtsvoll zu ihnen hinaufzublicken! Aber sie hinderten den Zug durch ihre Pedanterien. Und ich sage euch: die Gelehrten, die hindern werden, sie mögen so weise sein wie Salomo, die Wiedergeburtsbewegunii wird sie samt den Eseln mit frecher Geste zurückdrängen. Denn hartherzig ist die Wiedergeburtsbewegung. Der Kopf kennt diese Härte nicht, aber das Herz hat viel Härte, weil es viel Liebe hat. Dem Denker! Nicht vor der Deputiertenkammer oder vor dem Senat, oder vor dem Hotel de ville hat Paris die Rodinsche Denkerstatue auf gestellt, sondern vor dem Pantheon, obwohl die riesig massiven Proportionen des Ruhmestempels niederdrückend lasten. Es soll heißen: hier ist Abgeklärtheit, hier kann man nachdenken. Ja, die glücklichen Völker können schon diese Teilung machen Bei uns möchte ich den Denker in die Kahalsstube, in die Konferenz, in den Kongreß bringen. Wohlgemerkt — nicht den vernebelter und verschleierten Grübler, sondern den Denker, nicht den Archäologen, sondern den Künstler. In das rastlose Sammeln und Auseinanderstreuen, in das Durcheinanderrennen und das Voneinanderablernen. in das Lärmend-Festliche mit den klingenden Wortschellen möchte ich dich hineinführen, du Schlachtendenker im Kampfe des Daseins.