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Die Welt · 1907-07-19 · 29 (19.7.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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schiedenen Schichten der polnischen Gesellschaft. Sobald es von den politischen Organisationen angenommen werden wird, wird mäh Unterhandlungen mit der „Jüdischen Nationalen Gruppe" und dem .„Verbände für Jüdische Vollberechtigung" anknüpfen. i Auf diese Weise hat das „Kolo Polskie" seine bisherige par excellence-antisemitische Stellung zu den Juden verändert. Doch soll man sich keine Illusionen machen. Es geschah nur unter dem Drucke der äußeren Verhältnisse, die eine selbständige Politik des „Kolo Polskie" unmöglich machen. Jetzt heißt es, den noch übrjg gebliebenen schwachen polnischen Posten in den westlichen Provinzen um jeden Preis zu behaupten. Was die jüdischen Massen anbelangt, so zeigen sie, obwohl alle politischen Parteien prinzipiell beschlossen haben, an den Wahlen in die dritte Duma teilzunehmen, ein nur sehr schwaches Interesse in dieser Beziehung. Man fühlt einen instinktiven Unwillen, vielleicht sogar Mißtrauen im Verhältnis zu diesem „dritten russischen Parlamente", was sich durch die aus der Geschichte der kurzen Existenz der ersten zwei Dumas erworbene traurige Erfahrung leicht erklären läßt Die Initiative zur künftigen Wahlvereinigung von Polen und Juden kam von jüdischer und polnischer Seite fast gleichzeitig. Sollte sie zustande kommen, so würden in ganz Litauen und den westlichen Gouvernements die vereinigten Blocks der Juden und Polen siegen. Im Königreich Polen haben die Juden bei der so sehr reduzierten Deputiertenzahl fast gar keine Möglichkeit, einen jüdischen Kandidaten durchzubringen. Die russischen Zeitungen brachten die bis jetzt noch unbestätigte Nachricht, daß eine jüdische Gruppe mit dem früheren Deputierten Winawer an der Spitze sich bemüht, von der Regierung die Erlaubnis zur Bildung einer speziellen jüdischen Kurie für Juden des ganzen Reiches zu erlangen, welche 14 bis 15 jüdische Deputierte, nach dem prozentualen Verhältnisse der Juden zur übrigen Bevölkerung, wählen könnte. Sehr interessant ist das Verhalten der Chassidim im gegenwärtigen politischen Momente, das in ihrem seit einigen Monaten in Warschau erscheinenden hebräischen Zeitungsorgane „Hakol" deutlich zum Ausdruck kommt. Bisher haben die Chassidim an der Behandlung der sozialen und politischen Fragen gar keinen Anteil genommen, sie interessierten sich für diese nur in dem Falle, wenn die Ereignisse die Freihejt der Ausübung des religiösen Rituals beeinflußten. Doch ihren Überzeugungen nach tendieren die Konservativen zu den reaktionären politischen Strömungen. Nach der Dumaauflösung brachte „Hakol" einen Artikel, in dem die Politik der Regieruug vollständig gebilligt wird; die zweite Duma dagegen wird scharf verurteilt und gebrandmarkt dafür, daß sie sich in Angelegenheiten einmischte, die sie nichts anginge. Bei der Besprechung anderer Fragen, z. B. des Verhältnisses der Juden zu den Polen, zeigt „Hakol" gleichzeitig neben einer tiefen Ignoranz und Taktlosigkeit auch einen tiefen Obskurantismus, und das Auftreten dieser Zeitung kann so leicht großen Schaden stiften. Ein rumänisches Dokument N Nachstehend veröffentlichen wir einen Artikel, der im „Liberatul", dem Jassyer Organ der jetzigen Regierungspartei, erschien. Dieser Artikel enthält ein so naiv-freimütiges Bekenntnis in bezug auf die Judenfrage, er zeigt so scharf die rumänische Heuchelei und Verlogenheit, daß wir glauben, ihn durch unverkürzte Wiedergabe als politisches Dokument einer weiteren Öffentlichkeit vermitteln zu sollen. Der Artikel lautet: „A. C. Cuza, ein Feind des Landes. Alle diejenigen, welche sich über die Lage des Landes, über die Interessen des rumänischen Volkes klar sind, begreifen, daß wir den Juden keine Rechte einräumen können. Den Juden jetzt Bürgerrechte zu verleihen, wäre gleichbedeutend mit der Zertretung des rumänischen Volkes -— insbesondere der Bauernschaft und der produktiven städtischen Bevölkerung — durch das jüdische, das unsern Aspirationen und Idealen fremd gegenübersteht. Den Juden unseres Landes können wir übrigens widerstehen, ihre Agitation kann uns nicht beeinflussen. Was uns aber fatal werden kann, wäre die öffentliche Meinung Europas, die uns zwingen kann, den Juden diese Rechte zu verleihen. Wir waren bereits in Gefahr im Jahre 1879, als uns Europa die Früchte des Krieges, des auf den bulgarischen Schlachtfeldern vergossenen Blutes, nur gegen Verleihung der Bürgerrechte an die Juden zusprechen wollte. Damals konnten wir widerstehen, indem wir uns die Freiheit, in unserem Lande tun zu dürfen, was uns gefällt, mit Milliarden erkauften, denn wir haben für den Ankauf der Eisenbahnen den dreifachen Preis bezahlt, nur damit wir nicht gezwungen seien, den Juden Rechte zu veieihen. Wir konnten auch deshalb noch loskommen, weil Rußland in dieser Frage interessieit war. Rußland aber wollte es durchaus nicht zugeben, daß auch nur imt1Prinzip die Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen werde, denn es hatte ja seine eigenen Juden. Jetzt aber, da eine Kommission der Duma bereits die Gleichberechtigung der Juden für berechtigt erklärt hat, jetzt, da Rußland wesentlich schwächer ist, ist unsere Situation viel schlechter. Wir sind ein kleines Völkchen von nur 6 Millionen Seelen, und wenn uns Europa jetzt zwingen wollte, den Juden die Bürgerrechte zu verleihen, könnten wir nicht mehr widerstehen. Wir könnten jetzt Europa nicht mehr Milliarden in den Rachen werfen. Wir können auch nicht mehr auf Rußlands Unterstützung rechnen, da es selbst den Juden Gleichberechtigung zu gewähren im Begriffe ist. Da wir das einzige Volk in Europa sind, das den Juden keine Rechte zuspricht, könnten wir also dem Wunsche Europas nicht mehr Widerstand entgegensetzen,- besonders da es sich durch die Bauernrevolten gezeigt hat, daß wir 40 Jahre nach Gewährung der Konstitution noch ein so schwaches Land sind. Wo liegt nun unser Interesse? In unserem Interesse ist es, daß noch 20—30 Jahre die jüdische Frage nicht vor Europa gebracht wird. Diese Frage soll so lange nicht zur Diskussion kommen, als wir nicht ein starkes Volk sind, bis nicht aus der rumänischen Bauernschaft eine aufgeklärte, bewußte und wohlhabende Bevölkerung geworden ist. Wenn es so weit sein wird, dann werden wir auf unsere eigene Kraft vertrauen und nach Maßgabe unseres eignen Interesses beschließen, was wir zu tun haben. Und nun sehen wir, daß ein Erzreaktionär, A. C. Cuza, um ein Mandat fürs Parlament zu erlangen, auf dem Antisemitismus herumreitet, indem er an der Universität hetzt, den jüdischen Jargon imitiert, alle Leidenschaften aufwühlt, indem er die Leiden der von den Juden im Kampf ums Dasein Besiegten ausbeutet, die Jugend verdirbt, indes er sie von ihren Studien ablenkt. Kurz, um einer erbärmlichem Gloriole willen agitiert er in einer Frage, die im Interesse der Rumänen unberührt im Dunkeln schlummern müßte. Man kann den Juden keinen bessern Dienst leisten, als wenn man für die Aufrollung dieser Frage arbeitet. Wenn die öffentliche Meinung Europas, die nicht begreift, weshalb wir den Juden die Gleichberechtigung nicht gewähren können, die nicht versteht, daß dies einem Selbstmord gleichkäme, sehen wird, daß ein Universitätsprofessor die Universitätsjugend gegen die Juden aufwiegelt, und daß das geduldet wird, ja, daß man ihn sogar ins Parlament schickt (wo er das Verbrechen begehen wird, daß er als Patriot die Judenfrage aufs Tapet bringt), dann wird dieses Land zweifellos den ersten Schritt zum Selbstmord getan haben. Dieser infame Reaktionär, der im Trüben fischen will, der sich mitTarabutu liiert hat, mit demselben Tarabutu, mit dem zusammen er vor einigen Jahren die Fensterscheiben der Juden eingeschlagen und das Land gezwungen hat, sich vor dem Auslande zu demütigen u nd mit großer Mühe das Wied er auf roll en der Judenfrage zu unterdrücken, — was will er jet?t noch? Wenn er einen Tropfen patriotisches Empfinden hätte, jetzt, da er nicht mehr 20 Jahre alt ist, würde er einsehen, daß er diesem Lande keinen größeren Schaden zufügen kann, als wenn er einen Brand anfacht, der das ganze Land in Flammen hüllen kann. Alle diejenigen, die nicht dazu verhelfen wollen, daß das Vaterland zugrunde geht, müssen also diesem gewissenlosen Menschen den Rücken kehren. Diesem Volksverräter, -- ja Verräter, denn wir glauben nicht, daß er unzurechnungsfähig ist, daß er nicht begreifen kann, was jeder halbwegs Gebildete begreifen muß, daß nämlich die Aufrollung der Judenfrage" im Interesse der Juden und zum Schaden des rumänischen Vaterlandes wäre. Wir, die wir uns alle Mühe geben, der Welt zu beweisen, daß die „Judenfrage" eine (sau-) jüdische Erfindung ist, daß wir das toleranteste Volk sind (und Wir sind es auch),— wir dürfen uns keine Blöße geben, wir dürfen nicht zeigen, daß wir die Bestialität ermutigen. Mit welcher Wonne erwarten die Juden des In- und Auslandes Cuzas Wahl!

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