Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Minsk 2× ep/1000754
- Vilnius 1× ep/1000947
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10 DIBBELT No. 2'J und Arbeit, Energie und moralische und materielle Opfer notwendig sind — jetzt ist es zu wenig, von den organisierten Mitgliedern nur einen Schekel zu verlangen — es ist zuviel, alle Rechte für eine solche Kleinigkeit zu gewähren. Arbeit und Tüchtigkeit allein sollen den Maßstab abgeben für die Aufnahmefähigkeit eines Zi nisten in unsere Organisation. Und ebenso müssen unsere Leiter! ohne Rücksicht auf ihr Vermögen nur nach Maßgabe ihrer Begabui < für das Amt gewählt werden. DIE JETZIGE SITUATION IN RUSSLAND (Die Juden und das Wahlrecht. Die Nationalitäten. Wahlgeometrie. Die Volksgruppe. Vom schwarzen Verbände) * (Von unserem Korrespondenten) Bekanntlich sind die Juden ihres Wahlrechts nicht beraubt worden; es wird sogar behauptet, daß die Chancen der Juden jetzt besser seien. Doch alles hängt ganz und gar von der Regierung ab. Das Gefährliche der Situation für uns liegt nicht an den Gesetzen, sondern an der Tendenz, — und die ist unbedingt antisemitisch. Zu den Mitteln, welche das neue Wahlgesetz an die Hand gibt, um eine regierungsfreundliche dritte Duma zu bilden, gehört auch die Bevorzugung der „echten" Russen und die Verminderung der Rechte der „fremden Nationalitäten". Bezeichnend ist für diese Tendenz die Behandlung der Polen. Es war den „echten" Russen unangenehm, daß die polnische Fraktion in der letzten Duma 46 Mitglieder zählte, von deren Abstimmung die Entscheidung der wichtigsten allgemein-russischen Fragen abhing. Da bot sich ein einfaches Mittel, um dem Übel abzuhelfen, Die Zahl der polnischen Deputierten wurde, wie bekannt, von 46 auf 12 reduziert. Bei weiteren Abänderungen des Wahlgesetzes kann man diese noch mehr — etwa auf fünf, oder sogar drei — reduzieren. Nun betrifft diese Maßregel nicht direkt die Juden, aber eine viel weitergehende Bedeutung als diese mechanische Herabsetzung der Deputiertenzahl hat für die Schwächung der nichtrussischen Vertretung, damit also auch 3er jüdischen, die Bestimmung des Wahlgesetzes, wonach es dem Minister des Innern anheimgestellt wird, nach eigenem Ermessen für verschiedene Nationalitäten gemeinsame oder getrennte Wahlkurien zu bilden. Daß unter „verschiedenen Nationalitäten" auch die Juden gemeint sind, unterliegt kaum einem Zweifel. Aus Kiew und Minsk berichtet man bereits, daß die dortigen Reaktionäre den Minister ersuchten, die Wahlen in den städtischen und Bezirksversammlungen getrennt nach den Nationalitäten vorzunehmen. Diesem Gesuche scheint man entsprechen zu wollen, denn die Wählerlisten werden schon getrennt für verschiedene Volksstämme zusammengestellt. In Kiew und Minsk wie in vielen anderen Städten des westlichen wie auch des sud- und nordwestlichen Rußlands bilden Juden und Polen einen bedeutenden Teil der Wähler. Zum übergroßen Teil gehören sie zu den progressiven Parteien. Was die russische Bevölkerung dieses Rayons anlangt, so gehört ein Teil von ihnen progressiven Richtungen an, während die Mehrheit zu den rechten Organisationen zählt. Findet die Wahl der Wahlmänner in gemeinsamen Kurien statt, so können sich die progressiven Elemente vereinigen, eine nationale Gruppierung dagegen sichert den rechten Gruppen den Sieg. So ist eine nationale Gruppierung in den Städten für uns Juden fatal. Gut wäre es, hätten wir als Nationalität, auf Grund des national-proportionalen Prinzips, ein gewisses Fixum von Kandidaten. Aber wir haben nur die Nachteile der nationalen Gruppierung ohne deren Vorteile. Inwiefern sich diesmal die zionistische Organisation mit den Wahlen beschäftigen wird, ist noch nicht ganz entschieden. Die sogenannte Jüdische Nationale Gruppe dagegen rüstet sich schon ganz energisch zum Wahlkampfe. Der Beschluß der Delegierten dieser Partei, an den Wahlen teilzunehmen, gelangte bald zur Ausführung. Es werden überall Wahlkomitees errichtet. Das Bestreben geht dahin, aus jeder Gouvernementsstadt des Ansiedelungsrayons wenigstens je einen Juden zu wählen. In Wilna soll der Petersburger Rechtsanwalt Sliosberg kandidieren. Die gewesenen Mitglieder der ersten Duma, die Herren Winawer und Ostrogorski, sollen Versammlungen in den Kreisstädten organisieren. All diese Nachrichten werden durch die allgemeine Presse verbreitet und können nur den Zweck haben, mit dem Judengespenst zu schrecken. Wenigstens je ein Jude aus jedem Gouvernement des Ansiedelungsrayons, — das hieße 16 Juden! Es ist naiv, so etwas anzunehmen. Daß Wilna jetzt den Polen entrissen werden kann, ist auch sehr unwahrscheinlich. Der frühere Kandidat, Herr Grusenberg, erfreute sich einer ungeheuren Popularität, doch gelang es ihm nicht, durchzudringen. Wie soll es jetzt Herrn Sliosberg gelingen? Es naht abermals die Gefahr, daß in dem Falle, als die sog. Nationale Gruppe es versuchen wird, die Wahlen zu beherrschen, die Judenschaft Rußlands sich in verschiedene Parteien spalten wird. Der einzige Weg ist, den Gleichberechtigungsverband dur ii| vereinte Kräfte der Zionisten, Volkstümler, „Dergreicher" etc. wiec r| ins Leben zu rufen. Dieser Verband dürfte die Ambitionen d r| einzelnen Gruppen in Schranken halten und eine gemeinsame! Campagne eröffnen. Das ist um so notwendiger, als sich von Tag zu Tag die Zeich i einer herannahenden antijüdischen Bewegung mehren. Unter d i| bisherigen Gemäßigten der „echten" Russen läßt sich ei e| Schwenkung nach rechts bemerken. Auch Metropolit Antonij l| in ihre Reihen getreten. Während der Tagung der zweiten Diu hatte er viel von den „echten1' Russen zu leiden, weil er sich < laubt hatte, verschiedene ihrer Praktiken zu tadeln. Das Hai der Pogromanstifter, Dr. Dubrowin, richtete ungestraft einen grob Brief an den Metropoliten, nannte ihn in diesem Briefe ein „Judas Ischariot" usw. Jetzt hat der Metropolit sich den „wahrh russischen Leuten" unterworfen und wird zum äußeren Zeichen 0. Aussöhnung arn 14. Juli selber an einer Prozession teilnehmt welche der Verband, ausgerüstet mit einem aus Jerusalem gebrach! Heiligenbilde, veranstalten wird. Gegenwärtig macht sich Dubrov auch an den Premierminister Stolypin. Die „Russkoje Znam bringt einen maßlos heftigen Artikel gegen Stolypin in seil Eigenschaft als Minister des Innern. Stolypin glaube, daß er du; Ii | Ministerzirkulare allerhöchst bestätigte Gesetze umwerfen könne, „zum Schutze gegen die Juden erlassen wurden". Er habe i verfügen gewagt, daß die Juden, welche sich bis zum 5. Aug 1906 widerrechtlich außerhalb des Ansiedelungsrayons niedergelass; haben, auch in den okkupierten Orten bleiben können. Ge^ eine solche „bureaukratische" Willkür würden die Monarchist ebenso entschieden ankämpfen, wie gegen die Revolution von link Die freche Art, in der jetzt die Schwarzen auftreten, und die keine Zweifel darüber läßt, daß man in allerhöchsten Kreisen sehr ani semitisch gesinnt ist, dürfte ein einigendes Moment für die jüdische Parteien bilden. Unser Korrespondent berichtet weiter: Die vom neuen Wahlgesetze bewirkte Verminderung der Za! der Deputierten aus dem Königreiche Polen um zwei Drittel h:1 dazu geführt, daß die polnische Gesellschaft ihr Augenmerk auf dnordwestlichen und südwestlichen Provinzen richtet und die Fnueines polnisch-jüdischen Blocks auf die Tagesordnung steii Die Initiatoren dieses Blocks, unter denen sich sowohl Vertrete der jüdischen wie auch der christlichen Gesellschaft befinden, weise daraufhin, daß das Wahlgesetz die Stellung der Polen in den non: westlichen und südwestlichen Provinzen, wo sie das überwiegend Element unter den Grundbesitzern bilden, befestigt hat. Da abe: auf den Versammlungen der Wahlmänner aus ganzen Gouvernemen die Polen eine Minorität bilden werden, so ist ein Block mit de Juden, die sogar nach dem neuen Wahlgesetze in der Lage sei werden, in den Gouvernements Wolhynien, Podolien, Kiew, Grodm Witebsk und Minsk alle Wahlmänner der städtischen Kurien au ihrer Mitte durchzubringen, durchaus erforderlich. Auf diese Weis würde der polnisch-jüdischeBlock in den obengenanntenGouvernemen \ über eine bedeutende Zahl von Stimmen verfügen und bei gewisse Konzessionen zugunsten der Bauernkurie in der Lage sein, so wo!;; der polnischen wie auch der jüdischen Bevölkerung eine gerecb; Vertretung in der Duma zu verschaffen, den Einfluß des neue Wahlgesetzes zu paralysieren und oppositionelle Elemente in ci: Duma einzuführen. Die polnische Bevölkerung, die in den Städten der nordwes liehen und südwestlichen Provinzen (Stadt Wilna ausgenomme; nicht die Möglichkeit hat, ihre eigenen Kandidaten durchzubringe und in der Vergrößerung der Zahl der jüdischen Wahlmänner eine: Vorteil erblicken muß, muß sich bemühen, die jüdischen Kandidaten zu unterstützen. ~,Der Wahlspruch des geeinigten polnisch-jüdischen Blocks so lauten: „Verteidigung der Rechte der unterdrückten und verfolgter Nationalitäten." Das Projekt dieses polnisch-jüdischen Blocks bilde gegenwärtig den Gegenstand eifriger Diskussionen in den ver