Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der andern großen politischen Arbeit außerhalb der Türkei in allen Ländern der Diaspora, von der national-zionistischen-\ Politik, will Verfasser nächstens sprechen. In der „Jüdischen Rundschau" will deren Redakteur Dr. Heinrich Loewe die Probleme des Kongresses in einer Artikelserie „Gegenwartsarbeit in Palästina" behandeln. In einem ersten Artikel erörtert er zunächst kurz die Frage der politischen Arbeit. Diese scheide nach seiner Meinung aus der Diskussion des Kongresses überhaupt aus. Sie sei Sache des Präsidenten. „Wenn unser Präsident als Führer dieser Politik nicht das größte Verantwortlichkeitsgefühl vor sich selbst hat, grpßer und mehr noch als vor dem Großen Aktionskomitee und dem Kongresse, so wird uns seine Arbeit nicht fördern." . . . Aber solange wir von seinem Verantwortlichkeitsgefühl überzeugt sein können, dürfe seine politische Tätigkeit durch keine Neugierde des Kongresses gestört werden, es sei denn, daß der Präsident selbst die Erörterung auf dem Kongresse wünsche. Dagegen bilde die Materie „Arbeit in Palästina" das Hauptmoment des Kongresses. Im Vordergrunde stehe das wirtschaftliche Programm, das geeignet sei, unsere Positionen in Palästina zu stärken. Aber nicht minder wichtig seien die kulturellen Arbeiten daselbst, und der Kongreß würde sich einer verhängnisvollen Kurzsichtigkeit schuldig machen, wenn er die Geldmittel der Partei nur für wirtschaftliche Arbeiten verwenden wollte. Auch die im Wirtschaftlichen sich betätigenden Faktoren in Palästina selbst begingen einen Fehler, wenn sie sich von der Kulturarbeit fernhalten und sie außerhalb des Zionismus Stehenden überlassen. Bs genüge nicht, die hebräische Sprache zu fördern, man müsse auch das Kulturniveau in diesem Sprachgeiste erhöhen. Die beiden hebräischen Blätter Palästinas seien dafür ungeeignet. Schlimmer noch sei, „daß es keine Stelle in Palästina gibt, wo das wirklich werdende Hebräertum, das arbeitet und nicht bloß Arbeit sich und anderen vorspiegelt, zum vollen Ausdruck kommt". Insbesondere sei Jerusalem durch die Chalukahinteressen vergiftet (u. a. auch die jüdische Bibliothek des Dr. Chasanowitz). Unsere Tätigkeit dürfe aber nicht bei einer Kritik des Bestehenden stehen bleiben. Daß das Hebräische zur Notwendigkeit in Palästina geworden sei, sei bereits ein Erfolg 25 jähriger zionistischer Arbeit. Aber man könne auch in hebräischer Sprache falsche Assimilationspolitik treiben. Eine hebräische Zeitschrift, die wirklichen Kulturinhalt gibt, täte dringend not. Aber der Nachdruck aller Kulturarbeit liege doch in den Schulen und den Kulturvereinen der Erwachsenen. Jüdische Grundauffassung des Lebens müsse mit europäischen Errungenschaften vereint werden. Praktisch sei eine Zusammenarbeit der Zionisten mit den anderen kulturfördernden Organisationen im Lande („Hilfsverein" und „AUiance") zu erstreben. Aufgabe der zionistischen Schulpolitik sei es, hierbei die hebräischen und jüdischen Forderungen zur Geltung zu bringen. (Auch seien die Landessprache und das Türkische nicht zu vernachlässigen.) Freilich werden beim Zusammenschluß aller jüdischen Kulturinstitutionen zum Zwecke gemeinsamer Arbeit auch Grenzen abgesteckt werden müssen, um den einzelnen Gruppen ihre Interessensphären zu erhalten. Zionismus und Hebräertum werden dann von dieser gemeinsamen Arbeit profitieren können. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Intitutionen werden dadurch nicht verwischt, und es wird eine Grundlage für eine allgemeine fruchtbringende Arbeit geschaffen werden. * Im „Jüdischen Volk" stellt der Redakteur Dr. Lury die Frage? „Worin liegt der Fehler?" Unsere Organisation stütze sich auf eine exzeptionell einheitliche programmatische Anschauung, eine Synthese zwischen politischem und praktischem Zionismus, die das schwer erkämpfte Produkt zehnjähriger Arbeit sei. Bezüglich der praktischen Arbeit in Palästina sei von keiner Seite in letzter'Zeit etwas vorgeschlagen worden, was nicht bereits in den Beschlüssen und Resolutionen von Helsingfors vorgesehen sei. Die Personen, welche sich dem praktischen Programm gegenüber noch immer ablehnend verhalten und auf der Charterparole verharren, seien an den Fingern zu zählen. Sie kämen als schaffende Kräfte und als Faktor angesichts der überwältigenden Mehrheit nicht mehr in Betracht. Also — kein Zweifel, daß der Kongreß im Zeichen praktisch-politischer Arbeit und prinzipieller Einigkeit tagen und beschließen wird. Worin liegt also der Fehler? Nach des Verfassers Meinung in den gegenwärtigen organisatorischen Verhältnissen. Erst wenn diese verbessert würden, werde die Möglichkeit künftiger fruchtbringender Arbeit gegeben sein. Trotz der Beschlüsse des 7. Kongresses sei wenig an palästinensischen Arbeiten geschehen ■— daraus gehe hervor, daß alles an der Leitung liege. Der Grundfehler unserer obersten Leitung nun besteht darin, daß das Aktionskomitee nicht an einem Orte seinen Sitz habe. Infolge der örtlichen Entferung der Aktionskomiteemitglieder seien viele Arbeiten ganz unterlassen oder nur in geringem Umfange ausgeführt worden. Zwar sei auf dem letzten Kongreß der Beschluß gefaßt worden, zwei russische Zionisten als Mitglieder des A. C. nach Berlin zu entsenden, wo sich ein Kern des A. C. hätte bilden sollen, — aber der Beschluß blieb unausgeführt. Und so sei bei der schlechten örtlichen Zusammensetzung eine Zusammenarbeit ummöglich gewesen. Und viele Gelegenheiten, darunter auch sehr günstige politische, seien ganz versäumt worden. Außerdem käme aber auch die innere Zusammensetzung der Leitung in Betracht. Es sei ein Fehler, daß man sich oft bei der Wahl von Namen und alten Verdiensten, statt von dem Prinzipe leiten lasse, welche Personen am besten die Kongreßbeschlüsse auszuführen in der Lage seien. Das führende Organ muß eine einheitliche Körperschaft sein. Es sei einfach unvernünftig, Personen in die Leitung zu wählen, die mit den Kongreßbeschlüssen nicht einverstanden seien. Wenn man praktische Arbeit in Palästina will und Gegner dieser Arbeit in die Leitung wählt, schneide man sich ins eigene Fleisch. Unsere Leitung sei kein Ministerium, das mit einem in seiner Mehrheit und seinen Beschlüssen wechselnden Parlamente arbeiten und Kompromisse schließen muß. Ist jetzt Arbeit in Palästina unsere Kardinalforderung, so müssen alle A.-C- Mitglieder sie vertreten. Unsere Leitung muß das Zentrum, die wirklich führende Kraft der Organisation werden. Der Kongreß müsse ferner die Mittel finden, die Konzentrierung des Aktionskomitees an einem Orte herbeizuführen. Wenn die Besoldung der Mitglieder der Leitung, die dafür ganz der Bewegung sich widmen sollen, noch nicht als allgemeines Prinzip durchgeführt werden könnte, so müßte -— entsprechend dem Vorschlag Dr. Hantkes — zumindest ein Teil der Mitglieder besoldet werden, damit so die Möglichkeit der Schaffung eines örtlich vereinigten, innerlich homogenen Aktionskomitees geschaffen werde, — sonst würden alle Beschlüsse des Kongresses nur Beschlüsse bleiben und nie Leben werden. Mit einem eigenartigen Vorschlag tritt das Organ der amerikanischen Poalei-Zion, der „Jüdische Kämpfer'* auf: es proponiert nämlich die Abschaffung des Schekels als der normalen zionistischen Steuer und begründet das folgendermaßen: Früher, da der Zionismus seine ganze Hoffnung in die Diplomatie setzte, hat man den einzelnen Mitgliedern wenig Pflichten auferlegt — man hatte nur den Ehrgeiz, zu beweisen, daß der Zionismus eine starke Masse von Anhängern hat. Man glaubte, je mehr Juden im Zionismus vertreten sein werden, desto „erfolgreicher" werden die diplomatischen Verhandlungen sein. Deswegen war damals der Schekel die maximale Pflicht, für welche man die maximalen Rechte erhielt. Anders jetzt, wo wir verstehen, daß das Ziel des Zionismus nur durch einen langen und schweren Kampf zu verwirklichen, daß für die Erreichung unseres Ideals viele Mühe