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Die Welt · 1907-07-19 · 29 (19.7.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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8 =— DIE E^gE LT - , No. 29 PRESSESTIMMEN ZUM ACHTEN KONGRESS „Jewrejskaja Mysl" bringt in ihrer letzten Nummer einen Artikel von M. Ussischkin, worin er sich über die „Probleme des VIII. Kongresses" etwa folgendermaßen äußert: „Der VIII. Kongreß unterscheidet sich in vielen wesentlichen Punkten von allen vorangegangenen Kongressen. Die Bedeutung der früheren Kongresse bestand hauptsächlich in ihrer demonstrativen Seite nach aussen. Der VIII. Kongreß hingegen wird ausschließlich den inneren Problemen des Zionismus seine Aufmerksamkeit zuwenden. Ein weiterer großer Unterschied besteht darin, daß jetzt zum erstenmal das Aktionskomitee vom Plenum des Kongresses bestimmte Direktiven erwartet, während früher, wenigstens bei den ersten fünf Kongressen, das Aktionskomitee immer mit fertigen Direktiven vor die Delegierten trat, (wobei es ganz gleich ist, ob diese Direktiven richtig oder falsch waren) und die Delegierten entweder alles abzulehnen oder nur kleine Details umzuändern hatten. Anders konnte es auch nicht sein. Zum erstenmal schlug die Stimmung vor dem VI. Kongresse um, aber erst auf dem VII. Kongresse erschienen die Delegierten mit ganz bestimmten und klaren programmatischen Grundanschauungen. Aber damals war die Situation doch im Grunde einfacher, denn alles drehte sich um das eine Prinzip: ob der Zionismus eine historische Bewegung bleiben soll, ein Ausfluß der jüdischen Seele, die Antwort auf das traditionelle jüdische „Heimweh", oder nur eine momentane Erscheinung, nur die Folge der Pogrome und der jüdischen Verfolgungen, d. h. ob der Zionismus ein Bedürfnis der jüdischen Emotion sein soll oder ein Echo der äußeren Wirkungen. Jetzt ist die Situation viel komplizierter. Vor allem ist die Zeit zur Vorbereitung sehr kurz. Unsere offiziellen Leiter und Organe versicherten bis zum letzten Moment, daß in den Reihen vollständige Einigkeit herrscht, daß unsere Sache in sicheren Händen sei und dergleichen mehr, in Wahrheit erwiesen sich zuletzt die Dinge ganz anders. Viele Seiten unserer Arbeit verlangen eine Revision, unser Aktionskomitee aber kann dem Kongreß kein ganzes und klares Programm vorlegen. Zum erstenmal seit 10 Jahren erwartet man die- Direktive vom Plenum. Es ist schon das Geheimnis des Polichinell, daß unser Aktionskomitee aus zwei Gruppen besteht: die eine mit einem bestimmten Ziel vor den Augen, aber ohne Macht in den Händen, die andere mit den Möglichkeiten der Exekutive ausgestattet, aber ohne bestimmtes Programm. Die Debatten der vergangenen Jahreskonferenz, die in der „Welt" veröffentlicht wurden, haben es klar bewiesen . . . Das ist es, warum die Vorbereitung zu diesem Kongreß eine viel tiefere sein muß und die Delegierten mit klaren Anschauungen zum Kongreß kommen müssen. Der Verfasser will in einer Reihe von Artikeln die Probleme des nächsten Kongresses erörtern. Die erste Frage, die zu beantworten ist, lautet: Welche Bedeutung ist dem diplomatischen Elemente in einer politischen Bewegung zuzuschreiben? Es ist von vornherein klar, daß die Diplomatie nur dann ein mächtiger Faktor ist, wenn sie die Stütze in einer konkreten Macht findet. Diese Macht können bilden: Eine Armee, das Geld, oder — revolutionäre Kräfte. Von einer Armee kann selbstverständlich keine Rede sein. -Geld werden wir vielleicht einst haben, vorläufig aber ist unsere Partei — wozu das verheimlichen — sehr arm. Was unsere „Revolutionäre" anbetrifft, so sind die wenigen Poale Zion schwach und unbedeutend. Nach all dem ist es zu begreifen, warum unsere Diplomatie die Hoffnungen, die man einst auf sie gesetzt, nicht gerechtfertigt hat. Die schöne und berückende Persönlichkeit Herzls hat wenigstens diese Diplomatie mit einer Aureole von Glanz umgeben, während seine Nachfolger riskieren, daß sie zu einer Karrikatur wird. . . . Deswegen muß der VIII. Kongreß die Diplomatie ganz vertagen bis zur Zeit, wo wir die Kräfte besitzen werden, auf welche wir uns stützen könnten. Was soll aber diese Diplomatie ablösen? Einzig und allein: Die Arbeit in der Türkei und eine nationale Politik in der Diaspora. Unter der Arbeit in der Türkei verstehen wir eine unaufhörliche Einwirkung auf die entsprechenden Elemente in der Zentrale des Türkischen Reiches, nicht zwecks der Eroberung eines Charters, sondern, um allmählich, schrittweise unsere Rechte und Privilegien in Palästina zu erweitern. Gleichzeitig muß das Studium der politischen Einrichtungen der Türkei gepflegt werden, und endlich die Vorbereitung der öffentlichen Meinung zugunsten unseres Ideals und die Erziehung des Menschenmaterials. In dieser Richtung ist bis jetzt nichts geschehen. Wir arbeiten zehn Jahre im politischen Zionismus und haben bis jetzt keine Vertretung unsere/ Interessen in der Hauptstadt der Türkei, kein Organ, das fortwährend für uns gearbeitet hätte und jeden günstigen Moment hätte ausnützen können, Keine der glänzenden und feierlichen Reisen eines Herzl,oder die stillen seines Nachfolgers nach Konstantinopel für einige Tage haben etwas ausgerichtet, und sie werden nichts ausrichten können. Und wer weiß, wie viele günstige Momente unnütz verloren gegangen sind. Es ist kein Geheimnis, daß während der finstern Oktobertage 1905 ein solch günstiger Moment war, für welchen das A. C. unvorbereitet war. Es darf nicht weiter so gehen. Es muß eine ständige Vertretung unserer Interessen geschaffen werdsn. Die Vorsteher dieser von uns zu schaffenden Vertretung könnten immer, indem sie in Beziehung zu den leitenden Elementen des Landes träten, die günstigen Momente in unserem Interesse ausnützen. Die freie Einwanderung in das Land, die Erleichterung der Landeinkäufe, die Verbesserurig des Systems der Steuern, die Eroberung von Rechten für unsere Institute, — das sind die allmählichen Übergänge zum zukünftigen allgemeinen Charter. Es gibt keinen anderen Weg, nicht nur für Juden, sondern für jedes andere Volk. Diese Arbeit innerhalb der regierenden Elemente genügt jedoch nicht. Wir müssen auch die Sympathien der einheimischen Bevölkerung gewinnen, und dazu ist die Presse und die Literatur in der arabischen und der türkischen Sprache notwendig. Und wie hat unser A. C. diese Frage behandelt? In der letzten Zeit erschienen in Ägypten und Beirut drei Bücher, die der Frage der Auferstehung des Orients und dem zionistischen Problem gewidmet sind. Hat das A. C. irgendwie darauf reagiert? Der Versuch einiger Leute, in Ägypten ein arabisches Preßorgan zu schaffen, stieß auf völlige Indifferenz. Indessen ist es klar: Wenn unsere Bewegung keine philanthropische, sondern eine politische und auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, so müssen wir lange und systematisch die eingeborene Bevölkerung zur Aufnahme des jüdischen Elementes vorbereiten. Sonst würden wir die Rechnung ohne den Besitzer machen. Aber für unsere Tätigkeit innerhalb der Bevölkerung einerseits und der regierenden Sphären anderseits sind Menschen notwendig, Männer der Idee und der Tat, die die notwendigen Kenntnisse des türkischen Rechtslebens, der türkischen und arabischen Sprache besäßen und die auch über eine allgemeine Bildung verfügt hätten. Haben wir solche Männer? Nein. Denn unsere politische Bewegung war so unpolitisch, daß sie keine Männer vorbereitet hat. Wir müssen dem ein Ende machen, sonst sind wir bankrott. Das A. C. muß aus den Reihen unserer Jugend Stipendiaten schaffen, sie nach Ägypten und Konstantinopel schicken, anderseits junge Leute von dort aus nach Europa senden. Das muß sehr umsichtig gemacht werden, aber man muß unverzüglich darangehen.

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